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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
Nippon Connection 2007 – 5 Tage in Pink
von Sebastian Selig

Wenn sie lacht glitzert ihre Zahnspange im gleißenden Licht der Discokugel. Hitomi, die sich das Sounddeck mit Ryuichi Hiroki, dem Regisseur von VIBRATOR, teilt, legt im mandelfarbenen Geisha-Outfit knalligen J-Pop knapp an der Grenze zu Euro-Disco auf. Der kleine Saal im Untergeschoss ist mit fröhlichen Menschen gefüllt, über deren Köpfe gerade eine farbverfremdete Blow-Job-Szene an die Wand gebeamt wird. An der Bar verkaufen sie diese kleinen, sternförmigen Cracker mit Fischgeschmack zum Sapporo-Bier.

Nippon Connection - der große rosa Flummi im Einheitsbrei deutscher Filmfestivals - war in diesem Jahr besonders schwer zu packen. Unglaublich die Bandbreite verspielt-verschlüsselter Filme, tanzender Roboter, Theater-Performances, Filmemachergespräche, Karaoke- und Nudelsuppenorgien. Unmöglich sich von dem Enthusiasmus sowohl der Macher wie auch dem in großer Zahl noch in die experimentellsten Filme strömenden Publikum nicht anstecken zu lassen.

Wir beginnen das Festival mit etwas, das sich anfühlt, als würde man versuchen auf LSD ein japanisches Barbie-Puppenhaus zusammenzubauen, während irgendwo im Hintergrund eine Softcore-Version von HARRY POTTER über den Bildschirm flimmert. ARCH ANGELS mag einem wie eine Warnung erscheinen niemals dem kleinen PSP-verspulten Bruder, einen Grundkurs in CGI zu bezahlen. Man kann sich aber auch einfach nur 90 Minuten in rosa das Hirn aufspritzen lassen (was sich für mindestens 20 Minuten sogar richtig gut anfühlt).

TEKKON KINKRED ist ein Anime für alle, die sich von Animes sonst eher belästigt fühlen (nicht umsonst verdichten sich hier die immergroßen Mandelaugen der Figuren, zu kleinen, engen Schlitzen). Man meint beinah französisches Geld zu wittern, so tropft hier das, was man gemeinhin mit "europäisch differenzierter Charakterzeichnung" oder gar "Autorenkino" brandmarkt aus jedem Panel. Eine große Bilderbombe, die eigentlich schrecklich nerven müsste, aber kurz vorher immer doch noch an der Brustgegend entlangschrubbert.

Im US-amerikanischen-Indie-Kino konnte man sich Anfang der 90er vor dieser Art Kino kaum retten. Diese verschrobenen Landidyllen, wo ein lakonisches Schulterzucken immer dann kam, wenn irgendwo mal wieder eine Kuh explodierte oder eine Leiche neben dem Acker gefunden wurde. Filme in denen der Latzhosen tragende Farmer, in seiner leer stehenden Silohalle an einer gigantischen Marsskulptur schweißte und man im Winter Eisloch-Angeln ging. Die "kauzig, schwarze Komödie", mit all den lustig, verschrobenen Charakteren, die entweder Altersweisheit oder zumindest seltsame Hobbys zu pflegen hatten. THE MATSUGANE POTSHOT AFFAIR - der dritte Film des Festivals - ließe sich einem amerikanischen Produzenten vielleicht als japanisches FARGO ohne Schnee verkaufen. Eigentlich genau die Art von Film, mit denen sich auch heute noch Publikumspreise gewinnen lassen müssten (beim diesjährigen Nippon Connection machte dann letztlich aber der ähnlich positionierte LA MAISON DE HIMIKO, um ein paar fröhliche alte Drag Queens im Altersheim, das Rennen). Nett eben und folgerichtig mit einem ebenso netten Amoklauf am Ende.

