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GESPRÄCHE

Benjamin Hahn im Gespräch mit Hinnerk Schönemann

Würde man sich die Frage stellen, welcher Schauspieler völlig zu Unrecht noch nicht in aller Munde ist, so müsste die Antwort definitiv den Namen Hinnerk Schönemann enthalten. Der gebürtige Rostocker ist zwar ein umtriebiger Mensch und spielte in den vergangenen Jahren in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen mit (KROKO, NVA, NEUE VAHR SÜD), versucht jedoch stets das Rampenlicht zu vermeiden. Am Set von MARIE BRAND... in Köln ergab nun sich die Möglichkeit eines Interviews mit diesem angenehm bodenständigen Schauspieler.

Das Gespräch.

Hinnerk Schönemann
Hinnerk Schönemann

Herr Schönemann, es gibt wenige deutsche Schauspieler, die so oft die verschiedensten Polizisten gespielt haben, wie Sie. Ist das Zufall oder steckt dahinter ein System?
    Ne, ein System steckt da überhaupt nicht hinter... oder sagen wir mal so: ein bedingtes System. Ich hab schon immer darauf geachtet, dass die Rollen sich unterscheiden. Und es gab jetzt eine Zeit, da wurden mir viele Polizisten, Kommissare oder sonst was angeboten und ich hab das natürlich gerne gespielt, weil die meisten hatten eine Meise oder was weiß ich... Aber ein direktes System stand nicht dahinter, aber ich hätte ungern zweimal denselben gespielt. Also zweimal dieselbe Rolle für verschiedene Sender.

Sie scheinen jetzt immer häufiger die Uniform abzulegen. Sind Sie diese Rollen inzwischen leid?
    Ne, leid überhaupt nicht. Ich könnte das wahrscheinlich jahrzehntelang machen, aber ich möchte nicht, dass die Leute mich in eine Schublade packen, dass man sagt "das ist der ewige Polizist". Ich drehe ja immer noch Kommissare und in Hamburg bin ich Detektiv und da ist man dem Polizeiberuf doch schon immer noch nahe. Aber das reicht dann erst mal.

Gibt es eine bestimmte Art wie Sie sich vorbereiten?
    Ganz spät Text lernen. Aber das ist keine Masche, sondern das ist einfach so gekommen. Ich lerne sehr spät erst den Text und damit fahre ich sehr gut. Dann bleibt der irgendwie frisch. Ich lerne den auch nie hundertprozentig, wahrscheinlich kann ich das auch gar nicht...

Und auf die Polizistenrollen...? Gibt es da eine bestimmte Vorbereitung?
    Ne, gar nicht mehr. Für meinen allerersten Polizisten, den ich damals gespielt habe bei KOMM NÄHER, das war ein Kinofilm, da bin ein paar Tage lang in Berlin-Neukölln mit auf Streife gefahren. Also ich saß hinten mit im Streifenwagen. Aber ansonsten gab es da nie eine Vorbereitung. Ich weiß zwar jetzt, wie man Waffen hält, usw. aber... die wirklichen Polizisten, die mit uns drehen, die sagen "Och, das ist doch alles ganz falsch, usw.", aber nö, es gab keine weitere Vorbereitung.

Das stört Sie also nicht, dass es da Einwände gibt?
    Nö, alles gut.

Was sind die Reaktionen auf ihre Polizistenrollen? Also auch von Polizisten selbst?
    Kann ich gar nicht genau sagen. Bisher habe ich noch nie was Negatives gehört. Auch die Polizisten und Komparsen, die mit uns mitspielen, die sehen uns für den Zeitraum wohl wie Kollegen an... Zumindest ist sofort eine Verbindung da, sag ich mal.

Viele ihrer Polizisten sind naiv, manchmal auch ein bisschen unbeholfen, aber immer gutherzig und kämpferisch. Warum spielen Sie gerne solche Rollen?
    Ich glaube, wenn man etwas tiefer stapelt oder auf understatement macht oder den Rollen eine Meise gibt, dann sind die ein bisschen näher an den normalen Menschen dran. Dadurch ist man vielleicht nicht von vornherein der Held, aber die Herzen öffnen sich leichter.

