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4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE (Rumänien 2007)

von Matthias Mahr

Original Titel. 4 LUNI, 3 SAPTAMANI SI 2 ZILE
Laufzeit in Minuten. 113

Regie. CHRISTIAN MUNGIU
Drehbuch. CHRISTIAN MUNGIU
Musik. -
Kamera. OLEG MUTU
Schnitt. DANA BUNESCU
Darsteller. ANAMARIA MARINCA . LAURA VASILIU . VLAD IVANOV . ALEXANDRU POTOCEAN u.a.

Review Datum. 2007-11-14
Kinostart Deutschland. 2007-11-22

Der Titel suggeriert die Zeit, die Studentin Gabita Dragut (Laura Vasiliu), wohl bereits schwanger ist, an jenem Tag, als sie mit Hilfe ihrer Kommilitonin und besten Freundin Otilia (Anamaria Marinca) ihr Kind abtreiben will.
Im Film selbst wird diese Klarheit bewusst ausgespart. Halbwahrheiten und Misstrauen bestimmt die Handlung der Personen im Rumänien der Ära Ceau?escu, einem Land, in dem bei jedem Zimmerbesuch im Hotel der Ausweis abzugeben ist. Abtreibung ist hier verboten und nach dem dritten Monat wird die Strafe, zumindest für die durchführende Person, schwer verstärkt. Gabita versucht sich dagegen auf doppelte Weise abzusichern. Sie vertraut sich Bébé (Vlad Ivanov), einem Mann, an, der bekannt dafür ist auch das erhöhte Risiko einzugehen, beschwindelt ihn aber erst recht, dass sie erst im Dritten ist. (Was er ihr freilich nicht glaubt.) Die schwer verunsicherte Gabita bürdet Organisation und Kontaktaufnahme fast komplett ihrer stärkeren Freundin auf, die Hotelreservierung, um die sie sich selbst kümmerte, versaute sie völlig. So kann man sich nicht im von Bébé gewünschten Etablissement einquartieren, sondern muss in ein Quartier ausweichen, in dem man's mit erwähnter Ausweisbestimmung ganz genau nimmt.

Der Film setzt aber nicht, wie ein konventionelles Abtreibungsdrama, Gabita oder Bébé in den Mittelpunkt, er haftet sich konsequent an die Fersen Otilias. Mit einer Ausnahme: Gerade jener Szene, in der Otilia für ihre Freundin schrecklich büßen muss. Daraus bezieht 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE erst seine unglaubliche Sogwirkung, durch die einem der fast zweistündige Film eher wie einer mit nur 70 Minuten vorkommt. Die Spannungsschraube wird ganz ohne Musik konsequent angezogen, der Aufbau ist dafür perfekt ausgelotet. Der Anfang langsam, aber mit jener dichten Atmosphäre einer argwöhnischen Umgebung, die auch gute Spionagethriller zu Zeiten des kalten Krieges ausmachten, lässt einen der Film, wenn die Geschichte in Gang ist, mit Otilia zappeln, wie es denn gleichzeitig der Freundin geht. Bébés Anweisungen waren eindeutig: Gabita dürfe sich nicht bewegen und Otilia müsse die ganze Zeit an ihrer Seite wachen. Doch Otilias Freund weiß nichts von der Sache und nötigt sie, am Abend zum Geburtstag seiner Mutter vorbeizuschauen. Aus einer kurzen Begrüßung wird ein Abendessen mit Freunden. Hier folgt die, trotz statischer Kamera, vielleicht kunstvollste Szene. In einer langen ungeschnittenen Einstellung zerreißt sich die Akademikerrunde das Maul über die ländlichen Bauerntölpel, zu denen auch Otilias Familie zu rechnen wäre und loben oberflächlich ihre Schönheit, gratulieren ihrem Freund dazu, während sie unbeteiligt und wie in Trance in ihrer Mitte sitzt. Ihre Gedanken sind freilich bei Gabita und es fällt einem als Zuschauer schon schwer, es ihr nicht gleichzutun. Umso mehr, wenn sie später endlich mit dem Hotel telefonieren kann, die Freundin aber nicht abhebt.

Anamaria Marinca ist eine hervorragende junge Schauspielerin. Sie stand schon mit Shakespeare auf der Bühne, im Royal National Theatre in London (!) und hat eine Rolle in YOUTH WITHOUT YOUTH, dem neuen Film von Francis Ford Coppola, ergattert. Zwar eine kleine, für solch eine Newcomerin dennoch ansehnlich. Sie wird ihren Weg machen, aber auch abseits ihres Parts ist das Schauspiel und dessen Führung durch Mungiu beachtlich, wie man auch am bereits erwähnten zwar statischen, aber extrem dialoglastigen Take festhalten kann.

Seit Cristi Puius (ebenfalls großartiger) DER TOD DES HERRN LAZARESCU 2005 in Cannes größere Aufmerksamkeit auf das rumänische Kino gelenkt hat, hat sich das Land, welches wenige Jahre zuvor noch zu den weltweit absoluten filmischen Schlusslichtern zu zählen war, zu einem kleinen, aber feinen Filmland gemausert. Der Cannes-Gewinner 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE ist nun der konsequente und verdiente derzeitige Höhepunkt dieser Entwicklung, ein packender Thriller verkleidet im Gewand eines Alltagsdramas.











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