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UNENDLICHE TIEFEN

Special.
Godzilla: Märchen von einer Echse, die auszog Karate zu lernen
von Alexander Karenovics
GODZILLA (Japan 1954)

Original Titel. GOJIRA
Laufzeit in Minuten. 96

Regie. ISHIRO HONDA
Drehbuch. ISHIRO HONDA . TAKEO MURATA
Musik. AKIRA IFUKUBE
Kamera. MASAO TAMAI
Schnitt. KAZUJI TAIRA
Darsteller. AKIRA TAKARADA . MOMOKO KOCHI . AKIHIKO HIRATA . FUYUKI MURAKAMI u.a.

Die wenigsten unter uns werden aus Interesse für die Filmographie Ishiro Hondas den Weg zum Ur-Godzilla von 1954 gefunden haben. Die Monster-Prügeleien aus dem Nachmittags-Fernsehen sind hierfür besser geeignet. Aber wie hat Godzilla eigentlich Karate gelernt? Auch Ryuhei Kitamura vermag im Jubiläumsfilm FINAL WARS kein Licht auf die Ursprünge zu werfen, da auch er nur die lustvolle Zerstörungswut rekapituliert, welche das geschuppte Vieh letztendlich zum Kinderzimmer-Held erhoben hat. Von Roland Emmerich ganz zu schweigen. So profiliert sich Ishiro Hondas GODZILLA letzten Endes auch weniger als trashige Kautschuk-Orgie, denn ernstzunehmendem Film mit geradliniger Dramaturgie. Ein würdiges Remake kann daher nur aus Japan kommen.

Das Genre erfindet Honda nicht neu. Der Wissenschaftler, der das Monster lieber studieren möchte, anstatt tatenlos dem Miltitär bei dessen Vernichtung zuzusehen (und andere obligatorische Versatzstücke), ist aus ähnlich gearteten Filmen der Ära hinlänglich bekannt. Selbstverständlich ist Godzilla fleischgewordene Metapher für achtlosen Umgang der Menschen mit atomarer Energie, sowie Fingerzeig für katastrophale Folgen einer aus dem Gleichgewicht trudelnden Natur. Die lehrreiche Botschaft wurde jedoch subtil genug verpackt, auf daß sie einer spannenden Geschichte nicht im Wege steht.

Spannung baut der Film auf, indem er dem Zuschauer sein Monster so lang wie möglich vorenthält; übrigens das Einzige, was Roland Emmerichs zugegebenermaßen unterhaltsame Echsen-Randale richtig gemacht hat. Der Film beginnt mit einer nächtlichen Attacke auf hoher See, der Quell des Angriffs bleibt ungewiss. Und wenn Godzilla endlich auf den Plan tritt, ragt zunächst nur sein Kopf über eine Landzunge und rollt bedrohlich mit den Augen. So beeindruckt seine wahre Größe umso mehr, wenn er letztlich Land gewinnt und zu rummsender Bombast-Musik Häuser und Brücken zerstampft. Karate lernt Big G erst später, und auch nicht im selben Film. Die Pulverisierung Tokyos findet bevorzugt nachts statt; sowohl atmosphärisches Stilmittel, als auch legitime Maßnahme um Reißverschlüsse unsichtbar zu machen.

War Godzilla in den Nachfolgern zumeist ein Held, der erweckt werden mußte um den Inselstaat vor dem Untergang zu bewahren, ist er im Original tatsächlich bösartige Naturgewalt, die ihren atomaren Atem selbst gegen Frauen und Kinder einsetzt. Sein Hiroshima-Trauma arbeitet Japan in einigen bewegenden Szenen auf, in denen Überlende auf Strahlenschäden untersucht werden, und ein Chor von Schulkindern einen sakralen Choral durch den Äther schickt.

Tricktechnisch muß GODZILLA sich vor seinen Hollywood-Artgenossen nicht verstecken. Der größte Unterschied ist, daß hier tatsächlich ein Mensch im Echsenkostüm steckt und Miniatur-Bauten zerstört, während man in der Traumfabrik auf Ray Harryhausens Stop and Motion-Technik vertraute. Der Rest ist antikes State of the Art: selbst fortgeschrittene Tricktechnik, wie ins Bild kopierte fremde Elemente (wenn das Militär versucht, Godzilla mittels einer "Straßensperre" aus Stromleitungsmasten aufzuhalten), sind im zeitlichen Kontext überzeugend geraten.

Erfreulich auch, daß bis zum Ende hin menschliche Schicksale die Geschichte mitbestimmen; die Riesenechse mag Star des Films sein, jedoch nicht sein Protagonist. Diesbezüglich hat sich mit zunehmend ausufernden Monster vs Monster-Brawlings der Nachfolger einiges geändert. Auch das Ende ist dank melodramatischen Twist ungleich trauriger ausgefallen (und behält sich eine mögliche Rückkehr des TOHO-Wappentiers vor). Daß aber Godzilla letzendlich in 27 weiteren Filmen Primär- und Kollateralschaden austeilen würde, davon hätte wahrscheinlich selbst Ishiro Honda nicht zu träumen gewagt. Die unvermeidliche Frage, ob nun überholtes Relikt oder unverzichtbarer Klassiker, gebe ich in rhetorischer Absicht an den Leser zurück. Selbstverständlich darf man GODZILLA langweilig finden oder unspektakulär; nicht jedoch schlecht. Und den Film in der Trash-Sparte ablegen, geht gar nicht.

Für den US-Markt wurde damals eine alternative Schnittfassung hergestellt (GODZILLA: KING OF THE MONSTERS), in der Raymond Burr als Reporter das Geschehen kommentiert, damit sich der amerikanische Durchschnitts-Zuschauer besser mit den Problemen kleiner, lustiger Männer mit komischen Augen identifizieren kann, die zu allem Überfluss kein Wort Englisch sprechen. Glücklicherweise hat man heutzutage die Wahl, dieses übelst synchronisierte und verhackstückte Machwerk zu umgehen, welches Ishiro Hondas mitreißende Vision in eine unbeholfene Farce verwandelt, Hauptdarsteller zu Nebendarstellern degradiert, und auf Gedeih und Verderb seinen Behelfs-Protagonisten in den Mittelpunkt rückt, obwohl der letztendlich wenig mehr zur Geschichte beizutragen weiß, als in nahezu jeder Szene sein langes Gesicht in die Kamera zu drängen und dröge zu kommentieren, was die eigenen Augen einem weitaus lebhafter zu berichten vermögen.











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