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Special.
Warum sind die Polizisten in Fernsehkrimis eigentlich immer so und nicht anders?
von Benjamin Hahn

Warum sind die Polizisten in Fernsehkrimis eigentlich immer so und nicht anders?

Es fing mit meiner Tante an. Die war schon immer eine begeisterte Krimileserin und -guckerin, aber erst seit sie pensioniert ist, verschlingt sie unablässig Buch um Buch, Fernsehfilm um Fernsehfilm. Ich unterhalte mich oft mit ihr über die Krimis, die sie sich anschaut oder die sie mir zum Lesen hinlegt. Bei einem dieser Gespräche - es war kurz nach der Ausstrahlung einer Folge MARIE BRAND - stellten wir uns auf einmal die Frage, wie viel Wirklichkeit eigentlich in diesen Krimistoffen steckt. Klar, Romane und Unterhaltungsfilme sind Fiktion, aber müssen sie deshalb auch so fernab der Realität sein, dass das dort beschriebene methodische Vorgehen weder Hand noch Fuß hat? Im Krimi, so scheint es, brilliert am Ende immer das kluge, rationale und die losen Fäden verbindende Ermittlerhirn über den Schurken, der sich meist zu klug für seine Häscher fühlt und deshalb unvorsichtig agiert, Fehler macht, Details übersieht.

Dieses Verhältnis zwischen Täter und Jäger - wir kennen es seit SHERLOCK HOLMES. Nicht minder archetypisch ist der ihm zur Seite gestellte Nebencharakter eines Dr. Watson, dessen Aufgabe sich seit den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle darin ergeht, dass ihm (und damit dem Rezipienten) vom genialen Ermittler alle Schritte erklärt werden können, wie er dem bösen Buben auf die Schliche gekommen ist. Diese Figurenkonstellation ist Usus in der Kriminalfiktion und auch wenn sie selten so prominent ans Tageslicht tritt wie in DR. HOUSE (was ja letztlich trotz seiner medizinischen Komponente nur eine Kriminalgeschichte ist), so findet sie sich dennoch in nahezu allen Krimis. Zugegeben: in der klassischen Postmoderne, wo man konventionelle Charaktere aufbricht und gängige Klischees ironisiert, wird man selten einzelne Charaktere eindeutig diesen Archetypen zuordnen können. Stattdessen finden sich hier eher Mischformen, die mal mehr, mal weniger Anteile des genialen Ermittlers und der reinen Erklärungsfläche haben. Aber was findet man in der Realität? Gibt es dort auch diese überklugen Ermittler? Und falls nein, warum sind die Krimiermittler so wie sie sind?

Nehmen wir uns mal als konkretes Beispiel die ZDF-Krimiserie MARIE BRAND vor. Die von Mariele Millowitch gespielte Titelfigur ist eine sehr rationale Ermittlerin, die vielleicht nicht unbedingt genial ist, die aber kühl die Fakten abwägt und fast immer die richtigen Rückschlüsse zieht. Sie ist ein postmoderner Sherlock Holmes, eine Figur, die einerseits über eine imposante Geistesschärfe verfügt, dabei aber nicht übertrieben intelligent wirkt, sondern auf einer emotionalen Ebene vermenschlicht wird. Ein kluger Kopf, der mit den Opfern leidet. Ihr zur Seite steht Jürgen Simmel, gespielt von Hinnerk Schönemann. Simmel ist ein simpler Mensch, der manchmal gerne mehr wäre als er eigentlich ist; der oftmals forsch und emotional äußerst tapsig ist. Was ihm an geistiger Schärfe fehlt, das macht er durch guten Willen und Einsatzbereitschaft wett. So ein Charakter, findet Schönemann, sei "näher an den normalen Menschen dran".

