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EAT PRAY LOVE (USA 2010)

von Michel Opdenplatz

Original Titel. EAT PRAY LOVE
Laufzeit in Minuten. 140

Regie. RYAN MURPHY
Drehbuch. RYAN MURPHY . JENNIFER SALT
Musik. DARIO MARIANELLI
Kamera. ROBERT RICHARDSON
Schnitt. BRADLEY BUECKER
Darsteller. JULIA ROBERTS . JAMES FRANCO . RICHARD JENKINS . VIOLA DAVIS u.a.

Review Datum. 2010-09-14
Kinostart Deutschland. 2010-09-23

Es passt ja so wunderbar in die sogenannte heutige Zeit: Der Mensch arbeitet zu viel und zu hektisch und geradewegs an seinem Glück vorbei, und ihm wird erklärt, dass er zu viel und zu hektisch arbeite und geradewegs an seinem Glück vorbei.
Dementsprechend sehnt er sich nicht nur nach Auszeit sondern nach Ausbruch, nach so etwas wie Seelenfrieden, und prompt wird ihm gesagt, dass er sich nicht nur nach Auszeit sondern nach Ausbruch sehnen solle, nach so etwas wie Seelenfrieden. Und ändern tut sich doch nichts, und auch niemand etwas. Eine Frau namens Elizabeth Gilbert allerdings scheint nach eigener Aussage diesem Teufelskreis tatsächlich entronnen zu sein und hat darüber ein Buch namens EAT PRAY LOVE verfasst, das manchen Kritiker stark beeindruckte. Frau Gilbert hat somit nun nicht nur etwas mehr inneres Gleichgewicht sondern wohl auch etwas mehr Geld als zuvor; der gemeine Kinogänger hingegen hat einen Film zu ihrem Buch mit Julia Roberts.

Die spielt die semifiktive Liz Gilbert, eine erfolgreiche Autorin, die sich nach einer unbefriedigenden Ehe von ihrem Mann (Billy Crudup, PUBLIC ENEMIES) trennt und nach einer nicht weniger unbefriedigenden Affäre mit einem Schauspieler (James Franco, MILK) alles hinschmeißt um zu einem einjährigen Selbstfindungstripp durch Italien, Indien und Indonesien aufzubrechen. Um Julia Roberts herum mangelt es dabei nicht an ungesehenem Jung- und wandlungsfähigem Alttalent: Viola Davis (KNIGHT AND DAY) beispielsweise hilft Liz als beste Freundin Delia bravourös und feinfühlig zugleich über ihre Trennungen hinweg, und Richard Jenkins (BURN AFTER READING) spielt Richard aus Texas, der Liz in Indien mit seiner schnodderigen Art zuerst zur Weißglut und dann zur Erkenntnis treibt, mit differenzierter Gestik und Mimik. Seiner Figur nimmt man die komplexen Emotionen ab, die in ihrer Vorgeschichte begründet sind, und selbst wenn er exaltiert und lautmalerisch die Erfahrungen schildert, die ihm vermeintlich durch das Universum zuteil wurden, wirkt das nicht aufgesetzt oder überzogen sondern schlichtweg überzeugend. Skurril hingegen kommt der balinesische Wahrsager Ketut Liyer (Hadi Subiyanto) daher, der Liz zu Beginn des Films prophezeit, dass sie sich in einem Jahr wiedersehen würden; doch seine schrullige Kauzigkeit erscheint als willkommene Abwechslung gegenüber der sehr amerikanischen Hauptfigur, die selbst nach den gefühlsträchtigsten Ereignissen immer pragmatisch in ihrem Handeln bleibt.

Dies ist jedoch nichts Negatives, denn dadurch wird auf kluge Art und Erzählweise ein eventuell unglaubwürdiges Maß an Übernatürlichkeit ausgehebelt: So stellt Liz zum Beispiel nach ihrer Erfahrung in Indien recht nüchtern fest, dass sie wahre Erleuchtung nicht schweigend oder singend auf dem Fußboden eines Ashrams sondern nur in sich selbst finden kann, und als sie zu Ketut zurückkehrt, ist sie sich durchaus im Klaren darüber, dass sie seine Prophezeihung aus eigenem Antrieb heraus erfüllt. Die Mystik bleibt in der Bildebene verborgen: "Strahlendes Licht" bedeutet der Name des Wahrsagers, und für Liz, die an nicht wenigen Stellen plakativ neben Leuchtquellen wie Bühnenstrahlern oder starker Sonneneinstrahlung in Szene gesetzt wird, sind die Besuche bei dem alten Mann Anfang und Ende ihrer Reise.

Die Geschichte bleibt dadurch stets geerdet und die Figur der Liz Gilbert nachvollziehbar. Dies zeigt sich auch an der Liebesgeschichte (oder besser: den Liebesgeschichten) dieses Films, denn allen drei Männern in Liz' Leben wird jeweils eine ernstzunehmende Rolle eingeräumt, und es wird zumindest versucht, ihnen nicht die Klischees "unzulänglicher Ehemann", "erfolgloser Schauspieler" und "Latin Lover" in Neonfarben auf die Stirn zu schreiben.
In letzterem Fall, bei Liz' schließlicher Liaison mit dem Brasilianer Felipe (Javier Bardem, NO COUNTRY FOR OLD MEN), ist dies am besten geglückt. Was wohl auch daran liegen mag, dass seiner Figur die meiste Zeit auf der Leinwand eingeräumt wird, um sich zu entfalten. Auch ihm nimmt man den geschiedenen Vater, der auf Bali nach einem neuen Leben sucht, durchweg ab, wodurch der obligatorische Kitschaspekt wenigstens nicht ganz so stark ins Gewicht fällt.

Kleinere Schwachstellen bestehen in Liz' belehrender Off-Stimme, die nicht nur teils flaue Weisheiten à la "Betrachte jeden, den du in deinem Leben triffst, als Lehrer" von sich gibt sondern auch so klingt, als hätte jemand Julia Roberts kurz vor Drehbeginn die Buchvorlage mit den Worten "Lies mal vor" in die Hand gedrückt. Auch ist die Frage berechtigt, warum ausgerechnet die Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte von "Tod und Verzweiflung" trällert, während Liz ihren ersten Teller Spaghetti verputzt. Und ja, am Ende ihrer 140 minütigen Reise um die Welt und zu sich selbst will man auch aus dem eigenen Alltag ausbrechen, man will sich wie sie durch ganz Italien fressen, will betend durch indischen Staub kriechen und in Indonesion die Nacht durchsaufen und erotische Ekstase erleben - wenn vielleicht auch nicht gerade mit einem dicken Brasilianer. Doch all das tröstet leider nicht über den einen großen Makel hinweg: Man ist sich während der vollen Länge des Films darüber im Klaren, dass man hier kein spirituelles Roadmovie sieht sondern dieselben Schnitte, dieselben Bilder, dieselbe Choreografie wie in jeder anderen romantischen (Tragi-)Komödie, die seit über zwanzig Jahren im Falle einer männlichen Hauptfigur mit Hugh Grant besetzt wird und im Falle einer weiblichen eben mit Julia Roberts. Und das ist schade. Denn auch dies ist ein Teufelskreis einander bedingender Mechanismen, und so könnte dieser Film ganz anders, überzeugender, ehrlicher wirken, wenn doch nur ein unverbrauchtes Gesicht die Handlung tragen würde: Einer Schauspielerin aber, die dermaßen festgefahren in ihren typischen Rollen ist wie Julia Roberts, nimmt man den Selbstfindungstripp einfach nicht mehr ab.











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