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LOVE EXPOSURE (Japan 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. AI NO MUKIDASHI
Laufzeit in Minuten. 237

Regie. SION SONO
Drehbuch. SION SONO
Musik. TOMOHIDE HARADA
Kamera. SOUHEI TANIGAWA
Schnitt. nicht bekannt
Darsteller. TAKAHIRO NASHIJIMA . HIKARI MITSUSHIMA . ATSURO WATANABE . SAKURA ANDO u.a.

Review Datum. 2009-02-12
Kinostart Deutschland. 2009-08-13

Hart ist das Leben des männlichen Teenagers, hart in vielerlei Hinsicht, hart aber vor allem, weil: Ständer. Symbol der Fruchtbarkeit? Leuchtfeuer der Potenz? I wo: peinlich, beschämend, die vollautomatische Sichtbarmachung der eigenen unbewältigten Geilheit, die sein will und nicht sein kann und nicht sein darf! Und das, wo das doch bei Mädchen alles so viel spannender und geheimnisvoller und vor allem sehenswerter wäre (aber eben nicht so ohne Weiteres zu sehen ist). Eine schreiende Ungerechtigkeit, gegen die es nur ein Mittel gibt: Unterhöschen-Fotografie! Beherzt gehen der schüchterne Yu (Takahiro Nashijima) und seine Freunde beim Spanner-Sensei Lloyd in die Lehre, werden eingeführt in die Kunst der Gummibandkamera und wirbeln bald, geschmeidigen Akrobaten gleich, quer durch Tokio, werfen sich unter Schulmädchenröcke und schießen gekonnt aus der Hüfte unter die Hüfte.

Yu wird zum Meister der obskuren Voyeursdisziplin, und das nicht mal in erster Linie aus Selbstzweck, sondern seinem Vater zuliebe – einem verbitterten katholischen Priester, der sein trockenes Tagwerk nicht eher ruhen lassen kann, bis ihm Sohnemann ein paar Sünden gebeichtet hat, je perverser, desto besser. Hentai, Perversling, ist das am häufigsten gebrauchte Wort des Films, ein Schimpfwort für die einen, für die anderen ein Schlachtruf, ein letzter Identifikationsanker, der noch Halt zu spenden vermag angesichts der jugendlichen Trümmerbiografien zwischen Kurt Cobain und Schulmassaker, die diesen Film im Dutzend bevölkern. Yu insistiert ganz besonders auf seiner Würde und Integrität als hentai, denn er selbst hat in diesem Leben noch nie einen Ständer bekommen; den spart er sich auf für den Tag, an dem ihm die Frau seines Lebens begegnen wird, seine "Maria", ganz so, wie er es seiner frommen Mutter dereinst am Sterbebett versprochen hatte.

Auftritt also: "Maria", die eigentlich Yoko (schnuckelig: Hikari Mitsushima) heißt, selber eine Sozialisationskatastrophe hinter sich hat (Inzucht mit Papi und alles, deswegen allgemein nicht gut auf Männer zu sprechen) und sich soeben einer Horde von üblen Strauchdieben gegenüber sieht. Schnurstracks verkleidet sich Yu als dunkle Rächerin Sasori (ja, die SASORI) und eilt Yoko zur Hilfe. Mit vereinten Handkanten machen sie den Kerlen in schönster Girl Boss-Manier den Garaus, gekrönt von einem zarten, vermeintlich lesbischen Kuss sowie der ersten, notdürftig vertuschten Erektion; und in genau diesem Moment rauscht – schon oder erst, man weiß es nicht – der Filmtitel über die Leinwand: LOVE EXPOSURE. Circa anderthalb Stunden sind an dieser Stelle vergangen, und dem geneigten Freund filmischen Irrwitzes sei mit Verzücken gemeldet: You ain't seen nothing yet.

Satte vier Stunden dauert Sion Sonos neueste Ausgeburt des Wahnsinns, mit der er drei Jahre nach der barocken Blutparade STRANGE CIRCUS wieder auf der Berlinale zu Gast ist; und was auch immer man sonst über die Effekte extremer Lauflängen gelesen haben mag – dass etwa die Zeit sich verfestige, in ihrer Materialität spürbar werde, gar daselbst zur Hauptfigur avanciere: hier passiert nichts dergleichen. LOVE EXPOSURE explodiert in der Anfangsphase förmlich über die Leinwand mit grellen Attraktionen, fliegenden Schnitten, launigem Off-Kommentar und nach vorn preschender Musikbeschallung zwischen Ravel, Beethoven und Psychedelic Pop. An ein etwaiges Aussprudeln der Ideenfontäne ist auch nachher, wenn der Erzählpuls sich ein wenig normalisiert hat, nicht im Traume zu denken: Aus dem Hintergrund tritt plötzlich eine Widersacherin (Sakura Ando) ins Rampenlicht, Koike mit Namen, ein intrigantes Biest vor dem Herrn, das Yokos Liebe zur geheimnisvollen Sasori auf sich umzulenken versteht, was den armen, heillos verknallten Yu natürlich geradewegs in den dicksten gender trouble und Yoko unwissentlich in Gefahr stürzt – denn Koike (die übrigens mal aus purer Bosheit ihren Vater kastriert hat, was, wie wir in einer anatomisch lehrreichen Rückblende zu sehen bekommen, eine elendige Sauerei ist) steht mit einer sinistren Sekte im Bunde!

Mit unverschämter Leichtigkeit reißt Sions Fabuliermahlstrom immer neue Genres mit sich, Märchen, Manga, Martial Arts, Chambara, Splatter, Highschool-Schmonzette, Verwechslungskomödie, alles ist möglich, alles ist drin. Im Kern aber verbirgt LOVE EXPOSURE – und das ist vielleicht das wundervollste an diesem an Wundern nicht gerade armen Film – eine aufrichtige, innige, wildromantische Liebesgeschichte. Es ist nämlich so: All die Schrullen und Kapriolen und ironischen Zitate, die ein minder begabter Filmemacher wohl als billige Freakshow verheizt hätte, werden hier (besser kriege ich das nicht formuliert) erst zur Möglichkeitsbedingung jedweden tiefen Gefühls. Ungefähr so: Nur wer durch Blut und Gekröse und Triebtraumata gerobbt ist, dem Wahnsinn ins Gesicht gekotzt und den Erzähloverkill mit Müh' und Not überstanden hat, darf sich die großen Pathosgesten noch erlauben, und zwar ganz im Ernst, denn er hat sie sich redlich erkämpft. Der reiche Lohn ist, dass LOVE EXPOSURE – anders als all jene keimfreien Mikrofaser-Schnulzen, wo am Anfang zwei sich hassen und am Ende zwei sich küssen und dazwischen bunte Cocktails getrunken werden – genuin das Herz zu rühren vermag, während er gleichzeitig in jeder nur erdenklichen Weise geil ist. Wer das für pervers hält, mag fort bleiben. Alle anderen erwartet 237 Minuten überschäumendes, aus allen Nähten platzendes Kinoglück.











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