Ganz Unrecht hat er damit nicht, denn obwohl Jürgen Simmel ein Kerl ist, der "immer die Tür eintritt, bevor er guckt ob sie offen ist", ist er dem Zuschauer mitunter näher als Marie Brand. Zu groß wirkt manchmal die Diskrepanz zwischen rationaler Denke und emotionaler Betroffenheit als dass man sich als Zuschauer mit dieser Figur wirklich identifizieren könnte. Sie ist interessant und spannend, aber gerade weil Simmel nicht bloß nur der Stichwortgeber für Marie Brand ist, sondern als gleichwertiger Partner fungiert, fühlt man sich dem Durchschnittstypen Simmel deutlich mehr verbunden als seiner Partnerin. Oder wie Schönemann es treffend beschreibt: Er ist "vielleicht nicht von vornherein der Held, aber die Herzen öffnen sich leichter."

Schönemanns Haltung ist eine Wende in den Krimikonventionen, eine Abkehr vom allwissenden oder zumindest genialen Polizisten früherer Tage. Die würde er auch nicht spielen wollen, denn "das macht mir irgendwie gar keinen Spaß." - Vielleicht trifft das nicht nur auf ihn zu, sondern auch auf die Zuschauer. Vielleicht hat man sich inzwischen satt gesehen an den Geistesblitzermittlern, über die mit Hugh Lauries launischem Dr. House nun endgültig alles gesagt wurde.

Dabei müsste Schönemann nicht einmal auf die emotionale Nähe des Zuschauers mit dem von ihm gespielten Charakter oder seine eigene Rollenvorlieben verweisen um dessen mangelnde Geistesschärfe zu rechtfertigen, denn der "Geistesblitz des Supercops, der alles im Alleingang ermittelt" entspricht ohnehin nicht der Wirklichkeit, wie mir Axel Pütter, Pressesprecher der Polizei Bochum und ehemaliger Leiter einer Mordkommission, erklärt. Eigentlich ist es nämlich so, dass ein Mord nicht von einem einzelnen Kommissar oder einem Ermittlerduo untersucht wird, sondern von einem ganzen Team, das sich - zumindest in Bochum (und damit wohl auch in jeder anderen Großstadt) - aus sieben Beamten zusammensetzt. Im Team werden dann Ermittlungsergebnisse besprochen und analysiert und neue Ansätze diskutiert. Reale Ermittlungsarbeit ist ein oftmals im Büro spielendes, dialoglastiges Ensembledrama und eben nicht das vom Fernsehen gerne suggerierte actiongeladene Stationendrama.

"Warum", fragte mich meine Tante, als ich ihr das erzählte, "sind Krimis dann nicht viel realistischer, wenn die Wirklichkeit eben ganz anders aussieht?" - "Vielleicht", so versuchte ich diese Diskrepanz zu rechtfertigen, "ist die Realität einfach zu langweilig. Stell Dir vor, Du müsstest jetzt über viele Seiten (oder über viele Minuten) hinweg eine quälend lange Diskussion um die Gewichtung einer bestimmten Spur verfolgen. Würde man sich das wirklich antun wollen?" - "Aber man schaut sich doch auch Dokus an", entgegnete sie darauf und hatte mich damit argumentativ schachmatt gesetzt, denn tatsächlich ist es ja so, dass sich Doku-Formate über die Polizei - wie z.B. TOTO & HARRY - einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Und sogar ein Film wie DER TOTMACHER, ein als Kammerspiel inszeniertes Verhör, kann ungemein spannend sein. Dass man sich also deshalb so weit von der Realität entfernt, weil diese zu langweilig sei, ist eine haltlose Erklärung.

