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MIDNIGHT IN PARIS (USA/Frankreich 2011)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. MIDNIGHT IN PARIS
Laufzeit in Minuten. 94

Regie. WOODY ALLEN
Drehbuch. WOODY ALLEN
Musik. nicht bekannt
Kamera. DARIUS KHONDJI
Schnitt. ALISA LEPSELTER
Darsteller. OWEN WILSON . RACHEL MCADAMS . MICHAEL SHEEN . MARION COTILLARD u.a.

Review Datum. 2011-07-24
Kinostart Deutschland. 2011-08-18

MIDNIGHT IN PARIS ist Woody Allens 41. Film und sein erster, der vollständig in Paris spielt. Vieles ist typisch für Allen, was teils erfreulich (die großartige Be-setzung), teils ermüdend (Schriftsteller als Hauptfigur) ist. Und doch überrascht MIDNIGHT IN PARIS: Weil er anfängt wie so viele Allen-Filme, dann aber mit unerwarteten Wendungen aufwartet - und weil es Allens bester Film seit einigen Jahren ist.

Gil (Owen Wilson) ist ein in Hollywood gefragter Drehbuch-Autor und träumt davon, ei-nen Roman zu veröffentlichen - und davon, in Paris zu leben, der Stadt, in der einst seine literarischen Idole lebten und Inspiration fanden. Mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) macht er, auf Einladung ihrer Eltern (Mimi Kennedy und Kurt Fuller), dort Urlaub, doch Inez teilt seine romantische Faszination für Paris nicht. Sie treffen zufällig auf Inez' alten Freund Paul (Michael Sheen) und dessen Frau Carol (Nina Arianda) und lassen sich, zu Gils Leidwesen, von ihnen zu Museumsbesuchen und Weinproben mitnehmen. Als Inez nach einer solchen noch mit ihren Freunden tanzen gehen möchte, setzt sich Gil von der Gruppe ab und verläuft sich auf dem Weg zum Hotel. Um Punkt Mitternacht fährt an einer Straßenecke eine altmodische Limousine vor, deren Fahrgäste Gil einladen, einzusteigen - und ihn geradewegs ins Paris der 1920er Jahre mitnehmen. Jede Nacht kehrt er zurück und lernt nicht nur seine Idole kennen, sondern verliebt sich auch in Picassos Geliebte Adriana (Marion Cotillard).

Man muss sich auf diesen Plot einlassen: auf die unvermittelte Wende zum fantastischen und auf die kaum skeptische Reaktion des Protagonisten. Dann aber ist MIDNIGHT IN PARIS charmant, unterhaltsam und, ja, romantisch. Seine Fehler aus ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME vermeidet Allen diesmal: Statt nichtssagender, nur leidlich zusammenpassender Episoden bietet MIDNIGHT IN PARIS eine Ge-schichte mit echtem Spannungsbogen, statt einer gleichberechtigten Gruppe uninteressanter, eindimensionaler Figuren gibt es eine eindeutig definierte Hauptfigur, der man gerne in die Roaring Twenties folgt.

Letzteres ist Verdienst des Drehbuchs, aber zu gleichen Teilen auch Owen Wilsons. Er spielt die Sorte Rolle, die man gerne als "Woody Allen-Charakter" bezeichnet - und damit nur halb richtig liegt. Sicher, im entsprechenden Alter hätte Woody Allen Gil selbst gespielt, doch Wilson macht sich die Figur zu eigen. Allens berühmte Neurosen nimmt er zurück, wirkt in der Rolle bodenständiger, vielleicht etwas naiver aber auch wärmer als Allen es für gewöhnlich tat. Dennoch ist er witzig und beweist bei Allens One-Linern gutes Gespür für Timing. Wilson ist perfekt für die Rolle, liefert seine wohl beste Leistung neben seinen Rollen in Wes Andersons Filmen und trifft genau den Ton zwischen einem nachvollziehbaren, sym-pathischen Charakter und der leichten Überzeichnung, die ein solcher Plot verlangt.

Auch die Nebendarsteller überzeugen: Rachel McAdams gibt Inez genügend Charme, um die Beziehung der Hauptfiguren glaubhaft zu machen (Frauenfiguren sind nicht immer Allens Stärke und Inez ist leider keine Ausnahme) und dass sich gleich zwei Frauen zum un-erträglichen Pseudo-Intelektuellen Paul hingezogen fühlen, ist auch nur zu rechtfertigen, weil er von Michael Sheen gespielt wird. Die Beziehungen der Figuren sind nicht immer plausibel und würden die Darsteller dies nicht so gekonnt überspielen, würde MIDNIGHT IN PARIS wohl nur halb so gut funktionieren. Selbst in kleineren Rollen - die der Schriftsteller - glänzen hervorragende Darsteller. Besonders Alison Pill ist als Zelda Fitzgerald nach großartigen Leistungen in MILK und SCOTT PILGRIM GEGEN DEN REST DER WELT auch hier wieder so brillant, dass man sich fragt, wann sie endlich in Hauptrollen besetzt wird.

Und wie immer bei Allen wird auch die Stadt, Paris selbst - besonders das der 20er Jahre - zum eigenen Charakter. Der Nostalgie seiner Hauptfigur scheint Allen im selben Maße verfallen zu sein, wie er sie satirisch kommentiert. MIDNIGHT IN PARIS ist ein Film, der romantische Fantasien und die Sehnsucht nach (und Verklärung von) Ver-gangenem einerseits parodiert, andererseits auch selbst bedient. Das war schon immer eine Stärke von Woody Allen (siehe allein die allseits bekannte Eröffnungsszene aus MANHATTAN und deren Erzählerkommentar) und funktioniert auch in MIDNIGHT IN PARIS wieder hervorragend. Der Film ist romantisch, aber nicht kitschig, er ist witzig, oft bissig, aber nie zynisch. Er ist (banal, aber nicht selbstver-ständlich) genau so lang, wie er sein muss und langweilt nie. Dass fast alle Figuren des Films so oder ähnlich schon in vielen Allen-Filmen vorkamen, verzeiht man ihm gern, denn anders als in ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME wirkt es hier weniger wie eine etwas desinteressierte Fingerübung als eher ein Rückbesinnen auf eigene Stärken: MIDNIGHT IN PARIS ist eine menschliche, clevere und dezent selbstironische Romantik-Komödie und damit genau das, was man sich von Woody Allen erhofft.











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