In MÖRDERISCHES WESPENNEST gibt es ein TAXI DRIVER-Zitat. Haben Sie persönlich bestimmte Vorbilder, die Sie bei manchen Rollen inspirieren? So wie Sie das spielen, wirkt das sehr natürlich, als ob Sie sich selbst anheizen für bestimmte Rollen.
    Ne, das macht nur die Figur. Und die sollte das auch mehr schlecht als recht machen. Sonst hätte ich das viel intensiver geübt oder hätte es stärker 1:1 gemacht. Das sollte halt die Figur machen, die sich dabei toll findet, wenn sie Robert de Niro nachspielt und das dann auch nicht unbedingt gut macht. Ob es jetzt für mich noch Vorbilder gibt? Es gibt noch viele Kollegen, von denen ich was abnehmen kann. Auch wenn ich im Fernsehen was sehe, dann übernehme ich vielleicht da viele Sachen auch oder verwerte die dann für mich. Früher habe ich immer gesagt, es war Jim Carrey, der mich immer begleitet hat und mich auch immer noch begleitet, aber es ist nicht so, dass ich mich jetzt immer an Jim Carrey orientiere. Ne, das nicht.

Also konkrete Vorbilder gibt es heute nicht mehr?
    Ne, im Grunde nicht. Es ist eher so eine Mixtur aus allem. Wenn man was aufschnappt, dann speichert man es ab und wurschtelt das zu den eigenen Sachen.

In vielen ihrer Filme spielen Sie eher actionlastige Rollen...
    (lacht) Ja?

...ja, Sie rennen in vielen ihrer Filme durch die Gegend, liefern sich Verfolgungsjagden. Wären Sie gerne ein Actionstar?
    Warum nicht? Also klar: Einfach alles mitmachen. Das liegt mir auf jeden Fall näher als am Strand zu liegen und jemandem "Ich liebe Dich" ins Ohr zu hauchen. Aber es wäre jetzt zu einfach gesagt, dass ich jetzt ein Actionstar sein möchte. Aber ein Film, der viel Action und viel Bewegung hat, das wäre doch super.

Während Marie Brand zwar sehr rational denkt, behält sie sich dennoch immer ihr Feingefühl. Simmel scheint ein eher impulsiver Charakter zu sein, dem es oftmals an Taktgefühl mangelt. Wie würden Sie Jürgen Simmel beschreiben?
    Ja, wahrscheinlich genauso (lacht). Er würde natürlich sagen, dass er ganz anders ist, aber es ist schon so, dass er immer die Tür eintritt, bevor er guckt ob sie offen ist. Aber er ist ein ganz liebenswerter Polizist - Bulle wollt ich jetzt schon sagen - und ich mag ihn. Ich mag auch, dass er mit einer Treffsicherheit immer wieder in Fettnäpfchen tritt, aber das macht ihn halt auch sehr sympathisch. Was ich nicht so gerne hätte bei ihm, das wäre, wenn er am Tisch sitzen würde und sinnieren würde und sofort wüsste "Ah, das ist der Mörder" - wie man es ab und zu mal sieht im Fernsehen, dass es Polizisten gibt, die allwissend sind. Das macht mir irgendwie gar keinen Spaß. Warum auch? Auch Simmel muss bis zu dem Punkt kommen an dem er den Mörder mit Hilfe von Frau Brandt bekommt. Macht Spaß, diese Fehltritte.

Sie selbst scheinen ein sehr ruhiger und zurückhaltender Mensch zu sein. Jürgen Simmel ist das genaue Gegenteil davon. Wie fühlt sich der Landmensch Schönemann, wenn er den Großstadtbullen Simmel spielt?
    Sagen wir mal: Umso länger ich draußen auf dem Land bin - weil es dort so einsam ist - ist der Bruch, wenn ich in eine Stadt komme und dort drehe schon sehr groß. Das hat aber weniger mit den Rollen zu tun, denn so ein Set ist ja schon ein geschützter Raum, sondern das hat eher damit zu tun, wie man zum Drehort kommt. Dann gibt es auf einmal so viele Menschen, so viele Autos, viel mehr Krach, viel mehr Eindrücke als draußen auf dem Land. Da wird man einfach sensibler dafür und kriegt das einfach viel deutlicher mit, dass ganz schön viel Leben ist in einer Stadt. Weil privat ist das ein ganz anderes Extrem: extrem zurückgezogen, extrem still. Das ist fantastisch, meine liebste Lebensform da draußen, aber das absolute Gegenteil vom Dreh in Köln.

Fehlt Ihnen auf dem Land irgendwas?
    Gar nicht. Ganz im Gegenteil. Hier ist die Arbeit und das macht auch wirklich Spaß und da öffne ich mich, bin laut auf eine gewisse Art und Weise und habe es sehr gerne, dass viele Menschen um mich herum sind, unterhalte die gerne und versuche 110% zu geben. Aber auf dem Land, da habe ich schon Probleme damit, wenn sich ein Besuch pro Woche ankündigt. Da bin ich schon sehr gerne für mich alleine.

