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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
10 Jahre Nippon Connection
von Heiko Hanel

10 Jahre Nippon Connection

Als Marion Klomfaß und Holger Ziegler nebst diverser Mitstreiter vor 10 Jahren beschlossen, ein japanisches Filmfestival in Frankfurt zu veranstalten, war das erst mal die verrückte Idee ein paar japanophiler Studenten. In den etwas abgeratzten Räumen der Universität sollten über 4 Tage 15 Filme gezeigt und nebenbei noch Vorträge über Zen und Teezeremonien gehalten werden. Und der japanische Botschafter kochte. Geschmackssicher wurden PORNOSTAR, der erste Spielfilm von Toshiaki Toyoda, PERFECT BLUE, der Erstling von Satoshi Kon und PICNIC, ein Frühwerk von Shunji Iwai gezeigt. Drei Regisseure, die mittlerweile zum Pflichtprogramm in Sachen japanisches Kino gehören. Es hätte sehr gemütlich werden können, wenn nicht ein Vielfaches der erwarteten Zuschauermenge den Organisatoren die Bude eingerannt hätte. Seitdem füllt das Nippon Connection Festival weit über Deutschland hinaus eine Marktlücke. Mittlerweile auf 5 Tage und zum weltweit größten Festival des japanischen Films angewachsen, konnte man sich hier zehn Jahre lang einen Überblick über die Filme eines Landes machen, von dessen Kultur wohl jeder ein irgendwie verzerrtes Bild im Kopf hat. Dieses zu korrigieren war vielleicht nicht die ursprüngliche Intention der Festivalmacher. Zehntausende Zuschauer wissen aber mittlerweile, dass japanische Kultur aus mehr besteht als schüchternen Geschäftsleuten, Takeshi Kitano und kranken Sexphantasien. Dass es aber eben auch schüchterne Geschäftsleute, Takeshi Kitano und kranke Sexphantasien zu bieten hat, weiß nach zehn Jahren zum Glück auch jeder.

Das Festival wird immer noch ehrenamtlich organisiert. Und auch wenn die Frankfurter Universität mittlerweile in die ehemalige Kommandozentrale der IG Farben ins noble Westend gezogen ist, hält das Nippon Connection immer noch in den alten Räumen im Studentenviertel Bockenheim die Stellung.

10 Jahre Nippon Connection
10 Jahre Nippon Connection

Zeit, das Programm des zehnjährigen Jubiläums auf seinen Gehalt abzuklopfen. Neutralität ist nur mittelmäßig gewährleistet weil der Autor dieser Zeilen an der Filmauswahl beteiligt war. Den Großteil der Filme habe ich aber auch erst auf dem Festival zu sehen bekommen. Wie zum Beispiel den gelungenen Eröffnungsfilm. In THE CHEF OF SOUTH POLAR kann ein Koch nach einem Motorradunfall seinen einjährigen Dienst auf einer antarktischen Forschungsstation nicht antreten. Dass die Tage und Nächte am Südpol jeweils ein halbes Jahr dauern und man einen ziemlichen Lagerkoller bekommen kann, muss der nun "freiwillig" eingeteilte Schiffskoch Nishimura am eigenen Leib erfahren. Mit lakonischem Humor schildert Regisseur Shuichi Okita das Zusammenleben mehrerer Exzentriker in der ewigen Kälte. Passieren tut wenig und so ist das Essen ein täglicher Höhepunkt. Wer findet, Peter Weir habe in FEARLESS den perfekten Flugzeugabsturz verfilmt oder Tony Scott in TRUE ROMANCE die perfekte Unterhaltung (zwischen Christopher Walken und Dennis Hopper), der wird hier mit der perfekten Nudelsuppe belohnt. Besser kann man eine Suppe nicht inszenieren.

