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GRINDHOUSE (USA 2007)

von Hasko Baumann

Original Titel. GRINDHOUSE
Laufzeit in Minuten. 191

Regie. ROBERT RODRIGUEZ . QUENTIN TARANTINO
Drehbuch. ROBERT RODRIGUEZ . QUENTIN TARANTINO
Musik. diverse
Kamera. ROBERT RODRIGUEZ . QUENTIN TARANTINO
Schnitt. ROBERT RODRIGUEZ . SALLY MENKE
Darsteller. KURT RUSSELL . ROSE MCGOWAN . FREDDY RODRIGUEZ . ROSARIO DAWSON u.a.

Review Datum. 2007-05-23
Kinostart Deutschland. 2008-07-03

GRINDHOUSE ist eine Fehlkalkulation, die selbst den Superhype SNAKES ON A PLANE in den Schatten stellt. Bis zum Exzess wurde die neue Kollaboration der wilden Jungs Rodriguez und Tarantino im Vorfeld abgefeiert; besonders in britischen Publikationen wie "Empire" und "Total Film" jubelte man der Neuerfindung des Rades entgegen. Allen Ernstes wurde da in selbst für diese US-hörigen Zeitschriften bemerkenswert unreflektiertem Ton von "Innovation", "Kinogeschichte" und ähnlichen Superlativen gesprochen, von leichtfertig vorab gefertigten Urteilen wie "die beste Autojagd aller Zeiten" ganz zu schweigen.

In Wirklichkeit ist GRINDHOUSE eine Spielerei, in der zwei Regisseure ihre geliebte Welt des B-, C- und Z-Films ausbeuten - sozusagen die Exploitation der Exploitation - und die ruppige Ästhetik der 42nd Street- und Autokinos sklavisch nachbauen. Und da wundert sich ernsthaft jemand, daß das Ganze nur 24 Millionen Dollar einspielt? Da geht ernsthaft ein Aufschrei durch Hollywood? Da müssen sich geistige Tiefflieger wie Eli Roth und Joe Carnahan allen Ernstes in Publikumsbeschimpfung ergehen und den Kinogängern im Land Faulheit und Verdummung unterstellen?

GRINDHOUSE suhlt sich im Unperfekten. Beide Segmente, Rodriguez' noch erheblich mehr als Tarantinos, strotzen nur so vor Sprüngen und Rissen, krachigen Rollenwechseln, Verschmutzungen wie Fusseln, Flecken und Kratzern. Solche minderwertigen Filmkopien sind vielleicht noch Mittdreißigern aus dem Nachmittagskino ihrer Kindheit bekannt, als so einige GODZILLA-Filme dem Zahn der Zeit nachgaben. Aber ein junges Publikum, das sich an DVDs und Multiplexe gewöhnt hat, kann mit dieser Ästhetik nichts anfangen und ist wohl auch nicht bereit, dafür Geld zu bezahlen. Und für ein cineastisch "versierteres" Publikum sind die zwei Filme bei weitem zu ruppig.

Der Film beginnt mit Robert Rodriguez' Fake Trailer zu einem Film, den es nicht gibt, nämlich MACHETE, mit Danny Trejo als Superkiller und Jeff Fahey als doppelgesichtigem Auftraggeber. Da werden die 70er eingeatmet, die Bilder kratzen und ruckeln, es wird wunderbar gezoomt und gerissen, und die Blutpakete explodieren bei Einschüssen fontänenartig. Das ist so gut, so auf den Punkt, so brillant nachgebaut, daß sich bereits nach zwei Minuten die ganze Sache eigentlich erledigt haben könnte. Aber nun folgt Rodriguez' Langfilm PLANET TERROR, in dem ein Zombie-Virus die Menschheit übernehmen will und nur von einer bunt zusammengewürfelten Gruppe aus Helden wider Willen bedroht wird.

