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DEADPOOL 2 (USA 2018)

von Andreas Günther

Original Titel. DEADPOOL 2
Laufzeit in Minuten. 119

Regie. DAVID LEITCH
Drehbuch. RHETT REESE . PAUL WERNICK . RYAN REYNOLDS
Musik. TYLER BATES
Kamera. JONATHAN SELA
Schnitt. CRAIG ALPERT
Darsteller. RYAN REYNOLDS . JOSH BROLIN . MORENA BACCARIN . JULIAN DENNISON u.a.

Review Datum. 2018-05-25
Kinostart Deutschland. 2018-05-17

Es ist längst an der Zeit, sich intensiver mit Ryan Reynolds zu befassen - in seinen Eigenschaften als Darsteller, Produzent und Co-Autor. DEADPOOL 2 lässt an der Notwendigkeit kaum Zweifel. Sicherlich handelt es sich kommerziell gesehen um Reynolds bisher größten persönlichen Erfolg. Aber der Abhang dahinter wird schon sichtbar. Sicherlich kann er noch eine Weile damit fortfahren, den ihm entgegengebrachten kleinkarierten Erwartungen die Zunge herauszustrecken. Aber auf Dauer kriegt man davon einen Krampf. Und Reynolds, der nichts so sehr fürchtet wie ein plötzliches Ende seiner Filmkarriere, wie er es bei anderen beoachtet hat, muss sich vielleicht noch mehr Mühe damit geben, sich immer wieder neu zu erfinden. Denn DEADPOOL 2ist in dieser Hinsicht kein Fortschritt. Die tiefschwarze Superhelden-Persiflage igelt sich in sich selbst ein, um den Mangel an Orginalität zu kaschieren.

Trotz seiner gefährlichen Einsätze gegen Unholde bahnt sich für den ehemaligen Elitekämpfer alias Wade so etwas wie ein Familienleben an. Und das, obwohl er ständig in schwarzrotem Kostüm Bösewichter jagt. Denn er ist unverwundbar. Seine Krebsbehandlung hat ihn zu einem Superhelden mutieren lassen, für den er selbst nach mühevoller Suche den Namen Deadpool gefunden hat. Ungestraft zerstückelt er seine Gegner mit langen japanischen Schwertern. Aber seine Freundin Vanessa (Monica Baccarin) ist alles andere als unverwundbar. Eine Kugel, die für Wade alias Deadpool bestimmt gewesen ist, befördert sie, kaum dass sie ihren in dieser Hinsicht skeptischen Partner mit ihrem Kinderwunsch behelligt hat, ins Jenseits.

Dorthin will Wade ihr folgen, indem er sich selbst in die Luft sprengt. Aber er stößt an eine gläserne Wand: Mit der Begründung: "Du hast dein Herz nicht auf dem rechten Fleck" lässt sie ihn draußen stehen. Das nimmt er sich seinerseits zu Herzen, kehrt ins Leben zurück und will sich um ein Kind kümmern, einen 14jährigen Rotzlöffel, der wegen seiner feurigen Fäuste Firefist (Julian Dennison) genannt wird. Deadpool hat alle Hände voll zu tun, sein Leben zu retten, denn danach trachtet Cable (Josh Brolin), ein Killer aus der Zukunft, der die Tötung seiner Familie durch Firefist verhindern will. Richtig eng wird es, als von der tollen Truppe, die Deadpool zusamengestellt hat, nur Domino (Zazie Beetz) übrig bleibt, deren Superkraft allein im Glück besteht.

Wer Ryan Reynolds im Blitzlichtgewitter der Regenbogenpresse vor sich hat, meint einem Klischee des idealen Schwiegersohns zu begegnen: Ein durchtrainierter, aber nicht zu muskulöser Blondschopf von achtbaren 188 Zentimetern mit braunen Haselnussaugen und etwas zu eng stehenden Augen, die suggerieren, dass sein Intelligenzquotient keine Bedrohung darstellen dürfte. Seine Schönlingsaura hat ihm sicherlich sehr geholfen, um in Hollywood Fuß zu fassen. Überraschenderweise hat er aber, soweit zu sehen ist, nur zwei seichte Komödien gedreht, die diesem Image entsprechen. Seine Filmografie zeugt eher von jemandem, der entweder anspruchsvoll sein oder zumindest über sich hinauswachsen will.