Interessant gescheitert ist der neue Film des TEKKON KINKREET-Regisseurs Michael Arias. Der mittlerweile fest in der japanischen Filmindustrie verankerte Amerikaner wollte nach der jahrelangen Produktionszeit seines meisterhaften Animes mal was Schnelles (also nix Gezeichnetes) drehen. Ausgerechnet ein japanisches Remake der Deutschen Actionkomödie KNOCKING ON HEAVEN'S DOOR wurde ihm angeboten. Statt Till Schweiger und Jan Josef Liefers werden die beiden Todkranken auf ihrem letzten Trip nun von Tomoya Nagase und der sechzehnjährigen Mayuko Fukuda verkörpert. Das eigentlich sehr japanische Thema (sicherer Tod, Gangster, ans Meer fahren) verschenkt Arias durch wenig Mut zum Drama und schlecht getimter Komödie. Der Soundtrack und die Soundmischung des Films stammen vom britischen Elektronikduo Plaid und erzeugen doch überraschend viel Atmosphäre. Trotzdem wird HEAVEN'S DOOR am Ehesten als deutsch-japanische Obskurität in die Filmgeschichte eingehen.

10 Jahre Nippon Connection
10 Jahre Nippon Connection

Ein echter Tipp ist Toshiaki Toyodas BLOOD OF REBIRTH. Der Regisseur, an dessen Bekanntheitsgrad das NIPPON CONNECTION nicht ganz unschuldig ist (er bekam 2002 für sein Meisterwerk BLUE SPRING den Newcomer Award), hat nach einer zweijährigen Bewährungsstrafe, während der er in Japan quasi Arbeitsverbot auferlegt bekam, einen Film über die Wiederauferstehung eines Masseurs gedreht. Dieser will in einer nicht näher definierten grauen Vorzeit seine Freiheit behalten und sich nicht dem örtlichen Clanchef unterordnen. Von diesem heimtückisch ermordet, rächt er sich nach einer langen Reise durch die Unterwelt heftigst an seinem Peiniger. Weg von seinen Familienthemen feiert der Regisseur in seinem psychedelischen Rachetrip, zur Musik seiner Postrockband Twin Tail nicht nur die Auferstehung eines Masseurs.

Eine echte Überraschung war auch DEAR DOCTOR von Katsumi Yanagijima. In einer kleinen Berggemeinde verschwindet der allseits beliebte Hausarzt. Nach und nach wird klar, dass dieser eigentlich gar nicht hätte praktizieren dürfen. Aus der Sicht seines Studenten und einer Patientin wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der nicht aus Liebe zum Dorfleben und der wunderschönen Landschaft in die Einsamkeit zog. Präzise inszeniert und getragen von drei charismatischen Hauptdarstellern ist keine Minute dieses ruhigen Meisterwerks überflüssig.

Von Meisterwerk will man nicht mehr sprechen, wenn man auf Takashi Miikes Oevre seit 2004 blickt. Teuer sind sie geworden, seine Filme. Deshalb dreht er auch nicht mehr so viele davon. Genial war er von 1998 (BIRD PEOPLE IN CHINA) bis 2003 (GOZU). Danach kam viel Mist. Umso schöner, dass er mit der CROWS-Serie ein wenig zu seinen Ursprüngen zurückkehrt. Zwei Schülerbanden tragen Konflikte in einem Japan der nahen Zukunft grundsätzlich mit den Fäusten aus. Und das über 133 Minuten. Am längsten in einer 25-minütigen Massenschlägerei. Das war sie auch schon, die Handlung. Während im Akupunkturschocker AUDITION noch die Qualität der Gewalt die Zuschauer scharenweise aus dem Kino trieb, ist es hier die Quantität. Miike ist in diesem sinnlosen Exzess dramaturgisch grad mal alles egal. Deshalb macht CROWS ZERO II auch so einen Spaß. Was man von Großproduktionen wie SUKIYAKI WESTERN DJANGO oder ZEBRAMAN nicht behaupten kann.

10 Jahre Nippon Connection
10 Jahre Nippon Connection

Das diesjährige Meisterwerk war SYMBOL von Hitoshi Matsumoto. Der japanische Komiker sitzt in einem großen weißen Raum und will raus. Sein Problem ist: es gibt keine Tür und er ist ein Bisschen doof. Zum Glück gibt es in die Wand eingelassene Putten. Wenn man auf deren Penisse drückt, kommen Gegenstände aus der Wand. Mit Hilfe von Vasen, Sushi, Afrikanern, Hunden und Seilen findet er einen Ausweg aus seinem Gefängnis. Was das aber mit dem mexikanischen Wrestler zu tun haben soll, der viel zu schmächtig für den Kampf ist, auf den er sich vorbereitet, erfährt man erst zum Ende des Films. Matsumoto ist nicht nur als Slapstick-Komiker sondern auch als Regisseur ein Meister des Timings. In diesem visionären Nachfolger von DAINIPPONJIN ignoriert er sehr viele Regeln der Inszenierung und macht trotzdem alles richtig. SYMBOL ist ein Film über einen ziemlich beschränkten Gott und vielleicht am Ehesten mit Blake Edwards' konstant eskalierendem Einakter DER PARTYSCHRECK vergleichbar.

