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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
37. Internationales Filmfestival Rotterdam 2008
von Heiko Hanel

37. Internationales Filmfestival Rotterdam 2008

Ich sitze im Luxor, eigentlich ein altes Theater aber immer im Januar das größte Kino Rotterdams. Auf der Leinwand springen zottelige Monster durch österreichische Dörfer und verprügeln heulende Kinder. Der Film heißt KRANKY KLAUS, das Ritual nennt sich Krampus. Ich habe noch nie was davon gehört aber der amerikanische Kunstfilmregisseur Cameron Jamie mag schmerzhafte Rituale und wird nicht müde, sie an den entlegensten Orten auf Video zu bannen (Österreich!). Die Melvins improvisieren live dazu. Ohrenbetäubend. Den am Eingang ausgeteilten Gehörschutz schiebe ich mir noch ein Stückchen weiter in die Ohren. Es tut aber immer noch weh. Morgen soll der japanische Noisemusiker Kenji Haino zu Jamies Filmen spielen und übermorgen alle zusammen. Ich überlege, ob das gut für meine Ohren ist (ist es nicht, wie ich am nächsten Abend feststelle). Morgens sitzen dann Haino, Jamie und die Melvins am Nachbartisch im Hotel und essen Rührei zum Frühstück. Irgendwie habe ich kein Problem, mir die Ausscheidungen dieser Leute vorzustellen. Aber dass die wilden Melvins und der stets sonnenbebrillte Haino Rührei zu sich nehmen, entmystifiziert sie irgendwie. Aber welch schöne Entmystifizierung, wenn sie neben mir am Frühstückstisch stattfindet.

Ich bin in Rotterdam beim 37. internationalen Filmfestival und alles ist wunderbar. Das spannendste Filmfestival in Europa unterscheidet sich grundlegend von allen anderen Festivals. Es ist das Festival der spektakulären Neuentdeckungen. Das Festivalteam sucht weltweit und ohne Rücksicht auf unterstellte Sehgewohnheiten der Zuschauer die besten Filme aus. Im Gegensatz zu offiziellen A-Festivals wie Cannes, Venedig oder Berlin spielt es auch keine Rolle, ob die Filme schon auf anderen Festivals liefen oder nicht. So konnte man dieses Jahr neben zahlreichen Weltpremieren wie immer auch einige Filme sehen, die bereits letztes Jahr in Cannes oder Venedig liefen. In Rotterdam wurden Regisseure aber auch Filmländer überhaupt erst entdeckt. Vor allem Asien, insbesondere Taiwan, Indonesien, Thailand und Japan haben Rotterdam viel zu verdanken. In den Neunzigern entdeckte Regisseure wie Takeshi Kitano, Takashi Miike oder Shinya Tsukamoto hätten international wenig Chancen gehabt, wenn deren Filme nicht konsequent In den Niederlanden gezeigt worden wären. Aus Verbundenheit zeigen viele Regisseure ihre Filme auch später noch in Rotterdam. Natürlich ist ein Platz im Wettbewerb der drei Wochen später stattfindenden Berlinale so verlockend, dass vor allem etablierte Regisseure versuchen, ihre Filme auch aus kommerziellen Gesichtspunkten, dort unterzubringen. So sieht man viele Filmemacher zweimal in Rotterdam. Auf dem Weg nach oben und dem Weg nach unten. Zu den letzteren gehörten dieses Jahr Takeshi Kitano und Peter Greenaway, deren Kunst ihren Zenith schon vor einer Weile überschritten hat. Ein weiterer Weg, Künstler an sich zu binden, besteht in der Filmstiftung Hubert Bals Fund, die Finanzierung und Vertrieb zahlreicher Filme übernimmt aber auch Regisseure und Drehbuchautoren zu Industrieveranstaltungen während des Festivals einlädt. Wohl einmalig ist, dass die Niederländische Regierung die Stiftung jedes Jahr mit zweistelligen Millionenbeträgen unterstützt. Von diesem Geld werden dann fast nur ausländische Filme, bevorzugt aus der dritten Welt gefördert. Da könnte sich die deutsche Filmförderung ein Scheibchen von abschneiden, deren unterstützte Filme oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Der letzte vom Hubert Bals kofinanzierte Film, der international Furore machte, war 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE, der zu Recht letztes Jahr die goldene Palme in Cannes gewann. Und so ist es jedes Jahr ein Abenteuer, ob man aus Hunderten von Filmen, deren Herkunftsland man auf einem Globus oft nur grob dem Kontinent zuzuordnen kann, eine gute Auswahl trifft.
Der wichtigste Grund für die Beliebtheit des Festivals ist allerdings das Publikum. Ob Experimentalfilm oder Pornographie: die Kinos sind meist ausverkauft. Selbst Filme von Carlos Reygadaz oder gar Charles Benning, deren Geschwindigkeit selbst die Geduld eines gleichmütigen Publikums auf harte Proben stellen, sind gut besucht. Gut englisch sprechende Holländer strömen aus Rotterdam und Umgebung zu diesem Großevent, das sich, einmalig für ein so großes Festival, zu einem Drittel über die Entrittskarten finanziert. Als Takashi Miike vor sechs Jahren gleich vier neue Filme vorstellte, begegnete er einer begeisterten Zuschauermeute. Angesichts einer Stimmung wie bei einem Popkonzert ließ er es sich nicht nehmen, alle 4 Filme noch mal anzusehen. Die ganze Stadt nimmt am Festival und den Hunderten von Begleitveranstaltungen in Galerien, Museen, Clubs und Kneipen teil. Dies ist auch der Grund, weshalb auch die Journalisten lieber in die offiziellen Vorstellungen gehen als in die drögen Pressevorführungen.
Ein weiteres Argument für Rotterdam ist konstant schlechtes Wetter im Januar, was den Besuch eines warmen Kinos deutlich verlockender macht als 27 Grad und Sonne im Mai in Cannes.

