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GESPRÄCHE

Benjamin Hahn im Gespräch mit Uwe Boll

Uwe Boll ist wohl einer der umtriebigsten und umstrittensten Regisseure Deutschlands, aber trotz aller Kontroverse muss man dem Mann eins lassen: Mitteilungsfreudig ist er wie kein Zweiter, weswegen wir beschlossen haben ihn ein zweites Mal auszuquetschen. Das erste Interview war im Rahmen der Überraschungspremiere seiner beiden Filme AUSCHWITZ und BLOODRAYNE: THE THIRD REICH: Uwe Boll im Interview

Und so gab sich im Anschluss an ein Screening zu ASSAULT ON WALL STREET im UCI Bochum dann auch eine weitere Möglichkeit zum Interview mit dem hitzig diskutierten Regisseur.

Das Gespräch.

Uwe Boll
Uwe Boll

Ausgehend von der Gewalteskalation am Ende des Films: Wie ernst ist Dir das Thema Bankenkrise?
    Als Filmemacher kann man eine Situation darstellen, die in der Realität so nicht passiert ist und vielleicht auch nicht passieren wird. Mir ging es darum, dass man einen Extremfall kreiert, der den Zorn der Menschen widerspiegelt. Sieben Millionen Amerikanern wurde das Haus zwangsversteigert und die fühlen sich vermutlich extrem beschissen und im Stich gelassen. Das wollte ich widerspiegeln, denn Hollywood hat in keiner Art und Weise in seinen Filmen zum Thema die Situation vom normalen Typ der Straße nicht gezeigt hat. Das spielte alles nur zwischen Politikern und Bänkern. Man hatte bei MARGIN CALL den Eindruck: "Die armen Bänker. Die armen Broker, die Schweine, die müssen nachts im Büro sitzen und arbeiten." Total absurd. Dieses Ärgernis hat bei mir dazu geführt, dass ich die andere Seite zeigen will.

Im Publikumsgespräch vor und nach dem Film hast Du gesagt, dass ruhig mal Bänker erschossen werden könnten und dass es gut wäre, wenn es mal wieder eine RAF geben würde, ist das alles nur werbetechnisches Poltern?
    Nein, überhaupt nicht. Ich finde, dass es das größte Verbrechen ist, dass der Assange in London in der Botschaft sitzt und nicht rauskommt. Ohne Wikileaks wüssten wir doch nur die Hälfte darüber, wie gelogen und wie verarscht wurde. Oder beim Irak-Krieg. Und das ist ein Skandal, dass Leute verfolgt werden, die ihre Meinung sagen und Informationen der Allgemeinheit zugänglich machen, die für uns enorm wichtig sind. Das gilt auch für den Snowden. Der hat die Sicht auf die Welt durch die Präsentation der reinen Fakten im Endeffekt verändert. Das so ein Typ nach Russland fliehen muss, das ist ein Witz.

Aber es macht einen Unterschied, ob jemand Whistleblower wird oder loszieht und Menschen umbringt.
    Absolut. Deshalb habe ich jetzt auch ein individuelles Schicksal von jemandem genommen, der nichts mehr zu verlieren hat.

Also Du möchtest nicht, dass man sich das jetzt als Beispiel nimmt?
    Nein. Ich bin der Meinung, dass ein Film den Finger in die Wunde legen muss. Er muss die Staatsanwälte und so weiter aufrütteln und dann eben nicht nur die Nebenschauplätze betrachten. Man pickt sich immer nur Einzelleute raus, aber nicht das System. Und das ist doch gerade marode. Es hätte eine Bankenregulierung geben müssen. Man hat während der Bailouts komplett versagt, die Banken an die Kandare zu nehmen. Das ist ein Versäumnis der Politik. Und mein Film ist einfach eine Möglichkeit, dem Ärger darüber mal Luft zu machen.

Also hat der Film für Dich einen Katharsiseffekt?
    Absolut. Man kommt sich ja nur verarscht und wehrlos vor.

Hast Du denn eine Lösung, was man besser machen könnte?
    Mit Bankenregulierung hätte man schon was machen können. Und bestimmte Hilfen wie nach Griechenland hätte es auch nicht geben dürfen. Es kann aber nur eine Veränderung geben, wenn die Leute auch voll haftbar gemacht werden für die Verluste. Während der Finanzkrise sind einfach viele Sachen falsch gelaufen. Es wurde ein Horrorszenario aufgebaut, damit die Politik das Geld rausrückt. Als sich der Staub dann gelegt hat, kam raus, dass die Welt doch nicht untergeht. Nur die Profite sind runtergegangen und das wollten die mit staatlicher Hilfe abfedern. Man hätte einfach Banken vor die Wand fahren lassen sollen. Damit hätte kaum ein normaler Sparer sein Geld verloren. Stattdessen haben die Vorstände mehr Gehalt bekommen. Da hat die Politik komplett versagt. Die hätten den Banken Regeln aufstellen sollen.

