AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
Fantasy Filmfest 2019 - Teil 3
von André Becker

Fantasy Filmfest 2019 - Teil 3

Der Weg zum Fantasy Film Fest in Berlin gleicht vor allem in den Abendstunden einem Hindernisparcours. Tritt man aus der U-Bahnhaltestellte auf die Straße gilt es zunächst einmal den mittlerweile in der Stadt omnipräsenten E-Rollern auszuweichen. Ist das geschafft muss man sich vor dem Cine Star Sony Center einen Weg durch die Touristenmassen bahnen. Im Kino angekommen überwiegt dann auch die Erleichterung es ohne Schrammen in die wohlig weichen Sitze geschafft zu haben.

Die letzten Tage des Festivals zeigten noch einmal die enorme Bandbreite der Stile und Genres, die in diesem Jahr das Programm bereichert haben. Insbesondere am letzten Festivalwochenende gesellt sich allerdings zu dem Gefühl ein paar wirkliche Highlights gesehen zu haben auch ein wenig Trübseligkeit. Zwölf Tage sind halt doch ruckzuck vorbei. Aber alles der Reihe nach. Bevor die große Rundumbetrachtung erfolgt gilt es zunächst einen Blick auf die letzten Festivaltage zu werfen.

Fantasy Filmfest 2019 - Teil 3

Am Donnerstag konnte man mit DINER von Mika Ninagawa (SAKURAN - WILDE KIRSCHBLÜTE) wieder in die wilde Filmwelt Japans eintauchen. Nach dieser hemmungslosen Mixtur aus Thriller, Groteske und Foodporn (!) stand einigen Besuchern die pure Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Ein komplett irrer Bilderrausch, der fast im Minutentakt von genial zu gaga wechselte und der eine abschließende Bewertung entsprechend schwierig machte. Sehr bunt, sehr überdreht, dann wieder hemmungslos verkitscht und teils tieftraurig. Sicherlich nicht jedermanns Sache, im Festivalprogramm aber definitiv eine Special Mention wert. Ebenfalls am Donnerstag zu sehen war außerdem der starbesetzte THE PROFESSOR AND THE MADMAN mit Mel Gibson, Sean Penn und Natalie Dormer. Zusammen mit Casey Afflecks Regiearbeit LIGHT OF MY LIFE eine der ungewöhnlichsten Festival-Beiträge, die aufgrund ihrer ruhigen Inszenierung eine angenehm entschleunigende Wirkung entfalteten.

Am Wochenende stand am frühen Nachmittag ein weiterer Nippon-Kracher in den Startlöchern. KINGDOM von Shinsuke Sato (bekannt für den Zombie-Kracher I AM HERO) schlug im Vergleich zu DINER allerdings eine komplett andere Richtung ein. Die im Heimatland überaus erfolgreiche Manga-Verfilmung erinnerte in ihren besten Momenten an die glorreichen Klassiker des japanischen Kinos der späten siebziger und achtziger Jahre (man denke an DIE LEGENDE VON DEN ACHT SAMURAI von Kinji Fukasaku etc.).

Die Geschichte um den Kampf eines ehemaligen Sklaven der mit seiner Gefolgschaft (u.a. eine junge Dame in einem Eulenkostüm und eine Horde ungehobelter Kämpfer eines mysteriösen Bergvolkes) eine Intrige am Hof aufdeckt und es dafür mit einer Armada an Feinden aufnimmt, sammelte vor allem mit der sehr stark ausgeprägten Fokussierung auf den Abenteueraspekt der Handlung Pluspunkte. Extrem massenkompatibles Mainstream-Futter, dass seine Heldenreise sehr mitreißend erzählte und diesbezüglich enorm abwechslungsreich blieb. Ein unerwartet toller Film mit dem man in dieser Form nicht gerechnet hatte. Sehr schön, dass diese Perle, die während des Festivals noch keinen deutschen Verleih hatte, hierzulande demnächst via Capelight den Weg in die Kaufhausregale findet.

Der Sonntag bot neben grobschlächtiger Bodycount-Ware (der australische Splatter-Streifen THE FURIES) mit 3 FROM HELL von Rob Zombie gar eine waschechte Weltpremiere. Der vorletzte Film des Festivals zog dabei überraschenderweise nicht die erwartete Aufmerksamkeit der Berliner Besucher auf sich. Gut besucht, aber nicht annähernd ausverkauft blieben einige Plätze unbesetzt. Ein deutlicher Beleg dafür, dass der Filmemacher nicht mehr die Strahlkraft von einst besitzt.