Im Gegensatz zu letzten Jahr habe ich 2008 eine spektakuläre Auswahl getroffen und fast nur gute Filme gesehen. Eine Linie war wie üblich nicht auszumachen aber die meisten guten Filme waren diese Jahr sehr langsam. Bestes Beispiel: Carlos Reygadaz. Der Mexikaner stellte seinen neuen Film STELLET LICHT vor. Der Familienvater Johan liebt neben seiner Frau noch eine Andere und droht daran zu zerbrechen. Irgendwann ergreift seine Frau Konsequenzen, mit der er offen über sein Verhältnis spricht. Eigentümlich ist der Ort des Geschehens: eine isolierte mennonitische Gemeinde im Norden Mexikos, in der alle Protagonisten einen altfriesischen Dialekt sprechen. Die Darsteller wurden komplett aus der Gemeinde rekrutiert. Wie schon in BATALLA EN EL CIELO zeigt die meditative, visuell atemberaubende Inszenierung in einer weiten Graslandschaft, die ein wenig an Terrence Malicks DAYS OF HEAVEN erinnert, nur Fragmente der eigentlichen Tragödie. Gerade die religiöse Gemeinschaft, die Johans Verhalten zu keinem Zeitpunkt verurteilt, rückt Johans Konflikt dennoch ins Zentrum dieser sehr berührenden Dreiecksgeschichte.

Um Religion geht es auch in SECRET SUNSHINE vom Koreaner Lee Chang-Dong. Doch hier hat sie den gegenteiligen Effekt. Die junge Witwe Shin-ae zieht mit ihrem kleinen Sohn in den Geburtsort ihres verstorbenen Mannes. Erfolgreich lebt sie sich in der Kleinstadt ein. Doch dann schlägt das Schicksal erneut zu und ihr Sohn wird entführt und ermordet. In ihrer Trauer findet sie zu Gott. Erst als sie erfährt, dass auch der Mörder ihres Sohnes im Gefängnis zu Gott betet und Dieser ihm sogar vergeben habe, rastet sie aus. Für die Darstellung der selbstbewussten Mutter in diesem großartigen, immer die Balance zwischen Überraschung und Realität findenden Drama erhielt Jeon Do-Yeon den Darstellerpreis in Cannes.
Ebenfalls langsam sind die Filme von Pen-ek Ratanaruang, der mit dem bereits von Björn Eichstädt besprochenen Film PLOY magische Momente eines Paares zeigt, das in einem Flughafenhotel feststellt, dass es sich auseinandergelebt hat.

Noch langsamer war THE MAN FROM LONDON von Bela Tarr. Bekannt für stilisierte Schwarzweiss-Tableaus, reduziert er hier eine Kriminalgeschichte von Georges Simenon so auf das Wesentliche, dass von Story und Dialogen nur ein Gerüst übrig bleibt. In minutenlangen Kameraschwenks schleichen die Protagonisten in ihr Verderben und werden dabei vom Schwarz der Leinwandnacht verschlungen. Mehr Noir als Film.