Katushiro Otomo, dessen AKIRA nachhaltig westliche Sehgewohnheiten gerockt hat, dreht inzwischen verdammt edel aussehende Heilpraktiker-Epen in Realfilm. In MUSHISHI gleitet die Kamera durch das satteste Grün, das man sich nur vorstellen kann. Natur wie von Glühwürmchen-Hand zusammengefügt. Gleich zu Beginn, die am beeindruckensten gefilmte Erdrutsch-Szene der Filmgeschichte. CGI so perfekt und kleinteilig, dass das Kinn runterschnappt. Trotzdem, es wird hart. Schon der knapp 45-minutige Prolog, den sich Otomo hier leistet – es ist als würde man Gras beim Wachsen zusehen. Die Einführung der Hauptfigur zieht sich in zenhafte Unendlichkeit, nur um dann jegliches Interesse an ihr in endlosen Waldspaziergängen zu zermürben. OK, immer wieder die volle Bilderpracht, aber warum man auch nur einer der hier durchs Grün wandernden Figuren folgen sollte, erschließt sich auch nach gefühlter vierstündiger Laufzeit nicht.

Sehr viel erfrischender ist da die andere große Meisterregisseur-Packung des Festivals. Shinya Tsukamotos NIGHTMARE DETECTIVE ist großes Fluff-Kino. Schnell, hart und dabei gerade noch so doppelbödig, dass auch die Arthouse-Posse wohlwollend mitgeht. Tsukamoto fährt noch mal alles auf, wofür man ihm auf Fansites zu Recht huldigt. Dabei brettern die Bilder dieses mal zusätzlich noch knapp an ein paar J-Horror und Anime-Klischees vorbei, so dass auch die zahlreichen Fans beider Genres voll mitgehen dürften. In den großen Momenten Visual-Terror von einer Körperlichkeit, wie das außer ihm vielleicht gerade noch Gaspar Noé hinbekommt. Als doch schon größeres Manko von NIGHTMARE DETECTIVE erweist sich allerdings leider die Hauptdarstellerin. Diese scheint sich für ihren "doofe Pop-Starlets spielen toughe Ermittlerinnen"-Akt wohl ausgerechnet Jennifer Lopez in THE CELL zum Vorbild genommen zu haben. Deutlich mitreißender da Ryuhei (BLUE SPRING) Matsuda, einmal mehr als introvertiert leidender Beobachter. Richtig zum brennen kommt der Film immer dann, wenn Tsukamoto selbst über die Leinwand berserkert. Schade, dass man seiner, der mit Abstand interessantesten Figur de ganzen Films, nur vergleichsweise wenig Raum gegeben hat. Aber was beschwert man sich, wenn einem der Meister dafür hier in Frankfurt dann ganz persönlich 50 Minuten seiner Zeit schenkt, um mit ihm über den Schmerz zu philosophieren.

Zu später Stunde dann UNHOLY WOMEN. J-Horror mit umgekehrtem Düsenantrieb. Groß überzeichnet, aber ohne parodistischen Rückzug. Gleich die erste der drei Episoden bekommt etwas hin, was eigentlich unmöglich gelingen kann: Man darf sich THE GRUDGE, noch mehr eigentlich Kurosawas gnadenlos kaltes Grauen aus PULSE, auf Speed ansehen. Statt folgerichtig aus dem Film katapultiert zu werden, bleibt man überraschend gepackt. Zu richtiger Hochform läuft der Film dann aber erst in der zweiten Episode auf. Es ist, als hätte sich Cronenberg mit den Monty Pythons zusammengetan. Fühlt sich in etwa so an, als würde man mit einer mitreißend lustigen Frau schlafen, die gerade ihre Periode hat. Danach vergleichbar Old School der Abgang. Noch mal als kleiner Junge alleine runter in den Keller, in dem gerade die geistig verwirrte Mutter alle Glühbirnen rausdreht.

