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GESPRÄCHE

Benjamin Hahn im Gespräch mit Axel Pütter

Axel Pütter ist Erster Polizeihauptkommissar und Pressesprecher der Polizei Bochum. Zuvor hat er über viele Jahre eine Mordkommission geleitet (eine Zeit, die er in einem im Jahr 2012 erscheinenden Buch aufarbeitet). Mit ihm sprach ich über seinen Beruf, Fernsehkrimis und TOTO & HARRY.

Das Gespräch.

Axel Pütter
Axel Pütter

Herr Pütter, könnten Sie sich kurz vorstellen?
    Mein Name ist Axel Pütter und ich bin 57 Jahre alt. 1971 bin ich in den Polizeidienst eingetreten, und habe 9 Jahre bei der Schutzpolizei im Wach- und Wechseldienst gearbeitet. 1980 habe ich ein Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Dortmund absolviert. Nach dem Studium 1983 war ich viele Jahre Sachbearbeiter bei der Kripo und habe da anfangs so genannte Kleinkriminalität d.h. z.B. Diebstähle an und aus Fahrzeugen, bearbeitet. Das hat sich dann im Laufe der Jahre verändert. Zu meinen Aufgagen gehörte es Wohnungseinbrüche, Raubdelikte und auch Todesermittlungsverfahren zu bearbeiten.
Im Jahre 1988 wurde ich Mitglied einer Mordkommission. Ab Mai 1994 habe ich verantwortlich die Mordkommission V bis Mai 2009 geleitet. Zugleich war ich einige Jahre später stellvertretender Leiter des Fachkommissariates, KK 11, in Bochum, dem ich seit dem Jahre 1991 angehörte. Im Jahr 2009 wurde ich Leiter der Pressestelle für die Kreispolizeibehörde Bochum.
Wenn man so will habe ich seit 1988 mit Kapitaldelikten zu tun gehabt.
Mord und Totschlag, das war für mich der Inbegriff der Ermittlungsarbeit. Es ist ein sehr anspruchsvolles Aufgabengebiet. Man lernt viele Facetten des menschlichen Lebens, aber auch des Todes kennen und das prägt einen schon sehr. Heute kann ich sagen, dass es eine unglaublich schöne Zeit war und in einem gut funktionierenden Team zu arbeiten. Ich muss aber auch sagen, dass ich vor zwei Jahren sehr gerne meine neue Aufgabe übernommen habe.

Dass Sie damals zur Mordkommission gestoßen sind, war also eine bewusste Entscheidung?
    Also dass ich zur Mordkommission gestoßen bin - im Jahr 88 - das war, weil man mich gefragt hat, ob ich mir das zutraue. Ich habe keinen Augenblick gezögert und sofort zugesagt. Ich hatte auch das Glück, dass ich die Mordkommission 5, in die ich 1988 berufen wurde, auch als MK-Leiter übernehmen durfte. Zum besseren Verständnis: wir haben insgesamt sechs Mordkommissionen mit grundsätzlich gleicher personeller Besetzung. Die Entscheidung damals 1988 war bewusst und gewollt, aber auch die spätere Entscheidung nur noch in diesem Tätigkeitsfeld zu arbeiten war bewusst getroffen.

Was hat Sie daran gereizt? War es das Auflösen der Fälle oder eine bestimmte Form des Gerechtigkeitsempfindens?
    Sowohl, als auch. Schließlich geht es darum, die schwersten Straftaten, die man nach unserem Strafrecht verüben kann, aufzuklären. Diese Aufklärungsarbeit in einer Kommission hat mir immer Spaß gemacht. Aber wenn man solche Verbrechen aufklären soll, dann ist das auch eine große Verantwortung und der habe ich mich gerne gestellt.

