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GUILTY OF ROMANCE (Japan 2011)

von Alexander Karenovics

Original Titel. KOI NO TSUMI
Laufzeit in Minuten. 144

Regie. SHION SONO
Drehbuch. SHION SONO
Musik. YASUHIRO MORINAGA
Kamera. SOHEI TANIGAWA
Schnitt. JUNICHI ITO
Darsteller. MEGUMI KAGURAZAKA . MIKI MIZUNO . MAKOTO TOGASHI . RYUJU KOBAYASHI . KANJI TSUDA u.a.

Review Datum. 2012-07-03
Kinostart Deutschland. 2012-07-19

Eine verstümmelte Frauenleiche in einem leerstehenden Appartement im Tokyoter Rotlichtviertel, die mit artifiziellen Körperteilen einer Schaufensterpuppe zu zwei grotesken anatomischen Puzzlen zusammengesetzt wurde; eine Polizistin, die sich ihrem Stalker in einem sleazig ausgeleuchteten Love-Hotel hingibt. Und verhöhnt uns der anschmiegsame Gustav Mahler-Soundtrack, oder will er uns in Sicherheit wiegen? Willkommen in Shion Sonos bis dato romantischstem Film.

Wie schon bei COLD FISH hat Sono sich ein reales Verbrechen, welches die Öffentlichkeit in den 90ern schockierte, herausgepickt und rundherum ein spekulatives Konstrukt gestrickt. Diesmal bildet der grausige Fund zu Beginn tatsächlich nur den Rahmen für eine Zerfleischung auf seelischer Ebene, und die daraus resultierende Suche nach einem Chirurgen, der uns wieder zusammenzuflicken vermag. Im Blut liegt die Heilung: nicht alle Charaktere leiden; es führt ein Weg ins Licht, und wenn uns dieser Pfad durch ein pink ausgeleuchtetes Sodom&Gomorrha führt, so beschreiten wir ihn; einen kompetenteren Führer als Shion Sono können wir uns für diese Tour de Force nicht wünschen. Daß sich der Mann auch in den schattigsten Winkeln unserer Psyche bestens auskennt, hat er bereits im stimmungsmäßig ähnlich gepolten STRANGE CIRCUS bewiesen.

In GUILTY OF ROMANCE flirtet der Messias des Perversen einmal mehr mit heißem Eisen: das Thema "weibliche Sexualität" ist insbesondere in der japanischen Gesellschaft ein blinder Fleck, respektive ein Tabu, über das man sich gerne und ausschweifend ausschweigt. Izumi, eine gehorsame und frigide Hausfrau, die jeden Morgen ihrem Gatten die Hausschuhe ans Bett stellt, so daß dieser noch mit verschlafenen Augen perfekt hineinzugleiten vermag, entdeckt bei einem Pornodreh eine verbotene Seite in sich; Mitsuko, eine Literaturdozentin, die sich nachts im verrufenen Maruyama-Bezirk für Dumpingbeträge prostituiert - nicht weil sie es nötig hätte, sondern weil sie es kann ... GUILTY OF ROMANCE gibt diesen Frauen eine Stimme, und wenn uns nicht gefällt, was wir da sehen, dann hat Sono sein Ziel erreicht. Zwielichtigen Sleaze bietet der Film zu keiner Sekunde. Sonos Frauen zeigen sich gerne entblößt, zelebrieren ihre Nacktheit, nicht den Männern zuliebe, sondern weil sie selbst sich gefallen. Und wer die richtigen Fragen stellt, kann sogar dem Prostitutionsgewerbe und der Pornographie einen Teil ihrer Respektabilität, und was wichtiger ist, den Frauen, die in diesen Bereichen arbeiten, ihre Würde zurückgeben. So gesehen ist Sonos hasserfülltester Film zugleich sein feministischster und liebevollster. Liebevoll, weil er uns in aller Schonungslosigkeit und ohne böses Augenzwinkern offenbart, was den Menschen, die dort im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben ficken, fehlt. Die einen ficken, um sich zu zerstören, jene um sich zu befreien. Und wer sind wir, in unserem selbstgefälligen, aufdiktiertem Moralkerker, daß wir diese Menschen gen Golgatha peitschen?

Analog zur labyrinthischen Struktur des Skriptes zieht sich Franz Kafkas Erzählung "Das Schloß" referentiell als roter Faden durch die Handlung; jener enigmatische Ort, um den alle herumirren ohne jemals den Eingang zu finden. So kryptisch wie SUICIDE CIRCLE wird es zwar nie, einige Metaphern gibt es dennoch zu knacken. Zumindest was die Identität der verstümmelten Leiche und ihren Mörder angeht, hat GUILTY OF ROMANCE letztendlich eine Antwort für uns, und sie hängt eng mit dem Schicksal der drei Frauen zusammen. Befriedigen wird sie uns jedoch nicht, geschweige denn, uns hoffen zu lassen: zu diesem Zeitpunkt spuckt Sono nämlich Gift und Galle, und es riecht verdächtig nach kaltem Fisch.

Am Ende, wenn ein niederschmetternder Epilog für einen Moment den Nihilismus von REQUIEM FOR A DREAM heraufbeschwört, steht einmal mehr die Erkenntnis aus LOVE EXPOSURE, daß nur der Perverse wirklich frei ist. Die damit erkaufte Euphorie ist für manchen so unendlich groß, daß er dafür sein letztes Hemd, sein Haut, sein Fleisch hergibt, und nackt bis auf die Knochen selbst Gott ins Antlitz spuckt. Er zahlt einen hohen Preis, wirft seinen Körper, seine Ehre auf den Müll, nur um am Zenit seiner Identitätssuche von der Gesellschaft, der er entkommen wollte, ans Kreuz genagelt zu werden und dort elendig verreckt. Nicht für die Sünden der anderen, sondern für seine eigenen. Keine besonders geile Erfahrung. Aber Sono macht Masochisten aus uns allen.











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