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IN MEINEM HIMMEL (USA/Großbritannien/Neuseeland 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. THE LOVELY BONES
Laufzeit in Minuten. 135

Regie. PETER JACKSON
Drehbuch. FRAN WALSH . PHILIPPA BOYENS . PETER JACKSON
Musik. BRIAN ENO
Kamera. ANDREW LESNIE
Schnitt. JABEZ OLSSEN
Darsteller. SAOIRSE RONAN . MARK WAHLBERG . RACHEL WEISZ . STANLEY TUCCI u.a.

Review Datum. 2010-01-20
Kinostart Deutschland. 2010-02-18

Susie Salmon (Saoirse Ronan), das verrät schon ihr Name, ist ein Kind wie aus dem Englisch-Lehrbuch: aufgeweckt, quasselstrippig und – Bildungshaushalt sei dank – aus den frühen 70ern. In Lektion 1 stellt sie uns ihre Familie vor: This is my dad (Mark Wahlberg), er macht was Langweiliges mit Steuern und bastelt zum Ausgleich Buddelschiffe. This is my mom (Rachel Weisz), sie war mal Existenzialistin, aber dann wurde sie schwanger. This is my grandma (Susan Sarandon), sie säuft, aber auf die lustige Tour, und redet unverblümt über Jungs. Schwesterlein und Brüderlein komplettieren die Übung: One happy family.
In Lektion 2 gerät die Nachbarschaft in Susies Visier, unter anderem der eigenbrödlerische Mr. Harvey (Stanley Tucci); über den sagt sie, weil auch Slang trainiert werden will: He gives me the skeevies. Nicht zu unrecht: Mr. Harvey nämlich bringt in seiner Freizeit Kinder um, und Susie hat er als nächstes Opfer schon auserkoren. Aus seinem Herzen macht, aus Holzlatten zimmert er eine Mördergrube im nahegelegenen Maisfeld, da lockt er Susie eines Nachmittags hinein. Als sie nach erlittenem Martyrium erwacht, findet sie sich im Himmel wieder – nicht in irgendeinem, sondern ihrem eigenen, privaten oder, um in der Perspektive des Films zu bleiben: IN MEINEM HIMMEL.

Bevor wir zu Lektion 3 kommen, werfen wir kurz einen Blick ins Impressum: Peter Jacksons erste Regiearbeit seit vier Jahren basiert auf dem überaus erfolgreichen Roman "The Lovely Bones" von Alice Sebold. Die allem kritischen Vernehmen nach spärlichen Meriten dieses Buchs sind wohl zum einen in seiner dekorativen Prosa, zum anderen in Sebolds eigentümlicher Verquickung von flapsigem Charme und ungeschönter Grausamkeit zu suchen. Jackson, der mit HEAVENLY CREATURES bereits einen ähnlich sensiblen, zwischen romantischer Fantasie und roher Gewalt pendelnden Stoff auf die Leinwand gebracht hat, scheint für Susies Geschichte also gerade der Richtige zu sein. Doch leider drückt sich seine erzkonservative Adaption um alle Ecken und Kanten des Materials herum, indem sie die grausigen Details des Verbrechens in Wort und Bild geflissentlich ausspart, zugleich aber von tröstendem Humor nichts wissen will. Statt dessen werden die sich auftürmenden Momente von Spannung und Tragik anhand buttercremeweicher Planfahrten und Parallelmontagen ins Unendliche gezerrt, bis man sich in Sachen Suspense-Sadismus einen goldenen Hitchcock verdient hat.

Jacksons Hang zum Epischen, lautet demnach die dritte Lektion, lässt ihn geradewegs den Abhang des Pathetischen hinabschlittern. Im Beichstuhlton kommentiert Susie aus dem himmlischen Off das irdische Jammertal, wo der Verlust der zentralen Figur zu einer prompten Vereinzelung der Hinterbliebenen führt: Während Pops sich im Hobbyraum verkriecht und mit bronsonesker Besessenheit die halbe Welt des Tochtermords bezichtigt, flüchtet Mom sich auf eine kalifornische Orangenplantage und Schwester Lindsey in exzessives Jogging. Wie Susie in ihren Himmel, sperrt Jackson auch die übrigen Figuren in strikt voneinander abgekapselte, in repetitiven Bildfolgen eingemauerte Isolationshöllen, die seinem in Interviews geäußerten Seelsorgeprogramm krass widersprechen: Statt am gemeinsamen Trauerprozess die bürgerliche Kernfamilie genesen zu lassen, verabsolutiert IN MEINEM HIMMEL bloß die Unteilbarkeit menschlichen Leids. Wenig aufmunternd wirkt zudem die akute Zombiehaftigkeit sämtlicher Akteure (mit Ausnahme des erfreulich undämonischen Stanley Tucci), die vor lauter Pietät kaum zum Spielen kommen.

Susie dafür umso mehr: In wild morphenden Paradiesgefilden, die eine Projektion ihrer geheimsten Fantasien darstellen, darf posthum herumgetollt werden, was das tote Herz begehrt. Ihr zartes Verlangen nach dem rehäugigen Oberstufenschwarm Ray fließt ins Jenseitsdesign allerdings nicht ein, statt dessen sieht's in Susies Himmel aus wie in der Posterabteilung von Nanu Nana: Prospekthafte Gletscherpanoramen wechseln sich ab mit blauen Mondnächten in Airbrush-Ästhetik und keusch knospenden Rosenbeeten nebst tierförmigen Heckenskulpturen. Die im Grunde recht possierliche Saoirse Ronan hat in den computergenerierten Auen wenig mehr zu tun, als staunend die Augen aufzureißen und mit dem Mund alle fünf Vokale gleichzeitig zu formen.
Wo die Nachwelt ihr Heil in der Verkleinerung sucht – neben Dad ist auch Mr. Harvey passionierter Miniaturbauer –, übt sich der Himmel also in sinnbetäubender Totalmaximierung: von Dimensionen, Farben, Gefühlen, Effekten, bis sogar der kontrapunktische Score von Ambientgott Brian Eno seine liebe Mühe hat, den Kitsch in Schach zu halten. So kommen physische und digitale Welt, auch dramaturgisch, nie zueinander. Ein Jammer, geht darin doch die schönste Ironie von allen verloren: Während Susies Photoshop-Paradies in klassischer 35mm-Opulenz badet, filmt Jackson den Killer und seine handgemachten Puppenstuben in rheumatisch zitterndem DV. Das ist dann wohl Lektion Nr. 4: Digital ist böser. Aber die heben wir uns lieber für nächste Stunde auf.











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