Gibt es Fälle, die Sie besonders beeindruckt oder bewegt haben?
    Ja. Es gibt zwei Fälle, die in unserer Kommission nicht aufgeklärt worden sind. Das ist einmal ein Fall aus Herne, wo eine 90 Jahre alte Frau in ihrem Haus ermordet worden ist und zum anderen ein Fall, der sehr nachhaltig bei mir in Erinnerung geblieben ist und immer noch präsent ist. Das ist ein Fall aus dem Jahr 1996. Damals war ein 54-jähriger Mann auf offener Straße des Nachts erstochen worden. Ich habe heute noch Kontakt zur Witwe und wir treffen uns immer noch regelmäßig. Das ist so sicherlich nicht üblich, aber wenn man so intensiv ermittelt hat und immer wieder Vernehmungen durchgeführt hat, dann kann man nicht einfach sagen "So, das war's". Das Ermittlungsverfahren ist ja immer noch nicht abgeschlossen. Insbesondere auch deshalb nicht, weil ich sehr viel von dem Mörder habe, nur seinen Namen nicht. Ich habe seine DNA und bin da immer noch großer Zuversicht, dass ich vielleicht irgendwann noch mal diesen Fall klären kann. Von daher ist dieser Fall für mich besonders nachhaltig in Erinnerung.
Die anderen Fälle, die mich immer berührt haben, sind die Fälle, wo Kinder gestorben sind. Nicht immer nur Morde, sondern auch Suizide oder andere tragische Geschehnisse. Bis auf Verkehrsunfälle haben wir alle Arten von Todesermittlungsverfahren in der Sachbearbeitung. Das hat mich immer sehr berührt. Besonders auch dann, wenn man Todesnachrichten überbringen muss. Das ist für jeden Polizisten das schlimmste, was es so gibt und wenn man dann sieht, welches Elend in der Familie herrscht, dann ist das etwas, was sehr bewegt und nicht so leicht zu verarbeiten ist.

Sie können dann auch nicht einfach abschalten, sondern nehmen das auch mit nach Hause?
    Wenn man das über 20 Jahre gemacht hat, dann muss man irgendwie versuchen, für sich selbst ein Schutzschild aufzubauen. Es gibt sicherlich Dinge, die man mit nach Hause nimmt. Diese Sachen, von denen ich gerade berichtet habe, auf jeden Fall. Es ist auch teilweise heute noch so, dass mich die Erinnerung wieder einholt, wenn ich etwas sehe, was mich an einen Fall erinnert. Ich habe es gelernt, dass ich das soweit von mir weg halte, dass ich nicht darunter leiden muss. Zumindest nicht langfristig. Es sind Emotionen da, die kann man nicht verhindern oder verdrängen Ich kann mich an einen Fall erinnern, als ich mit einem Kollegen eine Todesnachricht überbracht habe. Ein 16-jähriger Junge hatte sich vor einen Zug geworfen hat. Dieses Bild alleine, das kann man nicht vergessen, wie das Kind gelegen hat. Und ich werde nie vergessen, wie ich mit dem Schultornister in der Hand auf die Mutter zugegangen bin und die Frau vor mir nahezu zusammengebrochen ist. Da kämpft man dann auch selbst mit den Emotionen. Mein Kollege hat damals seinen Tränen freien Lauf gelassen, ich hab es damals unterdrücken können.

Wie geht man privat damit um?
    Ja auch da bin ich gewillt, das Erlebte privat nicht weiterzugeben, denn ich will ja auch meine Familienmitglieder schützen. Es ist schon so, dass man viel erreicht, wenn man sich ausspricht und über Belastendes spricht. Das haben wir aber hauptsächlich im Kollegenkreis gemacht. Da hat man über solche Sachen gesprochen, als wäre es ein ganz normaler Fall. Das hilft dann auch schon mal weiter. Die belastenden Erlebnisse habe ich grundsätzlich versucht, von meiner Familie fern zu halten. Bestimmte Dinge nimmt jeder mit nach Hause. Jeder Todesermittler versucht, auf seine Art damit fertig zu werden.
Ich weiß, dass Kollegen an traumatischen Erlebnissen zerbrochen sind. Gott sei Dank ist es mir gelungen, das immer auf einer Ebene zu halten, auf der ich emotional nicht zu sehr belastet worden bin.

Privat beschäftigt man sich dann bestimmt auch nicht mehr mit Mord und Totschlag?
    Ich schaue ab und zu mal einen TATORT. Meine Frau schaut die und andere Krimis leidenschaftlich gerne. Ich selbst habe das jahrelang nicht gemacht, weil ich der Auffassung war, dass die Darstellung der Polizei nicht der Realität entspricht. Von daher habe ich sehr selten mal einen TATORT mit meiner Frau geguckt. Das hat sich zwischenzeitlich ein wenig geändert. Mittlerweile gucke ich die schon mal ganz gerne. Der Tatort aus Münster ist z.B. immer sehr gut. Nicht zuletzt wegen der Darsteller.

Was hat Sie denn früher daran gestört?
    Wenn ich früher sage, dann meine ich so 20, 30 Jahre zurück. Früher, als ich noch bei der Schutzpolizei gearbeitet habe und ich ein besonderes Augenmerk auf den Vergleich gerichtet habe, wie die Kollegen dargestellt werden und wie das in der Realität ist. Ist das tatsächlich so, dass der Schutzmann im Vernehmungszimmer steht und auf das Zeichen des Kripobeamten wartet, dass er den Tatverdächtigen abführen kann oder Kaffee bringt. Das ist weit weg von der Realität und das hat mich immer gestört. Aber mittlerweile kann ich darüber lachen...