Also wünschst Du dir für die Zukunft ein System mit mehr Haftung?
    Absolut. Vor allem, wenn es um solche Summen geht. Im Handel zwischen den Banken wird jeden Tag mehr Geld umgesetzt als alle Länder als Bruttosozialprodukt haben. Das ganze Finanzsystem hat sich losgelöst von tatsächlichen Werten. Nur umsetzen könnte das niemand, weil es das Geld gar nicht gibt. Die leben eigentlich davon, dass jeder am traden bleibt. Das ist ein absurdes System. Und das macht einen sehr nervös.

Wäre es dann nicht klüger gewesen, einen Film darüber zu machen statt einen, in dem man nur die eigenen Aggressionen abbaut?
    Nö. Wir wissen doch beide, dass man keinen Film machen kann, der Tipps gibt, wie man die Politik ändert. Aber dieses Thema der Haftung kriegt man auch dadurch ins Gespräch, dass die Leute denken "Oh Scheiße, da könnte ja einer Amok laufen". Das kann so ein Film leisten. Dass die Leute auf einmal mehr Angst kriegen.

Haben wir eigentlich noch Einfluss auf die Politik?
    Glaube ich nicht. Ich glaube, die Politik hat uns so im Griff, dass die wissen, wie die Wahlen ausgehen. Im Prinzip haben sich in jedem Land zwei Parteien durchgesetzt, die fast die gleiche Politik machen. Das sieht man ja auch am Obama. Es gibt da immer so Etappengewinne, wo man sagt "Das ist aber anders als beim Bush." Aber der ist so lange schon im Amt, da muss man sich dann mal fragen, was aus den großen Reden geworden ist. Der ist auch nur ein Anwalt aus Chicago, der mit Lobbyisten in der Partei groß geworden ist und eiskalt sein Ding durchziehen kann. Der kann es nur sympathischer verkaufen als der Bush.

Sollten wir dann nicht aus dem System austreten?
    Das ist durchaus eine Überlegung. Es gab ja mal in der EU die Idee, dass man den Euro in Nord- und Süd-Euro teilt. Die Sachen sind nicht gar nicht so sinnlos, wie es sich zunächst anhört. Der Euro hat große Probleme gebracht. Vor allem für die Länder, die früher gut aus der Inflation rausgekommen sind, die schaffen das nicht mehr, wie man an Griechenland und Italien sieht. Auch diese Überwachung der Amerikaner. Es ist doch total absurd, dass wir als Feindstaat eingestuft werden. Man hat immer den Eindruck, dass die Deutschen die netten Doofen sind. Wir können alles bezahlen, haben keine militärische Macht, können aber Europa gut stabilisieren. Im Endeffekt sind wir Marionetten der Amerikaner und das ist ein Trauerspiel. Es muss doch kein Snowden seine Memoiren veröffentlichen, dass die Überwachung rauskommt. Das weiß doch der Bundesnachrichtendienst. Aber die arbeiten mit den Amerikanern zusammen und deshalb kommt es nicht raus. Und der Einfluss ist riesig: Ich hatte ein Projekt in der Entwicklung wie WHITE HOUSE DOWN, nur andersrum. Also dass die Terroristen alle platt machen. Da war es klar, dass ich keine Finanzierung aus den USA bekomme. Eine Firma aus Pakistan macht die Effekte für SCHWERTER DES KÖNIGS 3. Das ist eine Riesenfirma und der Besitzer ist total anti-amerikanisch. Aber mein Projekt wollte er trotzdem nicht finanzieren. Die Sicht der Amerikaner auf alles, die in den Blockbustern gezeigt wird, hat alles überlappt. Die werden sich jetzt auch China aneignen. China öffnet sich jetzt langsam, hat aber nicht begriffen, was es da jetzt macht: Die werden jetzt die Filme der Amerikaner finanzieren, dafür wird ein bisschen was in Shanghai gedreht und China bekommt ein paar Millionen. Schleichend setzt sich damit die Weltsicht der Amerikaner in den Gehirnen der Leute fest. Und das ist trostlos.

Vielen Dank für das Gespräch.




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