AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
GESPRÄCHE

Sebastian Moitzheim im Gespräch mit Matt Reeves

2008 sorgte Matt Reeves mit CLOVERFIELD für Aufsehen. Im selben Jahr erschien auch Tomas Alfredsons Meisterwerk SO FINSTER DIE NACHT, basierend auf dem gleichnamigen Roman von John Ajvide Lindqvist. Nur zwei Jahre später erschien in den USA mit LET ME IN Reeves' Remake des schwedischen Originals. Anlässlich des deutschen Kinostarts am 15. Dezember sprach ich mit Reeves über seine Einstellung zu Remakes und die Unterschiede zwischen seiner Version und dem Original.

Das Gespräch.

Matt Reeves
Matt Reeves

LET ME IN hat mir überraschend gut gefallen, obwohl ich, wie viele Fans des Originals, einem Remake gegenüber skeptisch war. Schaut man sich Ihre Version an ist es offensichtlich, dass Sie selbst ein Fan des Originals sind. Können Sie die Skepsis gegenüber einem Remake daher verstehen und was brachte Sie zu der Entscheidung, dennoch eines zu drehen?
    Ja, absolut. Interessant ist, dass ich angefragt wurde, das Remake zu drehen, bevor das Original veröffentlicht wurde. Ich hatte gerade CLOVERFIELD beendet und suchte nach meinem nächsten Projekt. Ich hatte ein Drehbuch zu einem kleinen, sehr persönlichen Film geschrieben, doch es war eine sehr schwierige Zeit für die Independent-Filmindustrie. Viele Labels in den USA gingen bankrott. Ich habe das Projekt einer Produktionsfirma vorgestellt und obwohl sie das Drehbuch mochten und nach CLOVERFIELD gerne mit mir arbeiten wollten, fanden sie den Stoff zu düster. Stattdessen gaben sie mir den schwedischen Film. Ich habe ihn angesehen und war sehr berührt - die Geschichte zwischen den beiden Kindern erinnerte mich an meine eigene Kindheit. Am nächsten Tag habe ich sie angerufen und gesagt: "Ihr habt recht, es ist ein großartiger Film. Ich finde nicht, dass ihr ein Remake machen solltet.", doch sie sagten, wenn sie die Rechte bekämen, würden sie die Idee verfolgen und ich solle darüber nachdenken.
Der Film ging mir nicht aus dem Kopf und ich fragte einen schwedischen Filmemacher, den ich aus dem Filmstudium kannte, nach der Buchvorlage. Er sagte, es sei eines der beliebtesten Bücher in Schweden und dass John Ajvide Lindqvist sozusagen der schwedische Stephen King sei. Als ich dann das Buch gelesen habe, habe ich mich erneut in die Geschichte verliebt. Im Buch verbringt man viel mehr Zeit mit Oskar und es erinnerte mich daran, wie ich als Kind gemobbt wurde, an die Scheidung meiner Eltern und viele andere Dinge, die ich als Kind durchgemacht habe. Ich dachte mir, vielleicht gibt es einen Weg, der Geschichte treu zu bleiben, sie aber in einen Kontext zu transportieren, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich beschloss also, John Lindqivst, der das Buch und das Drehbuch zum Original geschrieben hat, zu kontaktieren. Ich schrieb ihm, dass ich den Film von ihm und Tomas Alfredson wunderschön fand und auch den Roman liebte. Ich sagte, dass ich unentschlossen über das Remake war und es zuerst abgelehnt hatte, doch dass die Story mich von allen Projekten, die ich hätte machen können, persönlich am meisten berührt hatte. Ich wollte den Film nicht machen, weil die Vorlage eine gute Vampir-Geschichte ist - obwohl sie das ist - , sondern weil es eine Metapher ist für den Schmerz des Heranwachsens, mit der ich mich identifizieren konnte. Er schrieb zurück, dass er CLOVERFIELD mochte und von der Idee sehr angetan war. Das ermutigte mich, das Remake zu machen.
Ich fing an, ein Drehbuch zu schreiben und war bereit, in Produktion zu gehen, als der schwedische Film erschien und überwältigenden Zuspruch bekam. Einerseits überraschte mich das nicht, denn ich liebe SO FINSTER DIE NACHT, doch es wurde zu einem Phänomen und ich dachte, jetzt würde niemand mehr LET ME IN sehen wollen. Die Zuschauer hatten dieselbe Reaktion auf das Original wie ich und ich fragte mich, ob sie mir dennoch eine Chance geben würden. Ich war also überhaupt nicht überrascht über die Skepsis und ich verstehe sie voll und ganz. Wenn mir jemand von einem Remake berichtet hätte und ich nicht Pläne für eine eigene Version gehabt hätte, hätte ich ein weiteres seelenloses Remake erwartet. Der Grund, warum ich dennoch ein Remake drehen wollte, ist, dass ich eine persönliche Bindung zu dem Stoff hatte und mich in der Geschichte wiederfinden konnte. Ich dachte also: "Ich bin nun schon so weit, die einzige Wahl, die ich habe, ist den Film so fertigzustellen, als würde das Original nicht existieren." Es war eine Herzensangelegenheit, doch ich war mir unsicher, ob die Leute ihre Skepsis überwinden könnten.