Rodriguez bedient sich der Ästhetik von Slasherfilmen anno 1980/81 und würzt das Ganze mit dem Gore von italienischen Zombiekloppern. Technisch ist das erstklassig, selbst die "Schäden" der Filmkopie scheinen rhythmisch eingesetzt, der Schnitt ist famos, und seine Breitwand-Videobilder evozieren den Geist der Vorlagen in Perfektion. Sein Soundtrack läßt dementsprechend wunderbar die Synthis zirpen, nur einmal läßt er dem Carpenterschen Original den Vortritt, wenn eine bedrohliche Sequenz aus PRECINCT 13 erklingt. Daß Rodriguez dabei in Sachen Ekel hier und da wie ein Pennäler nach dem billigen Witz schreit - jede Menge abgeschnittene Eier, deformierte Hodensäcke und der Penis von Quentin Tarantino, aus dem der Eiter suppt - sei ihm verziehen.

Daß es ihm in dieser Nonstop-Gorekeule noch gelingt, seine Schauspieler glänzen zu lassen, ist Rodriguez hoch anzurechnen. Angeblich ist seine Ehe nach 15 Jahren gescheitert, weil er beim Dreh seiner Hauptdarstellerin Rose McGowan zu Nahe gekommen sein soll. Nachdem man ihre Performance als Gogo-Tänzerin hier gesehen hat, möchte man es ihm fast verzeihen. Noch besser ist Marley Shelton als spritzengeile Ärztin. Aber es ist auch schön zu sehen, daß bei Rodriguez alte Recken richtige Rollen bekommen, in denen sie zeigen können, was lange schon keiner mehr von ihnen verlangt: Michael Biehn, Bruce Willis, Michael Parks sind alle toll, aber es ist ausgerechnet Jeff Fahey, den man eigentlich endgültig abschreiben wollte, der hier sensationell auftrumpft.

Nur LOST-Star Naveen Andrews äußerte sich kritisch über den von Rodriguez und Tarantino auferlegten Zwang, sich mit ihnen im Vorfeld Dutzende von groben 70er und 80er-Splatterkeulen anzusehen. Ich frage mich vielmehr, wieso Rodriguez zum Konzept GRINDHOUSE nicht mehr eingefallen ist als ein Zombieheuler, wie wir ihn in den letzten Jahren bis zum Exzeß sehen durften, von RESIDENT EVIL bis zu den letzten RETURN OF THE LIVING DEAD-Filmen. Natürlich hat er seine Story besser und versierter umgesetzt, aber sich auch keinen Deut um Originalität geschert. So wird sicher nicht Kinogeschichte geschrieben, "Empire".

Es folgen weitere Fake Trailers, wobei ausgerechnet Eli Roths THANKSGIVING die Nase vorn hat, weil er wirklich exakt wie ein 1980er Slasher aussieht, den er auch bewerben will. Edgar Wrights DON'T ist ein gelungen nachempfundener 70er-Spukhaus-Trash, und Rob Zombie zeigt mit WERWOLF WOMEN OF THE SS erneut, daß er nichts, aber auch gar nichts drauf hat. Am Schönsten fand ich die dazwischen geschaltete verwaschene Werbung für ein mexikanisches Restaurant.

Quentin Tarantinos DEATH PROOF wandelt gleich zu Beginn das "Dimension Pictures"-Logo dergestalt ab, daß es aussieht wie das alte Logo von Roger Cormans Spielwiese "American International Pictures". Da geht also die Reise hin. Es wird schnell klar, daß Tarantino keinen Horror will, sondern Autojagden und Roadkill wie in den klassischen B-Reißern der 70er, wie DIRTY MARY CRAZY LARRY oder MOVING VIOLATION. Aber Tarantino kann mehr als nur Nachbauen und Posieren, er hat mehr Herz als Rodriguez. Rodriguez hätte niemals JACKIE BROWN drehen können.