In der das Festival begleitende Retrospektive im Filmmuseum wurden in diesem Jahr japanische Experimentalfilme von den 1960er Jahren bis heute gezeigt. Wir sitzen neben zwei direkt dem ID entsprungen zu sein scheinenden Models (?), die Rotwein aus der Flasche trinken, während in SPLINTERED SEX in einem japanische Heilbad die Unmöglichkeit heterosexueller Annährungsversuche durchgespielt werden. Sehr groß der Moment, als beim letzten Film der liebevoll zusammengestellten Sexperimentalfilmrolle der Typ hinter uns mit einem, "OK, das war's für mich Jungs" den Saal verlässt, nachdem er 10 Minuten lang statische Einstellung von unauffälligen Vorstadthäusern, leeren Zimmern und immer mal wieder einer teilnahmslos auf dem Boden rumliegenden Japanerin, die einem aus dem Off scheinbar aus ihrem kleinen Poesie-Blog vorliest, hinter sich hat. Gerade ruht der Blick gerade auf einem schmucklosen Hinterhof. Just in dem Moment, als die Tür zum Kinosaal ins Schloss fällt, reckt sich, leidenschaftlich verzückt, der nackte Arm der Schönen ins Bild. Und nicht nur das, sie ist jetzt überhaupt ziemlich nackt und ihre kaum mehr bekleidete Freundin ist inzwischen auch zu Besuch gekommen. Die nun noch folgenden vier Minuten tollsten Lesbensex hat er dann wohl verpasst.

Bei der zweiten experimentellen Kurzfilmrolle sitzt Tsukamoto mit im Saal. Gezeigt werden verschiedene 8mm-Arbeiten, u.a. ein Studentenfilm von Kiyoshi Kurosawa, in dem er und seine Kunststudentenfreunde eine Demo organisieren. Von Tsukamoto selbst gibt es Ausschnitte, aus seiner leider nicht mehr vollständig erhaltenen TESUO-Persiflage THE ADVENTURE OF DENCHU KOZO zu sehen.

Als schönster Film des Festivals überrascht einen zu später Stunde dann noch NIKOMIHOPPY. Die Pink-Film-Vorgabe, alle 10 Minuten eine Sex-Szene zeigen zu müssen, hindert den Film nicht daran von der Unmöglichkeit des Festhaltens zu erzählen. Chiyohara (Mutsuo Yoshioka) wurde von seiner Freundin verlassen. Der Prostituierten, die er von hinten nimmt, malt er deshalb mit dem Filzstift kleine Muttermale auf den Rücken, dort wo seine Freundin welche hatte. Er reist in das Heimatdorf seiner Ex, nur um hier von ihrem Unfalltod zu erfahren und bekommt Melonen geschenkt. Eine größtmögliche Unaufgeregtheit liegt über dem Film. Für Begegnungen reichen ein paar lakonische Schlüsselsätze. Es gibt einen ganz großen Moment, der eben mal kurz die romantische Liebes-/Sex-Szene im Kino neu erfindet, den man aber nicht nacherzählen darf, ohne zuviel der Handlung vorweg zu nehmen. Großes Kino, auf welches man am besten möglichst unvorbereitet trifft.

Kurz vor der Heimreise dann noch TEN NIGHTS OF DREAMS. Zehn Regisseure verfilmen jeweils einen der Träume, die der Schriftsteller Soseki Natsume in seinen Kurzgeschichten festgehalten hat. Das geht kryptisch verkopft los, steigert sich mit jeder Geschichte aber zunehmend derart ins Absurde, dass heftigster Szenenapplaus mehr als einmal aufbrandet.

Auf der Heimfahrt huschen blühende Wiesenlandschaften, wie auf einen gigantischen Flachbildschirm projiziert, über die Panoramascheibe des angenehm abgedunkelten ICE-Abteils. Schön so.

Wie in den vergangenen Jahren, geht das Nippon Connection auch in diesem Jahr wieder auf Tour. Teile des Programms sind in den kommenden Wochen in: Leipzig, Barcelona, Amsterdam, Rotterdam, Berlin, Nürnberg, Toronto, Michigan, Polen und Brasilien zu sehen.

Weitere Infos gibt es unter: www.nipponconnection.com


Nippon Connection 2007
Arch Angels
Faces Of A Fig Tree
Fourteen
Mushishi
Nightmare Detective
Nikomihoppy
Noriko's Dinner Table
Paprika
Strawberry Shortcakes
Swing Girls
Tekkon Kinkreet
Unholy Women



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