Schneller inszeniert ist der neueste Teil von George Romeros Zombiereihe. In DIARY OF THE DEAD werden Filmstudenten Opfer der titelgebenden Untoten. Romero kann sich nicht so recht zwischen Gesellschaftskritik und Brachialhumor entscheiden. Trotzdem ein unterhaltsamer Film.

Reine Unterhaltung ist APPLESEED EX MACHINA von Shinji Aramaki. Der aufwändige 3D-Animationsfilm um einen Überwachungsstaat, in dem die Bürger per Satellit über Headsets zu willenlosen Faschozombies umgemodelt werden, die nur noch von einer Frau, einem Cyborg und dessen genetisch identischem Klon gerettet werden können, bedient sich hemmungslos bei anderen Genrefilmen. Von mir auf Ähnlichkeiten zum SPONGE BOB FILM hingewiesen, behauptet der sehr sympathische Aramaki, Diesen noch nicht gesehen zu haben, das aber nachholen zu wollen.

Einem anderen höflichen Japaner ist die diesjährige Retrospektive gewidmet. Masahiro Kobyashi hat nach einigen erfolglosen, sehr schönen, lakonischen und stilisierten Filmen über einsame Menschen im verschneiten Hokkaido auf Radikalität gesetzt und mit Handkamera kleine Dramen im tristen Alltag von Menschen inszeniert, die sich bewusst an den Rand der Gesellschaft begeben haben. In BASHING wird eine aus dem Irak zurückgekehrte Volontärin von den Einwohnern ihres Heimatortes mit Verachtung gestraft. In REBIRTH trifft ein trauernder Vater ausgerechnet in der entlegenen Fabrik, in die er sich zurückgezogen hat, auf die Mutter der Mörderin seines Sohnes. Trotz allem findet eine Annäherung statt. Gerade wenn man diese beiden Filme mit dem schönen AMAZING STORY vergleicht, erkennt man die Radikalität, mit der sich Kobayashi weiter entwickeln möchte. Und auch den Mut des Festivals, einem derart langsam inszenierenden Regisseur die Retrospektive zu widmen. Im Interview erzählt der sehr gesprächige Regisseur von seiner wechselhaften Karriere und davon, wie er aus seinem Rotterdamer Hotel rausflog weil er verbotenerweise im Zimmer geraucht hat. Beglückt beschließe ich, REBIRTH noch mal eine Chance zu geben, den ich beim Filmfestival in Tokio mangels Geschwindigkeit vorzeitig verlassen hatte.

Genauso langsam aber voller Melancholie sind normalerweise die Filme des taiwanesischen Meisterregisseurs Hou Hsiao-hsien, der im Jahr 2001 mit seinem traumhaften MILLENNIUM MAMBO den schönsten Film über in den Tag lebende Jugendliche überhaupt drehte. Jetzt hat es ihn nach Frankreich verschlagen und Juliette Binoche spielt in LE VOYAGE DU BALLON ROUGE eine alleinerziehende Mutter, die sich mit allerlei Alltäglichkeiten herumplagen muss. Der Realismus überrascht angesichts nicht vorhandener Französischkenntnisse seitens des Regisseurs. Aber trotz Juliette Binoche, die hier das Arthouse-Chick der letzten Jahre weit hinter sich lässt und wahrscheinlich ihren besten Auftritt seit….., die ihren besten Auftritt hinlegt, will sich der Hou Hsiao-hsien-Zauber nicht so recht einstellen. Aber vielleicht liegt das auch an dem erwachsenen Thema und der fehlenden jugendlichen Melancholie.

Von der hat es reichlich in Gus van Sants PARANOID PARK, der einen tragischen Unfall in der Nähe eines Skaterparks aus der Sicht mehrerer Adoleszierender beschreibt. Van Sant begibt sich hier ziemlich erfolgreich auf Larry Clark-Terrain. Hardcoresex wird allerdings durch spektakuläre Kameraarbeit von Wong Kar-Wai Spezie Christopher Doyle ersetzt.

Die Kamera ist wie gewohnt auch bei Brian DePalmas Irakkriegsdrama REDACTED ansehnlich. Wie auch DIARY OF THE DEAD im Amateurvideokamerastil gedreht und natürlich überhaupt nicht so aussehend, leidet die von DePalma im Internet recherchierte, wahre Geschichte um ein paar US-Soldaten, die im Irakkrieg ein Mädchen vergewaltigen und dann zusammen mit dessen Familie ermorden, unter dem Overacting der jungen Schauspieler. Durchweg unbekannt und irgendwie durchweg etwas zuviel des Guten stolpern sie durch diese gut gemeinte Abrechnung mit der amerikanischen Invasion.