Ersteres ist ihm vielleicht nicht so gut gelungen, zumindest nicht am Maßstab bürgerlichen Dramas gemessen, aber dafür letzteres umso mehr. In den Superhelden-Filmen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE und GREEN LANTERN war er per definitonem "bigger than life". Aber zumal sich dabei die Aufmerksamkeit für ihn in Grenzen hielt, musste er mehr risikieren, und tat es, um aus dem Imagekäfig auszubrechen: Reynolds wurde hässlich, machte sich über sich selbst lustig, nahm tolle Ticks an und ging unanständig mit Tod, Zerstörung und Körpersekreten um. Er verwandelte sich in Deadpool.

Mit dem ersten DEADPOOL gelang Reynolds ein veritabler Überraschungscoup. So radikal ist wahrscheinlich vor ihm noch keiner mit Pathos und Nimbus eines Genres umgegangen. Der Begriff der Dekonstruktion ist aus mehreren Gründen nicht unzutreffend. Zum einen erhält die aseptische Welt der Superhelden - wo es Tote gibt, aber keine Brutalität - ihre Körperlichkeit zurück, die sich in blutspritzender Zerstückelung manifestiert. Zum anderen wird die Filmleinwand durchlässig für metafiktionale Verabgründigung, die jederzeit den Boden wegzieht.

Die Fortsetzung vertraut zwangsläufig auf Bekanntes, oder sie wäre keine Fortsetzung. Der Nachteil ist, dass offenbar wird, dass manche Grenzen nur einmal einzureißen sind und man sich nachher damit abbzufinden hat. Oder sich etwas neues ausdenkt. Doch das will bekanntlich nicht immer gelingen. Im Vorspann des ersten Films sind die Verfasser des Drehbuchs als "the real heroes" bezeichnet. Im zweiten sind sie nun "the real villains", was weder einfallsreich ist, noch Sinn macht. Die Formel ist da, sie wird neu befüllt, neuer Wein in alten Schläuchen, doch er schmeckt nicht unbedingt besser oder auch nur gleich gut. Die große "Terminator"-Anleihe ist alles andere als ein Glanzstück der Kreativität. Könnte Reynolds nicht mit dem Pfund ironischer Melancholie des unmöglichen Filmsterbens wuchern, er müsste sich ganz auf absurden Wort- und Handlungswitz verlassen, der die geflügelten Worte verballhornt ("You are smarter than I look", was ja stimmt) und charmante Zweckentfremdungen betreibt (das geschleuderte Schwert, das mit dem Aufprall des Griffs außer Gefecht setzt).

DEADPOOL 2 traut sich auch metafiktional weniger zu. Im ersten Film thematisiert Wade ganz im Stile des Brechtschen Verfremdungseffekts die vierte Wand des Zuschauerraums und plaudert mit dem Publikum. Im zweiten Film gibt es nur einen einzigen Blick in diese Richtung, und der ist unsicher und zögerlich. So wenig innovativ auf der Handlungs- und Gagebene, so wenig experimentell erscheint DEADPOOL 2. Es verdeckt mageres Ingenium und kommt einem Rückzug in die Wohlfühlzone gleich, wenn die Referenzen abundant und so spezifisch werden, dass nur noch tief eingeweihte Fans des Superhelden-Genres lachen können. Bei ihnen rangiert DEADPOOL 2 allerdings weit oben auf der Schenkelklopfer-Skala. Beim dritten Teil wird sich Reynolds trotzdem mehr anstrengen müssen, um oben zu bleiben.











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