Folgerichtig knackt und kracht die DEATH PROOF-Kopie nur anfangs, dann gibt Tarantino die Spielerei dran. Vier Freundinnen wollen vorgestellt werden, und man staunt noch über den bewußt holprigen Schnitt und die unsichere Kamera, bevor man merkt, daß Tarantino dieses Mal ganz schön viel aussagelosen Dialog benötigt, um zum Ziel zu kommen. Aber gut, er kriegt die Kurve, innere Konflikte und das, was die Mädels wirklich umtreibt, inszeniert auf wundervolle Weise. So läuft das umgekehrt auch mit dem Antagonisten, Stuntman Mike, der gleichermaßen seltsam und irre wie charmant und verführerisch wirkt. Er kann eines der Mädchen, "Butterfly", zu einem exklusiven Lapdance überreden, aber hier hat Tarantino die "fehlende Filmrolle" platziert und zeigt uns albernerweise wie ein kleines Kind die "Ätsch"-Karte (bei Rodriguez allerdings ist es noch schlimmer - es wirkt dort, als wäre ihm der Weg von B nach C nicht eingefallen).

Stuntman Mike entpuppt sich dann eben doch als Psychopath, der mit seinem "todsicheren" Filmauto für sein Leben gern hübsche junge Frauen zu Mus fährt. Die ersten zwei Crashs hat Tarantino als viehisch brutale Gewaltausbrüche exzellent auf Schockwirkung gebürstet. Danach geht es um ein weiteres Quartett von Freundinnen, das beim Film arbeitet und sich in Stuntman Mikes Einzugsbereich einen weißen Dodge Challenger ansehen will. Ja, den aus VANISHING POINT. Tarantino, dieser dozierende Demagoge, läßt seine Figuren nämlich noch einmal die Klassiker des 70er-Car Crash-Kinos aufzählen und sich darüber auseinandersetzen. Diese und folgende Sequenzen stellen Tarantinos bislang schlechteste Arbeit dar, dramatisch schlecht sogar. Die Drehbuchseiten rascheln laut bei den stundenlangen, inhaltsleeren Dialogen; man langweilt sich zu Tode und möchte eine Kirche aufsuchen, um Stuntman Mike herbeizubeten, damit er diese fürchterlich unsympathischen und scheußlich geschwätzigen Frauen über den Haufen fährt. Man kann Tarantino auch keine Nabelschau vorwerfen: Die Mädels sind nicht hübsch - Rosario Dawson sieht hier sogar aus wie eine Transe, wie Chris Tucker, der eine Frau spielt.

Stuntman Mike hat sich dieses Mal das falsche Ziel ausgesucht, gegen diese Labertanten ist kein Kraut gewachsen. Dementsprechend spannungslos fällt die finale, nicht allzu spektakuläre Autojagd aus, die Tarantino auch noch völlig unmotiviert mit Italokrimi-Musik von Micalizzi und Cipriani unterlegt. Der Schluß ist selbst im Rahmen dieses Filmkonzeptes eine Unverfrorenheit.

Natürlich hat DEATH PROOF eine Trumpfkarte, und die heißt Kurt Russell. Der Mann ist in dieser Rolle schlichtweg eine Offenbarung. Und er gibt alles. Es ist unglaublich, wie Russell alle paar Jahre völlig überraschend mit einem Feuerwerk um die Ecke kommt, dem andere nicht mal eine Knallerbse entgegensetzen könnten.

Nun wird GRINDHOUSE für den internationalen Markt in zwei alleinstehende Teile aufgespalten, was diesen zwei Filmen nicht gut tun wird. Als Gesamtpaket ist das Ganze zwar mitunter doch sehenswert, aber es bleibt noch eine Frage: Zwei Genres, ein Film, der in der Mitte getrennt ist, mit vielen Gaststars aus dem Bereich des Horror- und Actionfilms, und alles total cool... haben Tarantino und Rodriguez das nicht schon vor elf Jahren mit FROM DUSK TILL DAWN erledigt?











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