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DARFUR - DER VERGESSENE KRIEG (USA 2009)

von Thorsten Hanisch

Original Titel. DARFUR
Laufzeit in Minuten. 98

Regie. UWE BOLL
Drehbuch. UWE BOLL . CHRIS ROLAND
Musik. JESSICA DE ROOIJ
Kamera. MATHIAS NEUMANN
Schnitt. THOMAS SABINSKY
Darsteller. EDWARD FURLONG . BILLY ZANE . KRISTANNA LOKEN . MATT FREWER u.a.

Review Datum. 2010-04-24
Kinostart Deutschland. 2010-04-29

Schon lustig wie so manche Karriere verläuft. Dario Argento z.B., dieser wunderbare Stilist, der mit seinen in faszinierenden Bildern eingefangenen Reißern ein weltweite Fan-Schar generieren konnte, beschloss Anfang dieses Jahrtausends sein Talent in einer Kiesgrube gleich hinterm letzten Haus links zu versenken und dreht seitdem Filme, die man in der Videothek im Regal unter HOUSE OF THE DEAD oder BLOODRAYNE findet. Mit Filmen wie diesen wiederum startete der Wermelskirchener Regisseur Uwe Boll seine internationale Karriere, die dem bulligen Mann viel Ehr (Geld), aber auch viel Feind (meist komische Menschen aus dem Internet) und die blödsinnige Auszeichnung "schlechtester Regisseur der Welt" einbrachte.

Doch, die Zeiten ändern sich: Während man mittlerweile Argentos alte Filme durchschaut, um irgendeinen Hinweis zu finden, ob der Mann vielleicht doch nicht so talentiert war, wie man immer meinte, klopft man nun die Filmographie Bolls nach einem Hinweis ab, wann aus unterdurchschnittlicher Begabung Kompetenz geworden ist.

Boll präsentiert uns dieses Jahr ein Quartett von verschiedenen Filmen. Der sarkastische Action-Reißer RAMPAGE ist bereits erschienen (und ziemlich sehenswert), der Thriller THE FINAL STORM erscheint demnächst und die Boxer-Bio MAX SCHMELING mit Henry Maske und Heino Ferch sollte irgendwann im letzten Jahresdrittel eintrudeln.

DARFUR nimmt sich – wie der Titel schon ahnen lässt – dem Konflikt in Darfur an und der dreht sich kurzgefasst um Folgendes: 2003 startete dort der Aufstand der "Sudanesischen Befreiungsarmee" und der "Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit" gegen die Unterdrückung und Marginalisierung der sudanesischen Regierung. Mit Hilfe von arabischen Milizen, den Dschandschawid, setzte sich die Regierung zur Wehr, die Mitschuld an den von den Dschandschawid begangenen Verbrechen wie Plünderungen, Zerstörung von Dörfern, Vergewaltigungen und Tötungen lehnt man aber ab. Bis heute dauert dieser Konflikt an, über 200.000 Menschen mussten ihr Leben lassen, über 2,5 Millionen wurden vertrieben.

Und jetzt kommt Uwe Boll und dreht darüber einen Film. Wer den Trailer gesehen hat, fühlt sich an Edward Zwicks BLOOD DIAMOND erinnert. Der Vergleich ist, obwohl beide Filme an sich unterschiedliche Thematiken behandeln, nicht uninteressant und fällt zu Gunsten Bolls aus. Während Zwick das Thema zur Staffage verkommen lässt, um Raum für seine Stars Leonardo DiCaprio und Djimon Hounsou zu schaffen, rückt Boll die gepeinigten Bevölkerung des kleinen Dorfs (Handlung bitte selber nachlesen, der Dienst am Kunden wird bei uns nicht immer großgeschrieben!) in den Mittelpunkt und lässt seine Stars (Edward Furlong, Billy Zane, Kristanna Loken) die zweite Geige spielen. Sogar die superheiße Loken, die in BLOODRAYNE von Boll eine, natürlich komplett uneigennützige, Sexszene spendiert bekommen hatte, sieht hier aus wie eine Klavierlehrerin (okay, besser).
Und während Zwick noch eine total überflüssige unnütze Liebesgeschichte einbaut, damit die vielen Leichen nicht gar so auf den Magen schlagen, regiert bei Boll der blanke Nihilismus, was durch den Doku-Charakter und der improvisierten Umsetzung des Films noch gesteigert wird. Das einzige, was Boll und Zwick verbindet ist der Hang zum hirnzersetzenden Ethno-Gesäusel, offenbar seit einigen Jahren absolute und leider unauslöschliche Pflicht bei besonders dramatischen Themen.

Wie auch immer: Boll hat die Nase vor Zwick, aber Zwick war eh noch nie (Cinema-Leser sehen das anders) gut, deswegen liegt die Messlatte auch nicht besonders hoch, aber man muss bei allen sonstigen Vorbehalten doch attestieren, dass Boll hier eine Menge Ambitionen und Können zeigt und dieser intime Fake-Realismus à la Greengrass (nicht so passgenau geschnitten, aber besser als die meisten Kopisten), der auch schon bei RAMPAGE zum Einsatz kam, seinen Filmen gut tut und Atmosphäre und phasenweise sogar Spannung aufkommt.

Im Mittelteil merkt man dass Boll offenbar Gefallen an JOHN RAMBO gefunden hat, das zentrale Dorf-Gemetzel wird genau wie im großen Hollywood-Vorbild als brodelnde, ultrabrutale Mittendrin-Sequenz inszeniert. Daraufhin folgt eine recht konventionelle Actionfilm-Dramaturgie, die allerdings nicht in gängige Standards aufgelöst wird. Am Ende knüpft Boll dann wieder da an, wo er angefangen hat. Am ernsthaften Interesse. Am Willen, dem Zuschauer eins vor dem Latz zu knallen, zu sensibilisieren. Sein Publikum mit tief sitzenden Eindrücken aus einem Film zu entlassen. Es nicht nur schauen, sondern erleben lassen. DARFUR ist vielleicht nicht perfekt, aber mutig, konsequent und absolut fesselnd.

Ein wuchtiges, erschütterndes Werk, schon jetzt einer der besten Film des Jahres. In Zukunft wird man bei "Regie: Uwe Boll" gewaltig umdenken müssen.











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