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COLD FISH (Japan 2010)

von Alexander Karenovics

Original Titel. TSUMETAI NETTAIGYO
Laufzeit in Minuten. 144

Regie. SHION SONO
Drehbuch. SHION SONO . YOSHITAKI TAKAHASHI
Musik. TOMOHIDE HARADA
Kamera. SHINYA KIMURA
Schnitt. JUNICHI ITO
Darsteller. MITSURU FUKIKOSHI . DENDEN . ASUKA KUROSAWA . HIKARI KAJIWARA u.a.

Review Datum. 2011-06-17
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Ooops, er hat es schon wieder getan; die Meßlatte für ein ganzes Genre höher angelegt. Aber er kann nichts dafür, er ist ja nur Japans derzeit aufregendster Regisseur; nach LOVE EXPOSURE hätte man sich eigentlich zurücklehnen und den Erfolg genießen können - oder man läßt einfach den nächsten Knaller auf den Fuß folgen ... der Originaltitel TSUMETAI NETTAIGYO heißt wörtlich übersetzt "Kalter Tropenfisch" - die Zutaten für das Skript hat Shion Sono allerdings aus weitaus tieferen Gewässern gefischt; tiefer und vor allem kälter - aus vielen hundert Metern unter der Meeresoberfläche, wo extreme Lebensbedingungen wahre Monster hervorbringen, und in den nächsten zweieinhalb Stunden wird Sono uns ein solch geschupptes, ausgesprochen häßliches Exemplar den Hals hinab drücken, roh und unzerteilt, bis wir entweder daran erstickt, oder auf den Geschmack gekommen sind.

Die Mordserie in COLD FISH beruht auf wahren Begebenheiten: Modus Operandi und Entsorgungsmethode der Leichen ist verbürgt, bis hin zu Details wie Alter, Geschlecht und die Reihenfolge der Opfer, welche Sono akribisch ins Skript eingeflochten hat: Vorhang auf für Shamoto (Mitsuru Kukikoshi), Inhaber eines kleinen Fachgeschäfts für Tropenfische, dessen schlichte Welt aus Frau, Tochter und einer Leidenschaft für Sterne und Planetarium durch intrigante Machenschaften eines kriminellen Fisch-Großhändlers aus der Umlaufbahn geworfen wird. Als Shamoto dem selbstgefälligen Murata für einen scheinbar harmlosen Deal den kleinen Finger reicht, ahnt er nicht, daß er soeben einen Pakt mit dem Teufel unterschrieben hat: Murata macht sich in seinem Leben breit, wird Shamotos Frau gegenüber zudringlich und drängt seiner Tochter Mitsuko einen Praktikanten-Job im eigenen Fisch-Monopol auf, welches zuweilen mehr den Anschein eines bizarren Hostessen-Betriebs weckt, als den einer Tierhandlung.

In einer frühen Version des Skriptes war angedacht, Shamoto zum Betreiber einer Hundezucht zu machen - Vierbeiner zu dressieren erwies sich jedoch als aufwendig und teuer, und so einigte man sich auf Fische. Ein kluger Kompromiß, da Sono hier einmal mehr in dekonstruktiver Absicht mit christlichen Symbolen und Erlösungs-Motiven spielt. Kein Zufall, daß Schrecken und Gewalt wieder und wieder ausgerechnet in einer Kirche zu größtmöglicher Intensität anlaufen: auf dem Altar brennen Kerzen, im Hinterzimmer werden menschliche Leiber in Metzger-Manier ausgeweidet und zerteilt.

Shamoto wird erst Zeuge, dann Komplize eines scheußlichen Serien-Verbrechens - und während sich sein Verstand zunehmend in jene unwirtlichen Tiefen eines noch weitgehend unerforschten Ozeangrabens verabschiedet, wird ihm schmerzhaft bewußt, wie wenig er Frau und Tochter wirklich gekannt hat. In einem anderen Film würde das Mädchen Mitsuko als Heldin der Geschichte dem schleichenden Zerfall ihrer Familie besorgt beiwohnen. Aber Sono wäre nicht Sono, wenn er sich für Figuren interessieren würde, welche auf dem zwar schwankenden, aber immerhin trockenen Schiffsboden verweilen - Sonos Kameralinse ist auf jene Menschen gerichtet, die selber auf der schmalen Planke gen Wahnsinn, Barbarei und Perversion entlangbalancieren; Menschen, die nicht beobachten, sondern selbst schuldig werden.

"Schlag mich!" bittet Taeko (Megumi Kagurazaka), Shamotos Frau, den sinistren Fisch-Großhändler Murata, als dieser drauf und dran ist sie zu vergewaltigen. Mitsuko (Hikari Kajiwara) wird gleich zu Beginn des Films beim Ladendiebstahl erwischt, und bei der ersten Gelegenheit, den heimischen Wänden dauerhaft zu entfliehen, reagiert sie euphorisch. Shamoto indes gibt sich der Illusion hin, ein einziger gemeinsamer Ausflug ins Planetarium vermöge bröckelnde Integrität und verlorenes Vertrauen wieder herzustellen ... die schonungslose, manchmal sarkastische Art, mit der Shion Sono bereits in Filmen wie LOVE EXPOSURE, NORIKO'S DINNER TABLE, STRANGE CIRCUS und SUICIDE CIRCLE wiederholt dysfunktionale Familien-Verhältnisse aufzeigte, Wunden aufriß und Salz hineinrieb, hat ihm nicht nur Freunde eingebracht: im europäischen und amerikanischen Ausland frenetisch bejubelt, von Landsleuten mitunter sogar gehaßt - die Familie ist heilig, und Filme wie COLD FISH ein Tiefschlag, der einer Abrißbirne gleich durch vermeintlich beständige Werte hindurchfegt und keinen Stein auf dem anderen läßt. Die logische Konsequenz lautete Sushi Typhoon: das Nikkatsu Co-finanzierte Label flirtet mit seinen Splatter- und Exploitation-Grotesken (ALIEN VS. NINJA) ohnehin mit einem Markt jenseits des Pazifiks und wird daher Sonos jüngst bebilderten Amoklauf sicherlich mit offenen Armen begrüßt haben - und hat so seiner Bibliothek aus lauter Pärchen mal eben einen Straight Flush hinzugefügt.

Respekt gebührt Shion Sono vor allem dafür, daß bei all rebellischem Nihilismus er nie seinen Auftrag als Entertainer vergessen hat: COLD FISH ist in etwa so lang wie sich LOVE EXPOSURE anfühlt, und fliegt mindestens so rasant dahin. Statt brütender Gesichter, langwieriger Recherche und mißmutig verregneter Settings treibt ein Staccato von Aktion und Reaktion die Handlung voran; Dialoge sind von galligem Humor geprägt, der mehr an die Nieren als ans Zwerchfell geht, großzügig abgeschmeckt mit einer wunderbar enthemmten Asuka Kurosawa (ließ bereits in Shinya Tsukamotos A SNAKE OF JUNE tief blicken), die mit lasziv-obszöner Erotik je nach Disposition für rote Ohren oder trockene Münder sorgen wird.

COLD FISH ist mehr als nur ein Psycho-Thriller über menschliche Abgründe, soziale Kälte und sexuelle Perversion - hier kommt ein Filmemacher, der über Jahre hinweg sein Werkzeug konsequent verfeinert und geschliffen hat, so daß er jetzt, am Höhepunkt seines Schaffens, nicht länger an Konventionen und bewährte Muster gebunden ist, sondern sein Regelwerk selber zurechtschnitzt. COLD FISH ist ein Phänomen - Shion Sono ist ein Phänomen.











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