Wie ist es denn in der Realität?
    In der Realität werden Kapitalverbrechen von einer Mordkommission bearbeitet, die sich aus ganz bestimmten Personen zusammensetzt. Das sind Kollegen, die Erfahrung haben im Ermittlungsdienst, die bei der Kripo ihren Weg gegangen sind und die Erfahrungen im Umgang mit Todesermittlungsverfahren haben. Insbesondere der Leiter einer MK muss diesen Weg durchschritten haben. Die Mordfälle werden bei uns im Team bearbeitet. Da gibt es nicht den Geistesblitz des Supercops, der alles im Alleingang ermittelt.

Wie groß ist so eine Mordkommission?
    Ich kann nur für den Bereich der Kreispolizeibehörde Bochum sprechen. Hier ist es so, dass wir sechs Mordkommissionen haben. In einer Kommission sind insgesamt sieben Personen. Diese setzt sich zusammen aus einem MK-Leiter, einem Stellvertreter und fünf Ermittlungsbeamten. Im Einsatzfalle kommen noch die Kollegen, die die Spurensuche durchführen hinzu. Die Beamten der Spurensuche, unseres Erkennungsdienstes, haben genauso Bereitschaftszeiten wie die Mordkommissionen auch. Der Reihe nach haben die Kommissionen Bereitschaftsdienst und zwar immer eine Woche lang. Fällt in dieser Woche ein Einsatz an, wird die Kommission, die in Bereitschaft liegt, gerufen. Der Wechsel der Kommissionen findet immer Montagmorgens, um 07:00 Uhr statt.

Also ist die Vorstellung, dass ein einzelner Kommissar oder ein Duo einen einzelnen Fall bearbeitet und löst, völlig unrealistisch?
    Grundsätzlich ja. Es ist allerdings so, dass in Einzelfällen auch nur ein oder zwei Kollegen einen Sachverhalt übernehmen. Dass jedoch nur dann, wenn nicht viel Ermittlungsarbeit erkennbar ist. Meistens ist es aber anders.

Denken Sie, dass es moralisch verwerflich sein könnte, dass man sich im Fernsehen an Mord und Totschlag delektiert?
    Man muss zwei Dinge voneinander trennen. Das eine ist die Realität und das andere Fiktion. Jeder, der den Fernseher einschaltet, der weiß, dass das nicht real ist. Von daher denke ich, dass es nicht moralisch verwerflich ist. Ich persönlich hätte dahingehend nicht das Empfinden. Es ist so, das merken wir auch hier auf der Pressestelle, dass sich ganz bestimmte Formate "verkaufen". Die Zuschauer zieht eine Sendung über Kriminalität an. Auch boulevardmäßige Themen sind für viele sehr wichtig und entsprechend sind die Zuschauerzahlen. Das Fernsehen muss sich eben daran orientieren, was die Zuschauer sehen wollen.

Was glauben Sie, woher diese Faszination kommt?
    Die hat es - glaube ich - immer schon gegeben. Mord und Totschlag sind mit die schlimmsten Verbrechen, die man begehen kann und da hat die Öffentlichkeit eben ein ganz besonderes Interesse daran, dass man solche Fälle klärt. Das wiederum greifen die Medien auf und bringen es entsprechend an das Publikum.

Also sowas wie die Befriedigung des Rechtsempfindens der Zuschauer?
    Ja, auf jeden Fall.
Das ist aber auch für die meisten Polizisten das wichtigste überhaupt. Es ist einfach das Gerechtigkeitsgefühl, das wir als Polizeibeamte eben wahrnehmen wollen. Dafür haben wir auch unseren Eid geleistet und dafür stehen wir auch in der Pflicht der Bürger. Daher denke ich, dass wir das nicht nur als Auftrag empfinden, sondern als Berufung.