Nachdem das Original veröffentlicht worden war, bekamen Sie also noch einmal einen ganz anderen Druck durch die Fans zu spüren.
    Ja, aber um ehrlich zu sein, war derjenige, dessen Reaktion mich am meisten nervös machte, John Lindqvist. Er war sehr freundlich zu mir, als ich das Drehbuch schrieb und wir schrieben uns eine Reihe von Emails, in denen er mir seine Meinung zu verschiedenen Aspekten, mit denen ich mich schwer tat, anbot. Wenn er den Film nach all dem gehasst hätte, wäre ich am Boden zerstört gewesen. Es war deswegen eine wundervolle Überraschung für mich, dass am Tag, als der Film in den USA ins Kino kam, nicht nur ein euphorisches Review in der New York Times erschien, sondern ich auch eine Email von John Lindqvist bekam, über die ich mich sogar noch mehr freute. Er hatte den Film gerade bei Hammer Films in London gesehen. Er und seine Frau hatten den gesamten Film in einer Privatvorführung zweimal angeschaut und mochten ihn so sehr, dass sie danach auf dem Parkplatz eine Flasche Champagner geöffnet haben. Er schrieb mir, dass er sich glücklich schätzt, dass nicht nur einer, sondern gleich zwei großartige Filme auf seinem ersten Roman basieren.

Sie sagten eben, dass Sie die Geschichte in einen Kontext transportieren wollten, den Sie kennen und mit dem Sie sich identifizieren können. Wie beeinflusst das veränderte Setting Ihrer Meinung nach die Geschichte und die Themen des Films?
    Das Buch eröffnet mit einem wundervollen Kapitel, in dem Lindqvist Blackeberg, den Ort, in dem er aufgewachsen ist, beschreibt. Es ist eine Planstadt und auch ich bin in einer Planstadt aufgewachsen. Lindqvist schreibt im Roman, dass es in der Stadt damals keine einzige Kirche gab und dass die Menschen dort deshalb so unvorbereitet waren auf das, was auf sie zukam. Es brachte mich dazu, über die Situation in den USA nachzudenken und ich wusste, dass die Planstädte hier damals keine "gottlosen" Gemeinden waren, sondern im Gegenteil von Religion durchdrungen waren. Das würde sich auch darin widerspiegeln, wie sich der Protagonist wegen seiner düsteren Gedanken an Rache und Mord, diesen sehr menschlichen Reaktionen auf Mobbing und Einsamkeit, fühlen würde. Ich dachte, es wäre interessant, die Geschichte in diesen Kontext zu transportieren. Das Buch spielt in den 1980ern, als Linqvist aufgewachsen ist und er und ich sind etwa gleich alt, ich wuchs also um dieselbe Zeit in den USA auf. Das war die Reagan-Ära und Reagan sprach vom Evil Empire, er hatte simplistische Ansichten über Gut und Böse - im Grunde sagte er, dass die Sowjets fremd und böse und dass wir Amerikaner fundamental gut seien. Ich dachte, dass das eine sehr verwirrende Situation für den heranwachsenden Owen wäre, denn die Welt um ihn herum sagt ihm, dass seine düsteren Gefühle nicht menschlich und nicht akzeptabel sind, sodass er sich sogar noch mehr in sich selbst zurückzieht. Ich dachte, dass ich unter diesem Aspekt aus Lindqvists schwedischem Vampir-Märchen ein amerikanisches Vampir-Märchen machen könnte. Es ist ein Märchen, aber eines, dass an einem echten Ort zu einer echten Zeit, der Zeit meiner Kindheit, stattfindet.

