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GESPRÄCHE

Björn Eichstädt im Gespräch mit Pupi Avati

Pupi Avati

69 Jahre hat er auf dem Buckel, seit 40 Jahren hinterlässt er seine Spuren im italienischen Filmgeschäft. Trotzdem sind die Filme von Pupi Avati nur Eingeweihten ein Begriff. Vielleicht deshalb, weil er sich immer zwischen den Welten bewegt hat, dem Giallo und Horrorfilm ebenso einen Platz in seinem Oeuvre einräumte, wie dem Arthouse-Kino. Irgendwo zwischen Fellini und Argento suchte er sich seinen Platz und ist bis heute als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in der Welt des italienischen Kinos zuhause. Er war als Autor und Regisseur mehrfach für die Goldene Palme in Cannes oder den Goldenen Löwen in Venedig nominiert. Und ist außerhalb Italiens trotz allem noch immer ein großer Unbekannter.

Mit THE HOUSE WITH THE LAUGHING WINDOWS und ZEDER schuf Pupi Avati Ende der 70er und Anfang der 80er zwei Perlen des italienischen Horrorkinos, er produzierte mit seinem Bruder Antonio mehrere Filme, darunter Lamberto Bavas Erstling MACABRO. Und er wurde, auch das außerhalb Italiens fast unbemerkt, im Jahr 2002 Präsident der legendären italienischen Filmstudios Cinecittà, eine Ehre, die wohl nur den ganz Großen zukommt. Grund genug also, sich am Telefon mit Avati über sein Leben in der Welt des Kinos und seinen neuen Film THE HIDEOUT zu unterhalten, mit dem er wieder einmal dem Horrorkino eine Chance gegeben hat.

Das Gespräch.

House With The Laughing Windows Herr Avati, Ihr neuer Film THE HIDEOUT mischt Elemente des klassischen Giallo und des Haunted-House-Films. Warum haben Sie diesen Ansatz nochmals gewählt – in THE HOUSE WITH THE LAUGHING WINDOWS und ZEDER haben Sie ja bereits darauf zurück gegriffen?
    Das stimmt. Ich habe ja in den vergangenen Jahren fast jährlich einen Film gemacht, aber ich habe Giallo oder Horror seit vielen Jahren eher gemieden. Ich habe Dramen gedreht, Komödien, sogar Musicals. Aber manchmal muss man zu seiner ersten Liebe zurückkehren – und das war eigentlich der Genre-Film. Als ich meine ersten Filme gemacht habe, Ende der 60er, habe ich diese Filme geliebt – Mario Bava war zu dieser Zeit in Italien sehr wichtig für mich. Bei den autobiografischen Filmen denke ich immer erst in der ersten Person, bei den Gialli oder Horrorfilmen arbeite ich distanzierter, mit Blick auf meine Vorbilder. Und das brauche ich immer wieder, um mich in der Welt des Films einzuordnen.

House With The Laughing Windows Aber warum gleichen sich die Settings so? In THE HOUSE WITH THE LAUGHING WINDOWS, ZEDER und jetzt eben in THE HIDEOUT spielt zunächst ein mysteriöses Haus eine tragende Rolle. In allen Filmen denkt der Zuschauer zunächst, mit übernatürlichen Ereignissen konfrontiert zu werden. Und immer löst sich die Handlung in einem Kriminalfall auf. Zufall?
    Haha, ja, da haben Sie Recht. Nun, vielleicht weil ich finde, dass es zu einfach ist, einen banalen paranormalen Geisterfilm zu machen. Ich finde, dass man am Anfang eines Filmes alle Möglichkeiten offen halten muss. Das steigert die Spannung doch sehr. Wenn schon gleich am Anfang eines Films klar ist, dass es sich wirklich um Geister handelt, dann ist doch die Aufregung weg. Als ich THE HIDEOUT geschrieben habe, wollte ich die Leute von Beginn an auf eine falsche Fährte schicken. Ich persönlich finde es origineller, wie ich das Thema gelöst habe. Die Wände knacken, man hört ein lautes Pochen – aber schließlich leben tatsächlich Menschen hinter diesen Wänden. Und für alles gibt es eine kriminalistische und psychologische Erklärung. Wenn man einen Horrorfilm macht, dann kann man das sehr amerikanisch machen, House With The Laughing Windows mit Effekten, oder einen Splatteransatz wählen, mit Eimern voller Blut. Oder aber man geht den eher psychologischen, den atmosphärischen Weg. Ein Ansatz der mir deutlich besser gefällt, und den ich eben in THE HOUSE WITH THE LAUGHING WINDOWS, ZEDER und jetzt THE HIDEOUT verfolgt habe. Das ist wie eine Kiste, die von außen langweilig ist – aber drinnen ist sie voller Atmosphäre, voller Geheimnisse. Das liebe ich.

Sie mögen Spezialeffekte also nicht?
    Nein. Ich bin ja auch schon 69 Jahre alt (lacht)! Nehmen Sie als Vergleich meinen Sohn Alvise Avati. Er ist noch ein junger Kerl und arbeitet als Special-Effects- und Animationsexperte. Er hat unter anderem an KING KONG mit Peter Jackson gearbeitet oder auch an FANTASTIC FOUR: RISE OF THE SILVER SURFER. Für ihn ist es einfach mit Special Effects zu arbeiten. In Special Effects zu denken. Ich kann das nicht. Ich habe 1968 als Regieassistent für den Film SATANIK angefangen, da gab es so was nicht. Die wenigen Effekte, die etwa Mario Bava zu der Zeit verwendet hat, waren sehr "naiv", verstehen Sie? Das kann man mittlerweile nicht mehr machen – die Zuschauer wollen ja alles fotorealistisch serviert bekommen.

