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APOSTLE (USA 2018)

von André Becker

Original Titel. Apostle
Laufzeit in Minuten. 130

Regie. GARETH EVANS
Drehbuch. GARETH EVANS
Musik. ARI PRAYOGI . FAJAR YUSKEMAL
Kamera. MATT FLANNERY
Schnitt. GARETH EVANS
Darsteller. DAN STEVENS . RICHARD ELFLYN . BILL MILNER . MICHAEL SHEEN u.a.

Review Datum. 2018-10-23
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Vom Actionfilm zum klassischen Horror: Mit APOSTLE betritt der walisische Regisseur Gareth Evans eine neue Spielwiese. Ein weiteres adrenalingetränktes Actionfeuerwerk im Stil von THE RAID wird es somit erstmal nicht geben. Evans pfeift insofern auf die an ihn gestellten Erwartungen. Nicht die schlechteste Entscheidung, vor allem wenn man ein dickes Budget im Rücken hat und durch die Exklusiv-Vermarktung über den Streamingdienst Netflix auf einen Streich ein Millionenpublikum erreicht.

Nichtsdestotrotz muss Evans nun doppelt abliefern. Einerseits um zu beweisen, dass er im Horrorsegment dazu gelernt hat. So richtig einwandfrei waren seine ersten Gehversuche im Genre (S-VHS) nämlich noch nicht. Anderseits muss er darüber hinaus ebenfalls zeigen, dass die investierten Moneten bei ihm gut angelegt sind und die Klickzahlen stimmen. In der Summe bedeutet die Loslösung vom Actiongenre also nicht weniger, sondern eher mehr Druck. Ob die Rechnung aufgeht bleibt abzuwarten. So richtig allumfassend überzeugen mag der neueste Streich des Regisseurs nämlich nicht.

Dan Stevens (THE GUEST) spielt Thomas Richardson, einen jungen Mann, der sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf die Suche nach seiner gekidnappten Schwester macht, die auf einer abgelegen Insel von einem mysteriösen Kult gefangen gehalten wird. Durch einen Trick schafft er es Zutritt zur Gemeinschaft zu erhalten und das Vertrauen des Dorfvorstehers zu erlangen. Als er mit langsamen Schritten dem Geheimnis des Ortes auf die Spur kommt, ahnt er noch nicht dass er es mit wahrhaft teuflischen Gegner zu tun bekommt.

Evans schafft es zumindest in der ersten Hälfte wunderbar ein stimmungsvolles Setting aufzubauen. Unterstützt durch ausufernde Kamerafahrten und perfekt abgestimmte Bildkompositionen entwickelt der Film sehr rasch eine Sogwirkung, die einen nicht mehr loslässt. Die Insel und ihre Gemeinschaft, irgendwo angesiedelt zwischen unscheinbaren Siedlern und religiösen Fanatikern, strömen eine diffuse Bedrohung aus, für die das Drehbuch zunächst lediglich zaghafte Andeutungen zulässt. Hier lauert das Böse. Was genau hinter den seltsamen Riten und der selbsterwählten Abgeschiedenheit der Bewohner steckt bleibt bis fast zum Schluss im Verborgenen.

Mit klassischen Horrorelementen und bewährten narrativen Mitteln (eine erste Erkundung der Insel bei Nacht mit entsprechend schaurige Entdeckungen) versteht es Evans gekonnt eine konstante Grundspannung aufrecht zu erhalten, die gegen Ende auf einige recht eindrucksvolle Höhepunkte zusteuert. Leider verliert Evans spätestens ab der Mitte des Films (bei einer Laufzeit von knapp 130 Minuten) mehrfach den eigentlichen Fokus seines Folk-Horrors. Die Fronten sind dann längst klar, nur lässt die finale Zuspitzung noch ein wenig zu lange auf sich warten. Langweilig ist das Alles zwar definitiv nicht, allerdings entsteht häufig der Eindruck, dass APOSTLE sein im Kern doch recht schmales Storygerüst mit zu vielen Bedeutungsebenen anreichert, die für die Fortentwicklung und die Dynamik der Geschichte gar nicht nötig gewesen wären. Auch bei so mancher Figur verfällt Evans in eine mitunter deutlich überambitionierte Vorgehensweise, die dazu führt, dass das eine oder andere Hakenschlagen bei den Motiven zu überhastet und überkonstruiert ausbuchstabiert wird.

Dicke Pluspunkte gibt es jedoch für die Verweigerungshaltung von Evans auf den Baukasten des Horror-Mainstreams zurück zu greifen. Die vollkommene Abwesenheit von gefälligen Jump-Scares, ironischen Brechungen und die klare Positionierung mit einem weitestgehend unzugänglichen Figurenensemble (trotz Schönling Dan Stevens) sind ein klares Zeichen gegen die gängigen Kreativitätsblocker der großen Studiosysteme, die den Genre-Film weiterhin auf der Stelle treten lassen. Darüber hinaus dürften die wenigen, aber hervorragend designten Masken und sonstigen Effekte bei der Zielgruppe gut ankommen und für ausreichende Thrills sorgen. Trotz überdeutlicher Vorbilder (offenkundig u.a. SILENT HILL) gelingen dem Film diesbezüglich recht einmalige Kreationen, die alptraumhafte Schreckensbilder hervorrufen, die gepaart mit mehreren sehr expliziten Splatter-Szenen durchaus unter die Haut gehen.

APOSTLE ist in der Summe deshalb wesentlich besser als viele Horrorfilme dieser Saison. Und ein regulären Kinostart hätte dem Film ebenfalls gutgestanden. Da kann der Netflix-Stream noch so hochauflösend auf dem High-End-Fernseher laufen, die eindrucksvollen Panoramabilder hätten die ganz großen Leinwände mehr als verdient. Aber wer weiß, vielleicht kommt auch hierzulande die Zeit, in der ausgewählte Netflix-Produktionen zumindest auf den einschlägigen Festivals laufen. Ein, wenngleich sehr kurzes Kino-Gastspiel, bekam der Film in den USA in diesem Jahr auf dem Fantastic Fest in Austin. Ob dies als Vorbild für Vorzeige-Festivals wie das Fantasy Film Fest, das NIFF oder das Hardline in Regensburg taugt, steht aber wohl noch in den Sternen.

APOSTLE ist seit dem 12.10.2018 auf Netflix abrufbar!











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