LET ME IN
LET ME IN

Im Vergleich mit dem Original ist mir aufgefallen, dass Ihre Version etwas expliziter ist - nicht nur, was Gore und Gewalt angeht, sondern auch in Bezug auf Abbys Verwandlung. Wenn sie ihre Opfer angreift, verändert sich ihr Gesicht, was surreal wirkt und sich vom beinahe naturalistischen Stil des Originals abweicht. War es eine bewusste Entscheidung, ihren Film expliziter und surrealer zu gestalten und warum diese Veränderung?
    Ich bin mir nicht sicher, ob es eine bewusste Entscheidung war. Ich suchte nach einem Weg, visuell auszudrücken, wie sich ihre dunkleren Seiten offenbaren und ich dachte daran, wie mich mein Vater als Kind viel zu früh mit in DER EXORZIST nahm, was mich nachhaltig verstörte. Bis heute läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, wenn mir jemand unvorbereitet Bilder von Linda Blair als Regan MacNeil zeigt. Ich denke, es geht auf diese Idee zurück, dass die Dunkelheit von einem Kind Besitz ergreift, das einmal unschuldig war. Ich glaube nicht, dass ich meinen Film bewusst expliziter machen wollte. Die Aufgabe für das Makeup-Team war, dass sich die Idee des Heranwachsens als eine Zeit des Schmerzes und der Einsamkeit im Vampirismus widerspiegelt. Ich weiß nicht, ob es den Zuschauern auffällt, aber die Idee für Abby's Verwandlung war adolescence gone wrong. Ihre Haut wird "unrein", in ihren Close-Ups sieht es aus wie Akne, es ist wie Hormone, die in ihrem Körper aufwallen und sie verliert die Kontrolle.

Wie Sie gerade sagten, ist einer der wichtigsten Aspekte der Geschichte der "Schmerz des Heranwachsens". Sie erzählen die Geschichte auch fast ausschließlich, mehr noch als im Original, aus Owens Perspektive. Nur für den Polizisten, der wegen der Mordfälle ermittelt, und Abbys älteren Vertrauten brechen Sie mit dieser Perspektive. Warum sind Ihnen gerade diese beiden Figuren so wichtig?
    Um der enormen Komplexität des Buches gerecht zu werden, müsste man wahrscheinlich eine 10-stündige Miniserie drehen. Zwar liegt auch dort der Schwerpunkt auf Oskar, doch von Kapitel zu Kapitel wechselt die Perspektive - im Buch und, bis zu einem gewissen Punkt, auch im schwedischen Film - zwischen ihm und anderen Stadtbewohnern und man erfährt, wie sich die Ankunft des Vampirmädchens auf all diese verschiedenen Menschen auswirkt. In meinem Film wollte ich mich noch mehr auf Owens Perspektive konzentrieren, da ich mich mit ihm identifizieren konnte. Ich wollte die Subplots, soweit sie überhaupt vorkommen, ausschließlich aus seiner Perspektive zeigen. Er beobachtet seine Nachbarn aus Einsamkeit und Isolation und bekommt so erste flüchtige Eindrücke von Sexualität. Seine Nachbarin und ihr Freund, ihre Streits und ihre Intimität erinnern ihn an die Beziehung seiner Eltern und deren Streits. Ich wollte, dass er die Erwachsenen in ihrer Welt beobachtet, ohne sie ganz zu verstehen, was ihn gleichzeitig verängstigt und anzieht - das ist der Grund, warum ich, soweit möglich, die Geschichte aus seiner Perspektive erzähle. An den Stellen, an denen ich mit dieser Perspektive brechen musste, zwang mich die Handlung dazu. Es sind Momente, die Einfluss auf Owens und Abbys Geschichte nehmen. Im Grunde ist die Geschichte eine Romeo und Julia-Variation. Ich fand es deshalb wichtig, die Stellen zu zeigen, die auf das Verhängnis hinweisen, das der Liebesgeschichte bevorsteht.

Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal auf ihre Einstellung zu Remakes zurückkommen: Sie sagen selbst, dass sie zunächst Bedenken gegenüber einem Remake hatten und dass sie viele US-Remakes als seelenlos empfinden. Würden Sie sich daher wünschen, dass US-Kinogänger ausländischen Filmen gegenüber offener eingestellt wären?
    Ja, absolut. Ich liebe ausländische Filme, deshalb liebe ich auch Alfredsons Film und war einem Remake gegenüber zunächst skeptisch. Wir sind in Amerika so daran gewöhnt, Filme auf englisch zu sehen, dass viele Zuschauer sich ausländischen Filmen verschließen. Es gibt einige Orte, besonders die größeren Städte wie Los Angeles und New York, an denen ausländische Filme sehr geschätzt werden, doch wir sind ein großes Land und an vielen Orten wollen sich die Menschen, wahrscheinlich nur aus Tradition, nicht an ausländische Filme gewöhnen. Ich bin großer Fan von Filmen aus aller Welt und kenne viele Leute, die genauso denken. Ich setze große Hoffnungen in das Internet, denn mit Diensten wie Netflix kann man Filme unmittelbar am Computer streamen, was gerade viele jüngere Menschen verstärkt nutzen. Über das Internet können Filme ohne Probleme auf der ganzen Welt gesehen werden und da sich die Technologie und die Art, wie wir Filme sehen, verändern, könnte ich mir vorstellen, dass internationale Filme bald ein breiteres Publikum in den USA finden.

Vielen Dank für das Gespräch!




Facebook facebook | Twitter twitter :: Datenschutz :: version 1.10 »»» © 2004-2017 a.s.