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SICARIO (USA 2015)

von Björn Lahrmann

Original Titel. SICARIO
Laufzeit in Minuten. 121

Regie. DENIS VILLENEUVE
Drehbuch. TAYLOR SHERIDAN
Musik. JÓHANN JÓHANNSSON
Kamera. ROGER DEAKINS
Schnitt. JOE WALKER
Darsteller. EMILY BLUNT . JOSH BROLIN . BENICIO DEL TORO . DANIEL KALUUYA u.a.

Review Datum. 2015-09-19
Kinostart Deutschland. 2015-10-01

Auf dem cinephilen Pausenhof gibt es, wie auf allen Pausenhöfen, Helden und Prügelknaben. Der Frankokanadier Denis Villeneuve gehört seit nunmehr drei Filmen (INCENDIES, PRISONERS, ENEMY) eher zu letzteren, wird von manch klugen Kollegen gerügt für seinen schwerblütigen Qualitätskino-Umgang mit Potboilerstoffen und Arthouseklischees. Weil Pausenhofmeinungen in der weiten Welt aber nichts gelten, tauchen seine Arbeiten regelmäßig auf großen Festivals auf, in New York Times-Jahreslisten, Oscarrennen und der IMDb Top 250 - was die These, seine Kunst gehöre der weißen Elefantengattung an, freilich nur stützt. Next up: ein BLADE RUNNER-Sequel mit Segen des kritikerseits auch längst nicht mehr unbescholtenen Ridley Scott.

Jetzt aber erstmal SICARIO, Villeneuve gegen den War on Drugs. Wer gewinnt? Zu Beginn geht eine Kartellgeiselbefreiung in Arizona gründlich schief und wird vom örtlichen FBI-Chef (super: Victor Garber mit nie verheilenden Schrammen im Gesicht) trotzdem zum Erfolg umgedeutet. Willkommen im Grundkurs Realpolitik. Die Lage an und jenseits der mexikanischen Grenze scheint unfixbar, zwei windige suprainstitutionelle Fixer treten dennoch auf: Josh Brolin (nach INHERENT VICE in seiner zweitlustigsten Rolle des Jahres) grinst immer, Benicio Del Toro nimmer - unzertrennliche Janusdickköpfe in der staatsrechtlich-moralischen Grauzone. Als Publikumssurrogat werben sie die naive Rookie-Agentin™ Emily Blunt für ihre sehr lange sehr unklare Sache an; die Erzählstrategie lautet Informationsvorenthalt à la John Le Carré, angepeilt wird eine Atmosphäre paranoisch unscharfer Allianzen, erreicht wird öfters auch zehrende Ungeduld. In den 90ern hat man derlei Geschichten echt schmissiger erzählt.

Toll ist der Film immer dann, wenn er von ZERO DARK THIRTY-hafter Policies & Procedures-Empörung auf Pulp-Steno umschaltet. Frühes Highlight ist ein hochbrenzliger Drogenlord-Überführungskonvoi, dem ein Briefing voller randständiger Schießbudenfiguren vorausgeht: Zwei Meter große Räuberbart-Marines, lederhäutige Texas Marshals mit grotesken Hüten usw. Zu Monsterfilm-Drones fährt man dann mitten rein ins Kriegsgebiet, wo Kinder neben Feuergefechten Fußball spielen und zerhackte Leichen von der Brücke baumeln; lange dauert's nicht, bis jemand "Welcome to Juárez" murmelt, eine Stadt, die nach jahrelanger Allgegenwart in Nachrichten, VICE-Dokus und Thrillerliteratur zum Synonym der gesamtmexikanischen Ganglandschaft geworden ist.

In solchen Momenten erkennt Villeneuve an, dass realweltliche Konflikte in ihrer fortschreitenden Popularisierung unweigerlich Ikonografien und Erzählstrukturen ausbilden, die nicht differenzieren, sondern auf Raffung und Reduktion fußen. Klar kann man da Dämonisierung beanstanden, wenn plötzlich eine ganze Stadtbevölkerung als potenzielles Killerkommando herhalten muss - aber nur, wenn man nicht zu beschäftigt damit ist, vor Spannung das Atmen nicht zu vergessen. (Kleine behavioristische Studie im Kino: Als nach einer besonders nervenzerrenden Sequenz der letzte Schuss verhallt war, griff der halbe Saal kollektiv zum rettenden Getränk.) Viel problematischer ist ohnehin ein unelegant eingeschobener Nebenstrang um einen gutherzigen Juárezer Polizisten, dem der Sohnemann Rührei ans Bett bringt: ein rein funktionales - und dann noch nicht mal funktionierendes - Unschuldsbild, das nur zum Korrumpiertwerden gut ist.

Mithin interessantester Aspekt an Taylor Sheridans Drehbuch ist die psychologische Unbeweglichkeit seiner Figuren - womöglich als bewusste Abkehr von Sheridans Vergangenheit als TV-Darsteller (u.a. Deputy Hale in SONS OF ANARCHY), wo ja, dem Seriengesetz des Immergleichen zum Trotz, ständig nach schlüssigen Character Arcs verlangt wird. Hier hingegen darf Emily Blunt weder gegen Brolins dubiose Interventionspraktiken intervenieren noch selbst Hardliner-Blut lecken, sondern bleibt bis zum Schluss macht- und fassungsloses Emblem der Verfahrenheit der Situation. Eine Protagonistin, die permanent um ihren Protagonistinnenstatus fürchten muss: das ist auch in puncto Starpersona-Logik eigentümlich, hatte Blunt sich doch erst in LOOPER und EDGE OF TOMORROW als stoisch-ingrimmige Sigourney-Weaver-Nachfahrin empfohlen.

SICARIOs Most Valuable Player steht indes nicht vor, sondern hinter der Kamera: Der langjährige Coen-DP Roger Deakins, der mit Villeneuve zuvor an PRISONERS zusammengearbeitet hat, lädt seine gedämpften Panoramen von Militärcompounds und Wellblechmolochen mit bedrohlicher Ruhe auf, lässt einen vogelperspektivischen Grenzüberflug zur vertikal gescrollten Todeszonenkarte abstrahieren. No Country for Young Women. In Actionszenen nehmen die Bilder selbst den Gestus einer taktischen Operation an: konzentrierte, flüssige Bewegungen ohne Hektik noch im wüstesten Kugelhagel. Das macht den Film angenehm trocken, pathos- und schnickschnackfrei, wenn auch teilweise ein wenig drög. Für Villeneuve in jedem Fall ein Fortschritt: Allzu ernst ist sein Verständnis von Genrekino nach wie vor - aber immerhin nicht mehr heilig.











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