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STRANGE CIRCUS (Japan 2006)

von Björn Eichstädt

Original Titel. KIMYO NA SAKASU
Laufzeit in Minuten. 108

Regie. SHION SONO
Drehbuch. SHION SONO
Musik. SHION SONO
Kamera. YUICHIRO OTSUKA
Schnitt. JUNICHI ITO
Darsteller. MASUMI MIYAZAKI . ISSEI ISHIDA . RIE KUWANA . MAI TAKAHASHI u.a.

Review Datum. 2006-11-15
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Was ist objektive Realität? Und welcher Teil von Wahrheit ist lediglich dem persönlichen, also subjektiven Erleben eines Menschen zuzuschreiben? Wie tief müssen die Abgründe des Geistes sein, um Geschehenes für immer darin verschwinden zu lassen, und wieviel Kraft müssen diese Erlebnisse aus Kindertagen aufbringen, um mit ihren klammen Fingern, die in Blut, Sperma und Tränen gebadet wurden, über Umwege wieder an die sichtbare Oberfläche zu kriechen? Wer ist wer, was ist was und wieso ist diese Geschichte auf den ersten Blick so schwierig zu verstehen, macht am Ende aber doch so unglaublich viel Sinn?

Fragen wie diese sind es, die sich dem Rezipienten beim Goutieren von Shion Sonos STRANGE CIRCUS aufdrängen und auch während des Abspanns noch nicht komplett aufgelöst haben. Und es ist gerade dieses Grübeln über das Ende hinaus, dieses Rätsel, dessen Lösung irgendwo zwischen den wunderbar düsteren Bildern dieses Films lauert, das das Werk des Regisseurs von SUICIDE CIRCLE so wertvoll macht.

Das Familiendrama scheint eine neue, recht beliebte und in ihrer Umsetzung mehr als überzeugende Spielart des zeitgenössischen japanischen Auteur-Kinos zu sein. Nachdem Toshiaki Toyoda sich in HANGING GARDEN unlängst dem Sujet der blutsverwandten Keimzelle menschlichen Seins zuwandte und so den von ihm besetzten Bereich des Jungmännerfilms verließ, zeigt nun Shion Sono, was sich aus seiner Sicht im Vater-Mutter-Kind-Komplex so alles anstellen lässt. Und diese Vorführung ist dermaßen überzeugend und erschreckend, dass einem erstmal der Mund ganz weit offen stehen bleibt.

Zunächst scheint alles klar: Missbrauch, Leid und Hass - ein Kinderleben irgendwo im emotionalen Nirgendwo. Die Flucht in Traumwelten, in einen seltsamen Zirkus noch weit hinter einer synaptischen Sackgasse, scheint die einzige Chance zu überleben; die bedrückende Situation wird immer unerträglicher, das Umschlagen ins Fantastische, ähnlich Terry Gilliams leicht missratenem TIDELAND, ist beinahe vorprogrammiert.

Doch dann kippt Sono seinen Film nach knapp 40 Minuten einfach von einem Gefäß ins andere, schiebt ein neues Hirnareal über das alte. Und wir? Sind so schlau als wie zuvor. Denn ob all das Gesehene nur Ausgeburt literarischer Kreativität ist, ob die Schriftstellerin, die sich plötzlich mit ihrem Rollstuhl ins Bild schiebt, hier fiktive oder autobiographische Erzählerin wird, das scheint zunächst kaum klar. Wie tektonische Platten wuchtet Sono erzählerische Ebenen auf- und nebeneinander, legt er falsche Fährten und richtige Hinweise in sein Füllhorn des großen Kinos. Ein Karussell, ein Riesenrad, ein Jahrmarkt der Gefühle am Rande des Zirkuszeltes und am Ende dann der Ausstieg zurück auf festen Boden. Wer hat noch nicht, wer will nochmal? STRANGE CIRCUS ist einer dieser Filme, die wirken. Auch über den Abspann hinaus.











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