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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
IN MEINEM HIMMEL Pressekonferenz am 27.11.2009 im Ritz-Carlton Hotel, Berlin
von Björn Lahrmann

IN MEINEM HIMMEL Pressekonferenz am 27.11.2009 im Ritz-Carlton Hotel, Berlin

Gern wüsste ich, wieso der Salon Bellevue so heißt, wie er heißt. Fenster mit Aussicht gibt's jedenfalls keine, und die trübe Energiesparbefunzelung wirkt, je nach Ausgeschlafenheit der Anwesenden, unschmeichelhaft bis sadistisch. Wir befinden uns im Berliner Ritz-Carlton, es ist Freitag, der 27.11.2009, kurz vor zwei Uhr nachmittags. In wenigen Minuten soll hier die Pressekonferenz zu IN MEINEM HIMMEL steigen, in Anwesenheit von Regisseur Peter Jackson und seiner fünfzehnjährigen Hauptdarstellerin, Saoirse (sprich: Seershah) Ronan. Zum Zeitvertreib stromert man durch den Saal, trinkt, weil gratis, zum ersten Mal seit zehn Jahren Fanta (schmeckt immer noch nicht) und schaut den geschäftig wuselnden PR-Damen auf dem Podium beim Getränkearrangieren zu: Wer bekommt Wasser, wer Cola, wer kriegt ein blaues Glas, wer ein durchsichtiges?

Dann brüllen draußen auf dem Flur die Fotografen, wie weiland David Hemmings in BLOWUP; durch einen Türspalt erahnt man Jackson und Ronan im blitzenden Licht. Unter professionell unbeeindrucktem Applaus betreten sie die Bühne, Jackson – schmal wie zu BAD TASTE-Zeiten – im graurotgestreiften Freizeitpulli, Ronan abiballmäßig aufgedonnert und ganz in schwarz. Eine knappe halbe Stunde soll das Gespräch dauern, darum sind Fragen, die mit dem aktuellen Film nichts zu tun haben, unerwünscht. Was mit dem Film dann aber alles zu tun haben soll, darüber streiten sich die Unbelehrbaren. Mit dreifaltiger Penetranz wird Jackson zu Anfang gefragt: ob er an den Himmel glaube; falls ja: ob es da so aussehe wie in seinem Film; falls nein: wie es denn dann bitteschön aussehe. Dass er angesichts solch kindischer Gazettigkeiten nicht die Geduld verliert, ist ein Wunder; dass die anschließende Fragerunde eher nüchternen Charakter annimmt, hingegen nicht.

IN MEINEM HIMMEL Pressekonferenz am 27.11.2009 im Ritz-Carlton Hotel, Berlin
IN MEINEM HIMMEL Pressekonferenz

Die Produktionsgeschichte von IN MEINEM HIMMEL begann bereits 2002, während der Dreharbeiten zu DIE ZWEI TÜRME, wo Jacksons Schreibpartnerin Philippa Boyens der Bestseller von Alice Sebold als Flughafenlektüre in die Hände fiel. "Natürlich war ein neues Projekt das letzte, was wir damals brauchen konnten", erzählt Jackson, "aber Philippa, Fran Walsh und ich fühlten uns alle drei von diesem schwierigen Buch angezogen. Im Grunde ist die Verfilmung eine fixe Idee, in die wir uns nach und nach reingesteigert haben, und als nach KING KONG ein anderes Projekt ins Wasser fiel, war der Weg frei." Wie schon beim HERRN DER RINGE war es auch hier die viel beschworene Unverfilmbarkeit des Romans, die die Adaption weiter anspornte. Jackson gibt zu: "Persönliche Bücher, die bei jedem Leser höchst individuelle Bilder im Kopf erzeugen, fordern mich einerseits besonders stark heraus. Zugleich bieten sie mir die Möglichkeit, einen ebenso persönlichen Film aus ihnen zu machen. Es gibt keine richtige oder falsche Version."

Als unerwartetes Problem stellte sich bald das Casting der Hauptfigur heraus. Jackson: "Die meisten jungen Schauspielerinnen wirken schlichtweg nicht wie 1973, sondern wie Nicktoons 2009." Erst Saoirse habe ihn als einzige Bewerberin überzeugen können. "Ich habe eben eine alte Seele", scherzt Ronan, deren Eltern zunächst Bedenken hatten wegen des grausigen Mädchenmordplots: "Sie hielten es für zu früh in meiner Karriere, mich einem derartigen Szenario auszusetzen. Erst als Peter ihnen versicherte, dass der Film sich weniger auf grafische Gewalt als auf die Schönheit des Zwischenreichs und den Zusammenhalt der Familie konzentrieren werde, willigten sie ein." Jackson bekräftigt, mit IN MEINEM HIMMEL keineswegs einen Horrorfilm im Sinn gehabt zu haben; vielmehr habe er das erhebende, Trost spendende Potenzial des Romans auf Film bannen wollen.

IN MEINEM HIMMEL Pressekonferenz am 27.11.2009 im Ritz-Carlton Hotel, Berlin
IN MEINEM HIMMEL Pressekonferenz

Die zentrale Herausforderung dabei sei natürlich das Himmelsdesign gewesen. Ronan erklärt: "Nach Alice Sebolds Logik funktioniert das Jenseits wie ein Traum: Die Umgebung passt sich an Susies jeweiligen emotionalen Zustand an." Insofern sei die visuelle Umsetzung auch der Charakterisierung der Figur dienlich, führt Jackson weiter aus: "Der Himmel ist quasi die Gesamtsumme ihres Wesens in Metaphernform." In die Gestaltung eingeflossen seien bestimmte reale Orte, mit denen Susie starke Erinnerungen verbindet, aber auch popkulturelle Artefakte wie Plattencover oder romantische Landschaftsgemälde, die das Haus von Susies Familie zieren und sich so in ihr emotionales Gedächtnis gebrannt haben. Im Gegensatz zu den abstrakten Beschreibungen des Romans habe Jackson das Zwischenreich konkret erfahrbar machen wollen. Mit religiösen Konzepten habe das alles weniger zu tun als mit dem physikalischen Grundgesetz, dass Energien niemals verloren gehen.

Gegen Ende bricht doch noch jemand das Gelübde und fragt nach dem Status der zweiteiligen HOBBIT-Verfilmung, die im Laufe des Jahres unter der Regie von Guillermo Del Toro entstehen soll. "Das Skript für den ersten Film ist fertig", berichtet Jackson, "beim zweiten sind wir auf halbem Wege. Ich sage aber ganz deutlich: Offiziell haben wir noch kein grünes Licht vom Studio. Erst wenn beide Drehbücher vorliegen, kann ein Budget berechnet werden, dessen Bewilligung für den Produktionsbeginn zwingend ist." Die Vorstellung, nach derlei Großprojekten auch mal wieder einen kleinen, schmuddeligen Splatterstreifen zu drehen, sei natürlich reizvoll, gibt Jackson auf Nachfrage zu – und gewährt schließlich doch noch einen kleinen Einblick in seinen ganz persönlichen Himmel: "Wahrscheinlich wäre es ein einziges Kuddelmuddel aus Hobbits, Gorillas und Zombies."




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