Glauben Sie, dass die Sensibilisierung für bestimmte Verbrechensarten (wie den Enkeltrick) nicht nur über Formate wie AKTENZEICHEN XY UNGELÖST funktionieren kann, sondern auch über normale Krimis?
    Ich bin davon überzeugt, dass der eine oder andere TATORT vielleicht dazu beigetragen hat, die Menschen zu sensibilisieren. Wenn das der Fall ist, dann freuen wir uns natürlich, denn es ist ja auch unser Ziel, präventiv zu arbeiten. Sie haben ja gerade den Enkeltrick angesprochen. Das Problem ist es, die entsprechenden Zielpersonen zu erreichen. Die älteren Menschen schauen sich vielleicht einen Krimi an, aber eben nicht unbedingt. Wie erreichen wir die? AKTENZEICHEN XY UNGELÖST ist ja ein Format, wo schon immer präventiv irgendwas gezeigt worden ist. Das hat Eduard Zimmermann ja auch seinerzeit mit dieser Sendung NEPPER, SCHLEPPER, BAUERNFÄNGER gepflegt. Man hat darauf hingewiesen, wie die Täter arbeiten und hat so versucht, das Publikum entsprechend zu warnen. Nichts anderes machen wir ja auch. Wir haben eine Fachdienststelle, die genau nur diese Problematik aufgreift und an verschiedene Zielgruppen herantritt. Das sind einmal die Jugendlichen, aber auch die älteren Personen, die im Alter eben nicht mehr das aktuelle Verbrechensgeschehen kennen, vielleicht auch senil oder generell gutgläubiger sind. Diese Personengruppen versuchen wir anzusprechen. Wenn wir die nicht direkt erreichen, dann versuchen wir es indirekt. Wie jetzt z.B. aktuell, wo wir mit einem Radiosender eine Kampagne zum Enkeltrick starten. Hier versuchen wir die Angehörigen der älteren Generation anzusprechen, die wiederum ihre Eltern und Großeltern sensibilisieren sollen.

Und da könnten auch Fernsehformate helfen?
    Ich bin davon überzeugt, ja. Da kann sicherlich das eine oder andere zur Prävention beitragen.

Wir sitzen hier jetzt gerade mal eine Etage über der Wache von TOTO & HARRY. Was ist ihre Meinung zu solchen Formaten?
    Bei TOTO & HARRY muss man zunächst ein bisschen die Geschichte betrachten: Es war früher so, dass es diese Formate nicht gegeben hat und TOTO & HARRY quasi die Pioniere dieser Formate geworden sind.
Wir stellen anhand der Fanpost an die beiden fest, dass sie in ganz Deutschland bekannt und beliebt sind. Es sind auch viele Anfragen an TOTO & HARRY gerichtet, zu denen sie eingeladen werden, wie zum Beispiel zu Fernsehsendungen. Die Beliebtheit der beiden resultiert nicht nur aus der Sendung alleine sondern auch dadurch, dass sie soziale Netzwerke knüpfen und karitative Projekte, insbesondere für Kinder, unterstützen. Es sind schon einige Tausend Euro durch ihre Auftritte zusammen gekommen, bei denen die genannten Projekte Hilfe und Unterstützung bekommen haben.
Ich muss aber auch hinzufügen, dass nicht nur ein positives Echo zu verzeichnen ist. Es gibt hin und wieder Kritik, auch aus dem eigenen Kollegenkreis.
Die Polizei muss versuchen, sich ganzheitlich darzustellen. Insofern müssen wir abwarten, wie sich die Entwicklung zum Thema TOTO & HARRY ergibt.

Hätten Sie eine Idee für ein anderes Format?
    Konkret jetzt nicht, aber etwas Ganzheitliches wäre zu überdenken. Also ein Format, das sich nicht nur auf zwei Beamte fixiert, sondern eben auch das Drumherum sieht, das Spektrum erweitert. Wir haben ja nicht nur den Wach- und Wechseldienst, sondern wir haben auch noch andere Dienststellen. Diese Dienststellen könnte man vorstellen, was sicherlich auch für den Zuschauer interessant sein könnte.
Was zum Beispiel interessant ist, wäre ein Sachverhalt, den ein Fernsehteam von Anfang an begleitet. Hier kann man den komplexen Prozess der polizeilichen Arbeit sehen. Z.B. ein Verkehrsunfall. Man könnte dieses Ereignis von verschiedenen Seiten her betrachten. Aus Sicht der Betroffenen, der Polizei, der Feuerwehr und der Ärzte und Angehörigen. Wenn man das alles auf einen Nenner bringen könnte, dann wäre das ein Format über das man mal nachdenken könnte.

Das klingt wirklich interessant. Man fragt sich ja oft bei diesen Formaten, was da eigentlich noch alles passiert.
    Ja, das ist richtig. Die Frage hat wohl so als Serie noch niemand beantworten wollen.

Vielen Dank für das Interview.


Gespräch mit Hinnerk Schönemann
Warum sind die Polizisten in Fernsehkrimis eigentlich immer so und nicht anders?




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