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THE GUEST (USA 2014)

von André Becker

Original Titel. THE GUEST
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. ADAM WINGARD
Drehbuch. ADAM WINGARD . SIMON BARRETT
Musik. STEVE MOORE
Kamera. ROBBY BAUMGARTNER
Schnitt. ADAM WINGARD
Darsteller. DAN STEVENS . MAIKA MONROE . BRENDAN MEYER . SHEILA KELLEY u.a.

Review Datum. 2015-09-18
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Der Output von Regisseur Adam Wingard und Drehbuchautor Simon Barrett ist bislang noch ziemlich überschaubar. Erste Lorbeeren gab es bereits 2010 für das verstörende Indie-Drama A HORRIBLE WAY TO DIE. Mit ihrem letzten abendfüllenden Werk YOU'RE NEXT gelang ihnen zwar nicht der richtig große Wurf, dass Publikum zeigte sich dennoch ziemlich begeistert und auch bei den Kritikern wurde der clevere Home Invasion-Reißer größtenteils wohlwollend aufgenommen. Ihr neuester Streich THE GUEST ist erfreulicherweise noch einmal ein deutlicher Qualitätssprung. Eine wunderbar geschriebene, durch und durch stilsichere und grandios bebilderte Hommage an das Genre-Kino der achtziger Jahre. Keineswegs perfekt und frei von Mängeln, aber ein Film, der Seele hat und in seinen knapp 100 Minuten fast alles richtig macht.

Es beginnt alles recht harmlos. Die Familie Peterson führt ein typisches kleinstädtisches Leben mit allem was dazu gehört. Auf den ersten Blick könnte alles perfekt sein. Wäre da nicht die tiefe Trauer um Caleb, den im Krieg gefallen ältesten Sohn. Als es eines Tages plötzlich an der Tür klingelt ahnt die Familie zunächst nichts Böses. Vor ihrer Haustür steht David (Dan Stevens), ein attraktiver, überaus höflicher junger Mann, der sich als Freund des verstorbenen Sohnes vorstellt und angereist ist, um seinem Gefährten einen letzten Wunsch zu erfüllen. Kurze Zeit später ist David zu einem Dauergast im Hause der Petersons geworden. Seine Anwesenheit scheint zunächst auch positive Auswirkungen auf alle Familienmitglieder zu haben. David ist nicht nur ein äußerst guter Zuhörer und hilft bei der Trauerbewältigung, sondern unterstützt zusätzlich noch den jüngeren Sohn (Brendan Meyer), der in der Schule unter gemeinen Schlägern leidet, auf seine betont selbstlose Art und Weise. Lediglich die Tochter Anna (Maika Monroe) traut dem Familiengast nicht über den Weg und stellt eigene Nachforschungen über dessen Vergangenheit an. Ein fataler Fehler, der die gesamte Kleinstadt in den Abgrund reißt.

Obwohl man sehr schnell ahnt, das David nicht der Sonnyboy ist, für den er sich anfangs ausgibt, schaffen Wingard und Barrett es ihn bis zum entscheidenden Moment als Sympathieträger zu etablieren. Dan Stevens (DOWNTON ABBEY) überzeugt diesbezüglich mit einem souveränen Schauspiel und jeder Menge Charisma. Seine Performance gefällt vor allem durch herrlich übersteigerte (aber nie anstrengende) Coolness, eine geheimnisvolle Unnahbarkeit und einer Extraportion Bad Ass-Attitüde. Beispielhaft hierfür ist eine kurze Kneipenschlägerei, in der Stevens ein paar aufmüpfige Heranwachsende aufmischt und seine physische Aura geradezu ikonenhaft inszeniert wird. Maika Monroe (IT FOLLOWS) in der weiblichen Hauptrolle fällt da natürlich etwas zurück, wobei auch sie mit einer soliden darstellerischen Leistung ihr Können unter Beweis stellt.

THE GUEST startet mit einem betont ruhigen ersten Drittel. Es ist allerdings die Ruhe vor dem Sturm, den der Regisseur sehr schnell entfacht. Wingard treibt die Handlung mit pointiert gesetzten Spannungsmomenten geschickt voran und jongliert dabei mit unterschiedlichen Genre-Versatzstücken. Dies geschieht jedoch mit einer selten gesehenen Leichtigkeit. Das Skript springt auf furiose Weise zwischen Psychothriller und Actionfilm, um das Finale schließlich mit klassischen Horrorfilm-Motiven und den Schauwerten eines Slasherfilms einzuläuten. Erstaunlicherweise werden hier aber keine harten Brüche auf der narrativen Ebene sichtbar. Die Übergänge sind fließend und wirken im Kontext der Geschehnisse sinnvoll und notwendig. Auch die dezenten bitter-bösen humoristischen Einlagen erscheinen nicht fehl am Platz.

Rein optisch ist der Film sowieso über alle Zweifel erhaben. Mit seinen perfekt durchchoreographierten Bildern und dem hervorragenden Score erzeugt THE GUEST eine Stimmung, die sofort gefangen nimmt und noch lange nachwirkt. Jede Einstellung erfüllt einen Zweck und fungiert als Puzzleteil für die sehr eigene Bildästhetik der Produktion. In diesem Zusammenhang sind Vergleiche mit Nicolas Winding Refns Meilenstein DRIVE durchaus angebracht, leben beide Filme doch von ihren Bildern und der Stimmung, die sie transportieren. Vorwerfen muss man dem Film die wenig originelle Auflösung, die seltsam uninspiriert anmutet und mehr Biss vertragen hätte. Darüber hinaus sind die Parts der Eltern zu oberflächlich ausformuliert, was dazu führt, dass ihr Verhalten mitunter nicht nachvollziehbare Züge annimmt. Dieses Manko wird insbesondere durch die sehr ausgefeilte und lebensnahe Charakterisierung der Geschwister Anna und Luke deutlich. Beide agieren im Rahmen ihrer Figuren absolut stimmig. Etwaige Ambivalenzen ergeben sich stets aus dem Drehbuch und verleihen der jeweiligen Rolle den nötigen psychologischen Tiefgang.

Alles in allem sollte man sich also THE GUEST trotz kleinerer Schönheitsfehler nicht entgehen lassen. Der stylische Ritt durch die Genres erinnert daran, was Kino einmal war und schon immer sein sollte: Eine wilde, ungebremste Achterbahnfahrt, von der man sich gerne mitreißen lässt.

Ein regulärer Kinostart bleibt dem Film hierzulande leider verwehrt. Nach einem Gastspiel bei den diesjährigen Fantasy Filmfest Nights erschien THE GUEST am 24.04. auf Blu-ray und DVD.











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