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TIDELAND (Großbritannien/Kanada 2005)

von Björn Eichstädt

Original Titel. TIDELAND
Laufzeit in Minuten. 122

Regie. TERRY GILLIAM
Drehbuch. TERRY GILLIAM . TONY GRISONI
Musik. JEFF DANNA . MYCHAEL DANNA . JOHN GOODWIN
Kamera. NICOLA PECORINI
Schnitt. LESLEY WALKER
Darsteller. JODELLE FERLAND . JENNIFER TILLY . JEFF BRIDGES . BRENDAN FLETCHER u.a.

Review Datum. 2006-07-24
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Nachdem Ex-Monty Python Terry Gilliam nach FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS mit seinem Wunschprojekt THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE gescheitert war, wurde es erst einmal ruhig um den Regisseur. Doch zuletzt meldete er sich mit gleich zwei Projekten zurück: Dem recht kommerziellen und leider nicht wirklich gelungenen THE BROTHERS GRIMM und mit TIDELAND, einem eher unabhängigen kleinen Film, der beim Filmfest München 2006 seine Deutschlandpremiere erlebte.

Düster sei er, der neue Gilliam. In manchen Passagen kaum zu ertragen. Ein Horrorfilm. Dies und ähnliches konnte man im Vorfeld in manch ausländischer Kritik lesen. Allein: Wer jetzt mit dem schlimmsten rechnet, wird enttäuscht werden. Denn die Geschichte von TIDELAND geht zwar theoretisch an die Nieren, praktisch hat es Gilliam allerdings nicht geschafft, die rabenschwarze Lebenswelt seiner Protagonisten in wirklich düsteren Filmfarben zu malen.

Eine Kindheit kann schwierig sein. Vor allem dann, wenn man seltsame Rockerjunkies als Eltern hat, die von morgens bis abends nichts anderes tun, als sich die Rübe zu vernebeln oder Nadeln in ihre Venen zu jagen. Eine kleine Urlaubsreise sagen sie zu dem Trip, und die achtjährige Jeleza-Rose steht neben dem vollkommen weggetretenen Elternteil, zieht die Spritze aus seinem Arm und hält seine Hand. Schließlich stirbt zunächst die Mutter an einer Überdosis, Vater und Tochter brechen zur Großmutter auf, doch auch diese ist inzwischen über den Styx gerudert worden. Und nach nur wenigen Tagen wird auch Daddy zum Hades-Reisenden - Jeleza-Rose ist fortan auf sich selber gestellt und flüchtet sich immer tiefer in ihre Fantasiewelten, um mit der harten Realität umgehen zu können. Sie spricht mit abgetrennten Puppenköpfen und Eichhörnchen, begibt sich in düstere Räume und Löcher in genau dem Boden, dessen Haftung sie längst verloren hat.

Gilliam begegnet der literarischen Vorlage seines neuesten Films mit seinem üblichen Stil, mit den Weitwinkelexzessen der Kamera, den verschrobenen Charakteren, die man schon aus Filmen wie KÖNIG DER FISCHER, 12 MONKEYS oder FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS kennt, nur: Diesem Stoff wird er im zu eng abgesteckten Rahmen seines eigenen Universums nicht gerecht. Irgendwo zwischen Horrorfilm - mit Anklängen an PSYCHO oder auch THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE - , Drogenfantasie und Theaterstück meandert TIDELAND umher, verheddert sich in Längen, driftet in seltsam bühnenhafte Fantasiewelten ab und verliert sich schließlich im Zuvielgewollt.

TIDELAND ist schließlich so ambivalent wie das Leben seiner kleinen Protagonistin. Das könnte man zwar als Absicht deuten, doch: Richtig packen mag einen das Endergebnis nicht. Das Thema scheint schlicht zu trist für Gilliams bunten Stil, der zu viel Freude an der Inszenierung, am kindlichen Spiel hat, um der tragischen Reichweite der dargestellten Situation gerecht zu werden. Das sind zwar alles schöne Eigenschaften, die der Regisseur bereits mehr als einmal in fantastische Filme eingebracht hat. Allein hier ist er bei der Wahl seines Stoffes am Ziel vorbeigeschossen. Schade.











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