Fantasy Filmfest 2019 - Teil 3

Die Filme des Metal-Musikers sind schon länger eng mit dem Festival verknüpft. Zombies Debüt HAUS DER 1000 LEICHEN wurde (nach langen Hin und Her) ebenso gezeigt wie seine späteren Werke wie der gemeinhin unterschätzte LORDS OF SALEM. Sein letzter Film 31 fand allerdings nicht den Weg in das Festivalprogramm. Zum Glück muss man sagen, denn mit diesem Totalausfall hat sich Zombie nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ein vollkommen inspirationslos heruntergedrehter Gewalt-Porno der allerübelsten Sorte. Zu Recht in der Manifest-Kritik so richtig abgewatscht.

Aber Schwamm drüber. Auch Zombie verdient eine weitere Chance und so war im Publikum spürbar, dass hier mit allem gerechnet wurde. Totale Gurke oder neues Genre-Highlight. Möglich schien alles. Nach Sichtung des Films blieb man schließlich ein wenig ratlos zurück. Zweifellos ist 3 FROM HELL eine deutliche Steigerung gegenüber Zombies letztem Film. Wirklich gelungen ist die direkte Fortsetzung zur Tour de force THE DEVIL'S REJECTS jedoch nicht. Auf der Habenseite kann der Film vor allem eine sehr stark aufspielende Sheri Moon Zombie vorweisen, die hier die mit Abstand beste Performance ihrer Karriere hinlegt. Zudem gestattet sich Zombie ein paar durchaus poetisch-zärtliche Momente, die im Kontrast mit der erwartungsgemäß dreckigen Grundatmosphäre eine reizvolle Mischung ergeben. Darüber hinaus zeigt Zombie in mehreren Einzelszenen, dass er es durchaus versteht das satirische Potential der Story anzuzapfen und im Sinne einer ins Perverse verkehrten Geschichte über den American Dream zu inszenieren.

Diesen positiven Eindrücken stehen jedoch mehrere ausgesprochen negative Aspekte gegenüber. Sei es die misogyne Inszenierungsweise die trotz der starken Fokussierung auf die weibliche Hauptfigur immer wieder und sehr massiv durchbricht oder die zu stark dem Vorgänger nachempfundene Dramaturgie, bei der einige Szenen fast identische Abläufe vorweisen. Zombies neuestes Werk hat also mit so einigen Problemen zu kämpfen. Und dass der Showdown zwar in einem sehr stimmungsvollen Setting (eine mexikanische Kleinstadt) stattfindet, der Film bei den Effekten aber überwiegend auf deutlich sichtbare, schlecht zusammen gefriemelte CGI zurückgreift, dürfte vor allem das angepeilte Publikum verschrecken.

Der Abschlussfilm SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK war dann leider ein ebenso zwiespältiges Vergnügen. Der vom erfolgsverwöhnten Regisseur André Øvredal (TROLLHUNTER) inszenierte und von Guillermo del Toro produzierte Grusel-Streifen bot zwar tolle Effekte, ein verspieltes Monster-Design und unverbrauchte Darsteller, hechelte mit seinem Retro-Ansatz (nach dem Erfolg von STRANGER THINGS und co. muss scheinbar JEDER höher budgetierte Horrorfilm in der Vergangenheit herumeiern) viel zu bemüht einem nicht totzukriegenden Trend hinterher. Und das im gesamten Film so gut wie nie echte Spannung aufkam spricht Bände.

Fantasy Filmfest 2019 - Teil 3

So endete das Festival nicht mit einem großen Knall (was aber nach Begutachtung des Trailers und der Vorabkritiken niemand erwartete), sondern eher mit einem lauen Lüftchen. Das ändert aber nichts an dem positiven Gesamteindruck, der auch durch die vielen Entdeckungen des Festivals (der russische Ausnahmefilm WHY DON'T YOU JUST DIE ist hier zu nennen) sehr früh gefestigt wurde.

Erfreulich ist überdies, dass es in diesem Jahr sehr viele Regisseurinnen in das Programm geschafft haben und hier für frische Perspektiven gesorgt haben. Beispielsweise DARLIN, das Sequel zur Jack Ketchum-Verfilmung THE WOMAN mit dem Pollyanna McIntosh ihr Regiedebüt gab. Ferner soll an dieser Stelle noch ein dickes Lob an die Macher ausgesprochen werden. Die Anmoderationen und die Begleitung der Q&A-Runden waren wie in den Vorjahren erneut sehr aufschlussreich und unterhaltsam. Ein nicht zu unterschätzender Punkt, der gerade bei Event-Festivals wie der Berlinale viel zu kurz kommt. Die vielen eingestreuten Anekdoten sorgten zudem für viele interessante Einblicke in die Festival-Planung und die Erfahrungen bei den vorherigen FFF-Ausgaben. Übrigens: Mit DEATHCEMBER wurde am letzten Festivaltag bereits der erste Titel für die White Nights 2020 angekündigt.

Der erste Teil.

Der zweite Teil.

Mehr auf fantasyfilmfest.com

 



AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2019 a.s.