Sie erwähnten gerade Mario Bava. Und Sie sagten, dass Sie Splatter nicht wirklich mögen. Wenn Sie die Filme von Bava und beispielsweise Dario Argento vergleichen: Auf welcher Seite stehen Sie?
    Oh Gott, also Dario. Er ist ein Freund von mir. Aber ich bin ehrlich: Ich mag seine Filme gar nicht. Das ist nichts für mich. Die sind mir einfach zu gewalttätig. Zu viel für mich.

Sie haben aber schon mit Lamberto Bava gearbeitet, der ja auch nicht gerade als zurückhaltend gilt, wenn es um Gewalttätigkeiten geht.
    Ja, das stimmt. Mein Bruder Antonio und ich haben Lamberto Bavas ersten Film MACABRO produziert. Das war wirklich ein Low-Budget-Film, aber ich fand ihn sehr gut. Wir haben auch beide am Drehbuch geschrieben. Ich habe übrigens auch das Skript von SALÒ oder DIE 120 TAGE VON SODOM von Pier Paolo Pasolini geschrieben.

The Hideout Wirklich? In dem Kontext habe ich Ihren Namen noch nie gehört.
    Ja, ich habe das damals für eine Produktionsfirma geschrieben, die bankrott ging. Das Skript ging in die Konkursmasse dieser Firma. Das war damals eine komplizierte Geschichte. Als Pasolini den Film machen wollte, war es für ihn nicht möglich das Skript zu erwerben. Im Endeffekt lief es darauf raus, dass ich meinen Namen aus den Credits nahm, ein bisschen mehr Geld bekam und sie verfilmten offiziell ein anderes Skript. Aber es war mein Drehbuch.

SALÒ ist ja bis heute ein kontroverser Film. Wie sehen Sie das im Rückblick?
    Ich muss gestehen, dass ich ihn nie gesehen habe. Nachdem Pasolini ums Leben gekommen ist, konnte ich mit der Vorstellung nicht umgehen, diesen letzten Film zu schauen. Das war einfach zu traurig für mich.

Und bis heute haben Sie ihn immer noch nicht gesehen?
    Nein. Neulich hat mir jemand die DVD geschenkt, aber ich habe ihn immer noch nicht gesehen. Ich kann das glaube ich immer noch nicht.

Lassen Sie uns nochmal zu Ihrer Rolle als Regisseur zurückkommen. Sie haben Gialli gemacht, Komödien, Musicals. Als was für einen Filmemacher sehen Sie sich selber?
    Ach, das ist immer schwierig. Ich denke, jeder meiner Filme trägt irgendwie meine Stimme in sich. The Hideout Egal welche Art von Film das ist. Das sehen die Zuschauer manchmal anders, weil sie in Schubladen denken. Das ist wie beim Träumen: Manchmal haben Sie erotische Träume, manchmal Albträume, manchmal träumen Sie etwas Belangloses. Die Inhalte ändern sich, der Träumende bleibt der gleiche. So sehe ich das.

Wollten Sie mit dem Filmemachen also Ihre Träume verwirklichen? Wieso haben Sie mit der Filmerei angefangen?
    Nun, das war 1968. Davor war ich Musiker. Ich habe Klarinette in Jazz-Combos gespielt. Aber ich war nicht so richtig toll. Aber als ich 8 ½ von Fellini gesehen habe, war ich so beeindruckt, dass ich auch Filme machen wollte. Also bin ich diesen Weg gegangen. Ich habe in einem kleinen Ort nahe Bologna gewohnt. Die ersten Filme, die ich gemacht habe, waren absolute Misserfolge. Zum Beispiel BALSAMUS oder THOMAS AND THE BEWITCHED. Die waren echt gut, aber schreckliche Flops. Dann ging ich nach Rom und wartete auf eine weitere Chance. Da lebe ich immer noch.

Dort sind Sie ja dann im Jahr 2002 auch Präsident der legendären Filmstudios Cinecittà geworden. Auch kein üblicher Job für einen Filmemacher.
    Ja, ich habe das zwei Jahre lang gemacht. Ich glaube, dass man als Filmemacher da an der richtigen Stelle ist, weil man weiß, was der Film braucht. Aber ich habe das nicht lange ausgehalten. Ich konnte an vielem nichts ändern. Meiner Meinung nach wird viel Geld für Unsinn ausgegeben, aber ich konnte das den verantwortlichen Politikern nicht klarmachen. Ich kämpfte gegen Windmühlen. Also habe ich mich dazu entschlossen wieder Filme zu machen. Und damit bin ich glücklich.

Ist denn nach THE HIDEOUT bereits ein weiterer neuer Film in Planung?
    Ja, der wird in Italien im Herbst rauskommen. Der Titel ist JOAN'S FATHER. Eine sehr dramatische Geschichte. Ich bin sehr stolz auf den Film – ich hoffe, dass Sie den auch in Deutschland eines Tages sehen können.

Dank an Igor Sekulic und Mark Holdom für die Unterstützung bei der Organisation des Interviews.




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