Auch schön war TOAD'S OIL, der ersten Regiearbeit von Kiyoshi Kurosawas Stammschauspieler Koji Yakusho. Ein exzentrischer Börsenmakler wird plötzlich mit dem Tod seines Sohne konfrontiert. Mit dessen vorbestraftem Schulfreund macht er sich auf eine kleine Odyssee durch Japan. Da wird vielleicht kein großer Film draus, ein kleiner Roadtrip mit guten Schauspielern aber schon.

Groß angelegt ist ZERO FOCUS, das Remake des gleichnamigen Klassikers von 1961. Kurze Zeit nach einer arrangierten Ehe verschwindet im Japan der Nachkriegszeit Teikos Mann. In dessen Heimatstadt reißt sie im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt, bei dem zum ersten Mal eine Frau kandidiert, alte Wunden auf. Eine stimmungsvolle Kriminalgeschichte um Politik, gesellschaftlichen Schranken und verdrängte Liebe. So gut kann japanisches Mainstreamkino sein.

10 Jahre Nippon Connection
10 Jahre Nippon Connection

Der knallbunte CGI-Anime OBLIVION ISLAND: HARUKA AND THE MAGIC MIRROR bekam den Publikumspreis. In der Retrospektive lief eine Rückschau der letzten zehn Jahre mit u.a. VITAL, TEKKON KINKREET, PORNOSTAR, TOKYO GODFATHERS, LOVE EXPOSURE und DOLLS. Im Digitalprogramm stach vor allem der auf midnighteye.com schwer gehypte und in Frankfurt von Tom Mes persönlich vorgestellte AUTUMN ADAGIO von Tsuki Inoue hervor. Die Existenzkrise einer Nonne in den Wechseljahren wird zu einem streng inszenierten aber sehr schönen Drama um einen gescheiterten Lebensentwurf. In der Rolle der Nonne glänzt die großartige Rei Shibakusa. Den Jurypreis erhielt LIVE TAPE von Tetsuaki Matsue, der den Sänger Kenta Maeno am Neujahrstag in einer einzigen Einstellung auf seinem Weg vom Schrein in einen Park begleitet, während dieser immer wieder Songs zum Besten gibt. Maeno sang auf dem Festival extra ein paar Strophen auf Deutsch. Die Juryentscheidung hätte glücklicher nicht sein können. Der sichtlich gerührte Matsue berichtete bei der Preisverleihung, dass sein erster Spielfilm ANNYONG KIMCHI nur deshalb einen Verleih in Japan bekam, weil dieser auf dem Nippon Connection 2003 gezeigt worden war. So hat sich mittlerweile auch eine eigene Form von Talentförderung entwickelt, die sich auch durch zahlreich einfliegende Gäste (in diesem Jahr immerhin Toshiaki Toyoda und Michael Arias) bemerkbar macht, die teilweise ihre Flugtickets und Hotels selbst zahlen, um dabei zu sein. Wegen des vulkanbedingten Flugverbots hatten die dann alle noch viel mehr von Frankfurt als sie sich erhofft hatten. Ich nahm immerhin Jasper Sharp, den Autor des Pinkfilmbuchs BEHIND THE PINK CURTAIN bei mir auf, der mir brav den zuvor gekauften Wälzer signierte und einige Obskuritäten auf DVD daließ.

Wie es mit dem Festival weitergeht, ist noch etwas unklar. Die Hälfte der Festivalleitung ist jetzt erstmal länger in Japan abgetaucht und die Universität muss die alten Veranstaltungsräume demnächst abgeben. Ein derartiges Forum für den japanischen Film zu verlieren wäre allerdings eine Katastrophe. Also hoffen wir mal auf die nächsten zehn Jahre.

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