Ebenfalls mit Videokameras gedreht wurde der spanische Blockbuster REC, in dem ein Fernsehteam die Feuerwehr bei einem nächtlichen Einsatz begleitet. Der Routineeinsatz wird zum Horrorfilm, nachdem die Männer ein Haus betreten, in dem ein Virus ausgebrochen sein soll. Diese filmische Achterbahnfahrt, deren spanischer Trailer nur Infrarotaufnahmen des schreienden Publikums zeigt, machte selbst dem Publikum der drögen Pressevorführungen Angst und wird bestimmt auf dem nächsten Fantasy Filmfest zu sehen sein.

Ebenfalls schwierig anzuschauen ist CARGO 200 von Alexej Balabanov. Nachdem er in DEAD MAN'S BLUFF noch auf eine sehr komödiantische Art mit der Karriere der Moskauer Oligarchen abgerechnet hatte, lässt der Russe diesmal allen Humor beiseite und beschreibt die Ereignisse um die Entführung und Vergewaltigung der Tochter eines Kleinstadtpolitikers im trostlosen, ländlichen Russland des Jahres 1984. Die Quäleinfälle des Entführers, der selbst bei der Polizei arbeitet und regelmäßig Verdächtige erschießt, überschreiten zahlreiche Geschmacksgrenzen. Das Mädchen könnte eigentlich gerettet werden, wenn einige Opportunisten nicht ihren Mund halten würden. So kommt Hilfe ausgerechnet aus der religiösen Ecke. Großer Film, schwer anzuschauen.

Worum es im Episodenfilm YOU, THE LIVING von Roy Andersson geht, bleibt unklar. Wie auch schon in SONGS FROM THE SECOND FLOOR verrichten spießig aussehende Schweden im Schneckentempo skurrile Dinge. Diesmal erlaubt sich der Fan von Jacques Tati eine Menge Slapstick, der mal mehr oder weniger funktioniert. Sehr gut funktioniert die Geschichte von einem LKW-Fahrer, der beim Versuch scheitert, auf einer Dinnerparty zur Unterhaltung der Abendgesellschaft die Tischdecke unter dem 200 Jahre alten Geschirr wegzuziehen. Nachdem er deshalb zum Tode verurteilt auf dem elektrischen Stuhl landet, funktioniert dieser nicht. Während ein Mechaniker die Gebrauchsanweisung liest und der Verteidiger schluchzend den Raum verlässt, mampft das Publikum hinter einer Glasscheibe Popcorn. Mit perfektem Timing und fast unbeweglicher Kamera kommt Andersson damit Blake Edwards PARTYSCHRECK oder Tatis PLAYTIME manchmal ziemlich nahe. Aber nur manchmal.

Ein surreales Vergnügen ist Serge Bozons LA FRANCE, in dem sich während des ersten Weltkriegs die Frau eines Soldaten als Mann verkleidet einer Gruppe von Deserteuren anschließt, die sich möglicherweise auf der Suche nach Atlantis befindet. Auf selbstgebauten Instrumenten spielen sie in regelmäßigen Abständen Sixtiespop. Zwischendurch wandern sie durch menschenleere Natur und dem Zuschauer bleibt verborgen, ob das Grüppchen diese Welt nicht schon längst verlassen hat.

Nach diesem Programm fällt die Heimfahrt schwer. Zumal man jedes Mal nur einen Bruchteil des gezeigten Programms ansehen kann. Den Experimentalfilm, der wie jedes Jahr großen Raum einnahm, habe ich diesmal völlig ignoriert. Was ich bereue, nachdem mir Takashi Makino eine DVD mit zwei seiner, in einer Kurzfilmreihe gezeigten, Experimentalfilme in die Hand drückt, während ich eigentlich gerade in Richtung Freibier und Industrieparty ziehen wollte. TRANQUIL und ELEMENTS OF NOTHING sind zwei wunderschön geschnittene, sehr abstrakte Clips mit Musik von Jim O'Rourke. Nächstes Jahr also ein neues Abenteuer mit mehr Experimentalfilm und besseren Ohrenstöpseln.


37. Internationales Filmfestival Rotterdam 2008
37. Internationales Filmfestival Rotterdam 2008
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4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
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