Eine deutlich logischere wäre allerdings folgende: egal wie nah es auf den ersten Blick an der interpretierten Realität zu sein scheint, Unterhaltungsfernsehen will kein Abbild der Realität darstellen. Im Moment der Übertragung von realen Vorlagen in fiktionale Kontexte beginnt ein Prozess, der einerseits Veränderungen zur Vorlage erzwingt, zum anderen selbige legitimiert. Der Zwang entsteht vor allem durch eine juristische Komponente, die man vielleicht an den Auseinandersetzungen um Maxim Billers autobiografischem Roman ESRA verdeutlichen kann. Biller beschreibt hier ausführlich eine Liebesgeschichte zwischen seinem literarischen Alter Ego Adam und der Deutschtürkin Esra, für die es eine reale Vorlage gab. Die reale Ex-Freundin Billers fühlte sich durch den Roman in ihrer Privatsphäre verletzt, klagte und gewann in allen Instanzen. Fälle wie dieser zeigen, dass eine sich an der Realität orientierende Fiktion bereits aus Gründen der Persönlichkeitsrechte heraus dazu gezwungen ist, sich von der Realität möglichst zu distanzieren. Weil bereits die im Unterhaltungsfernsehen dargestellte Welt trotz ihrer Orientierung an der Realität selbige nicht exakt abbilden kann und darf, legitimieren sich auch weitere Änderungen, die den Graben zwischen Wirklichkeit und Fiktion noch mehr vertiefen. Anders formuliert: Wenn man sowieso schon bestimmte Aspekte verfremden muss, warum sollte man sich dann nicht auch die Freiheit nehmen und weitere Aspekte verfremden, sodass die Geschichte spannender oder auch leichter nachzuvollziehen wird.

Natürlich ist es nachvollziehbar, wenn sich ein richtiger Polizist wie Axel Pütter durch diese Verfremdungen gestört fühlt und sicherlich ist es auch nicht gerade ideal, dass das Bild der Polizei beim Durchschnittskonsumenten durch solche Verfremdungen geprägt wird, aber das Grundproblem scheint dabei weniger die Darstellung an sich zu sein, als vielmehr unser mangelndes Bewusstsein für die Fiktionalität dieser Stoffe. Je näher eine Handlung an die von uns gedachte oder erlebte Realität heranreicht, desto weniger sind wir bereit uns auf die Fiktion und ihre ganz eigenen Regeln einzulassen und desto mehr stören wir uns an der fiktiven Darstellung oder lassen von ihr unser Bild von der Wirklichkeit malen.

Einem Fantasyfilm würde niemand den Vorwurf machen, dass Drachen und Kobolde nicht real sind. Andererseits käme auch niemand auf die Idee, dass die dort dargestellte Welt auch nur ansatzweise der realen entspricht. Dieses Bewusstsein für die Fiktionalität müssen wir uns auch bei Krimis (wieder) aneignen. Auch hier muss gelten, dass eine Kategorie wie "realistisch" bei fiktionalen Inhalten nur innerhalb der Stoff-internen Kohärenz anwendbar ist, d.h. man sich lediglich die Frage stellen kann, ob es z.B. realistisch ist, dass Marie Brand und Jürgen Simmel innerhalb ihrer eigenen Welt auf ihre Art Fälle lösen können oder nicht. Die Frage, ob das in der realen Welt "realistisch" wäre, stellt sich gar nicht. Es ist nicht Aufgabe der Fiktion die Realität abzubilden (dafür gibt es die Dokumentation), sondern im Höchstfall über sie zu reflektieren. Und weil in einer solchen Reflexion problemlos eine einzelne Figur für eine ganze Gruppe stehen kann und weil die Fiktion anderen Regeln unterworfen ist als die Realität, kann ein Krimi sich auch die Freiheit der Realitätsferne erlauben und seine Interpretation der Wirklichkeit nach seinen ganz eigenen Konventionen gestalten.

Mit dieser Antwort gab sich meine Tante nun endlich zufrieden und so begannen wir uns über andere Dinge zu unterhalten. Erst als ich ging, warf ich ihr noch einmal eine Frage zu den Krimis zu: "Warum magst Du die überhaupt so sehr?"


Gespräch mit Axel Pütter
Gespräch mit Hinnerk Schönemann



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