MARIE BRAND... ist ja zuweilen eine recht düstere Krimiserie...
    Ja, ist das düster?

Ja, überlegen Sie mal: In der Folge mit der Sekte...
    ...ja, das kann schon sein. Wenn man natürlich arbeitet und involviert ist, dann sieht man ja immer nur das Ergebnis und denkt sich "Ach, hätte ich das mal besser gemacht". Aber die Quoten sprechen für sich und die Leute lieben es auf eine gewisse Art und Weise. Das ist doch super.

Ich wollte jetzt eigentlich darauf hinaus, ob Sie das berührt, was Sie spielen.
    Nein, gar nicht. Selbst wenn ich jetzt von morgens bis abends in Blut waten würde und überall Leichenteile hätte, wie in einem Splatterfilm... Das nimmt man nicht mit nach Hause. Das ist wie ein Schalter: An/Aus. Das nimmt man nicht mit. Ich jedenfalls nicht.

Was glauben Sie, woher kommt die Leidenschaft der Deutschen für den Krimi?
    Weiß ich nicht... Vielleicht eine Art von Gerechtigkeit, also die Leute haben Angst und wollen wissen, dass es vielleicht jemanden gibt, der auf sie aufpasst. Vielleicht kommt das daher. Ich hab auch schon mir einen Kopf darüber zu machen, warum es ständig neue Krimiserien und -reihen gibt... Irgendwie haben die Leute ein positives Verhältnis zur Polizei, sodass ihnen das gefällt.

Welche Rollen würden Sie gerne noch spielen?
    Gibt keine Einschränkungen. Ich würde alles machen.

Auf den Promofotos ihrer Agentur sehen Sie ein bisschen bäuerlich aus...
    Ja? (lacht) Sehe ich bäuerlich aus oder die Fotos?

Die Fotos. Sie im Trecker...
    Ach ja, ich weiß. Das war mal ein Fotoshooting vom Stern.

Weil sowas würde auch zu Ihnen passen.
    Wie? Einen Bauern?

Ja, diese typischen Landmenschen.
    Ja, aber das mache ich ja jetzt schon im Umland von Hamburg als Detektiv. Da ermittle ich ja schon im Dorfleben. Das ist jetzt reichlich abgedeckt. Ich mein, das läuft jetzt erst an und das können Sie alles noch nicht wissen, weil das noch nicht gezeigt worden ist, aber da sind wir mehr als dran und das ist fantastisch. Das ist ein Traum. So wie mein Leben gerade verläuft, das ist ein Traum.

Außerdem komme ich gerade von einem Dreh in Schweden, wo ich einen Bauern gespielt habe, nämlich den Vater von Nils Holgersson.

Weil Sie das gerade angedeutet haben: es wird also eine Reihe um Finn Zehender geben?
    Ja, aber mehr kann ich dazu momentan nicht sagen.

Haben Sie schon mal ein Angebot für einen TATORT bekommen?
    Als Kommissar?

Ja.
    Ne, als Kommissar noch nicht. Würde ich aber auch zurzeit nicht machen können. Ich bin so froh, dass ich MARIE BRAND... habe und meinen Detektiv da oben. Um den wird es noch eine Reihe. Das wäre zurzeit nicht sehr klug einen Kommissar beim TATORT zu spielen.

Begonnen haben Sie als Theaterschauspieler, nun sind Sie fest im TV verankert. Wird es dennoch irgendwann eine Rückkehr an die Bühne geben?
    Ich bin etwas vorsichtig, aber zu 99,9% "Nein".

Warum?
    Ist nicht meine Ausdrucksform. Deswegen bin ich auch weg. Ich hatte alle Möglichkeiten der Welt, an einem der besten Theater Deutschlands, mit den besten Kollegen, dem besten Chef - die haben mir wirklich alles ermöglicht. Aber ich habe mitten in den Produktionen gesagt, dass ich nicht mehr kann. Dass ich gut werden will auf meine Art und Weise, befriedigt sein in meinem Arbeitsleben und das habe ich am Theater nie empfunden. Und ich wusste, ich schaff es beim Film eher. Dass es jetzt wirklich so gut geklappt hat, hätte ich mir auch nie träumen lassen, aber ich hab da sehr auf mein Gefühl gehört. Der Satz "Hör auf Dich; mach, was dein Gefühl Dir sagt" stimmt schon. Wenn man das ein Leben lang verfolgt, dann klappt das auch. Auch wenn man manchmal Rückschläge hat. Aber es klappt, wenn man an sich glaubt.

Vielen Dank für das Interview.


Gespräch mit Axel Pütter
Warum sind die Polizisten in Fernsehkrimis eigentlich immer so und nicht anders?




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