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UNENDLICHE TIEFEN

Reportage.
Fantasy Filmfest 2021 - Teil 1
von André Becker

Fantasy Filmfest 2021 - Teil 1

2020 war für das Kino kein gutes Jahr. Bundesweite Lockdowns führten dazu, dass die Kinosäle über viele Monate hinweg geschlossen blieben. Davon betroffen waren natürlich auch zahlreiche Festivals, die entweder ganz abgesagt wurden oder die sich mit alternativen Angeboten (Streams etc.) auf die Pandemie einstellten. Das Fantasy Filmfest war im letzten Jahr dagegen eine wohltuende Ausnahme. Man schaffte es allen widrigen Umständen zum Trotz das Festival normal in die Kinos zu bringen. Zwar mit weniger Filmen als in den Vorjahren, aber mit einem gewohnt vielfältigen Programm, das mit einigen wirklich hervorragenden Genre-Werken (z.B. POSSESSOR, RELIC) beim Publikum punkten konnte. Im Jahr 2021 mussten die Organisatoren zwar die geplanten White Nights absagen, die Fantasy Filmfest Nights XL konnten im Juni hingegen wie geplant stattfinden. Und schneller als man denkt, ist schon wieder Herbst und das Hauptfestival steht vor der Tür.

In Berlin zog es das Festival (frisch mit einem Rebranding versehen) wieder in den Prenzlauer Berg. Ein Kiez, der in Sachen Kinokultur vor allem im letzten Jahr unter der Schließung des altehrwürdigen UCI-Kinos Colosseum zu leiden hatte. Als Location entschied man sich abermals für das festival-erprobte Kino in der Kulturbrauerei, das zur CineStar-Gruppe gehört und über ausreichend große Säle verfügt um die derzeit nötigen Hygiene-Regeln easy umzusetzen. Als Eröffnungsfilm wurde am Sonntag GUNPOWDER MILKSHAKE gezeigt. Eine überdrehte Action-Achterbahnfahrt mit wild choreographierten Shoot-outs und gut aufgelegten Stars, die mit der Anwesenheit von Regisseur Navot Papushado vor Ort veredelt wurde. Papushado ist dabei kein Festival-Neuling, ist der Film doch bereits sein dritter Beitrag, der in das Programm des Filmfests aufgenommen wurde.

Um 21:00 Uhr folgte mit SPIRITWALKER der letzte Film des ersten Festival-Tages. Die ausnahmsweise mal nicht im Hochglanz-Look daherkommende südkoreanische Produktion konnte allerdings nicht vollends überzeugen. Zu zerfasert wirkte die Handlung um einen Mann, der täglich im Körper einer anderen Person aufwacht und das Verschwinden und Ableben mehrere Menschen aufklären muss. Der Mix aus Mystery, Thriller und Action legte zwar ein angenehm zügiges Tempo vor, pendelte aber zu unentschlossen zwischen den Genres. Insbesondere der gegen Ende vollzogene Wechsel zum bleihaltigen Actionfilm fügte sich nicht wirklich gut in das Gesamtbild, auch wenn das intensive, zerstörungswütige, Finale mit einer tollen an die John-Wick-Filme erinnernden Choreographie aufwarten konnte.

Fantasy Filmfest 2021 - Teil 1

Am Montag stand mit RAGING FIRE der letzte Film des 2020 verstorbenen Regisseurs Benny Chan auf dem Programm. Chan schaffte es zwar im Laufe seiner Karriere nicht zu ähnlichen Ehren wie John Woo, Tsui Hark oder Johnnie To, nichtsdestotrotz hat er im Hongkong-Kino Spuren hinterlassen und dem Publikum einige äußerst spektakuläre Actionknaller (z.B. INVISIBLE TARGET, BIG BULLET) beschert. Mit seiner letzten Regiearbeit zeigte Chan dann noch einmal, dass er eine Lücke hinterlässt, die nicht so leicht wieder zu füllen sein wird. RAGING FIRE ist großes Action-Kino ohne Wenn und Aber. Ein wuchtiger, vor Energie geradezu berstender Adrenalin-Kick, der auch in den ruhigeren Momenten die nötige erzählerische Sorgfalt an den Tag legte. Neben schweißtreibenden Schusswechseln, die mitunter an die Straßenschlachten in HEAT erinnerten, gab es wenige, aber hervorragend inszenierte Fights mit und ohne Waffen zu bestaunen.

Insbesondere das große Finale in dem Donnie Yen und Nicolas Tse in einer abbruchreifen Kirche aufeinander losgelassen wurden hatte es in sich und zeigte beide Stars in erinnerungswürdiger Top-Form. RAGING FIRE blieb dabei bei den insgesamt vier größeren Actionszenen stets abwechslungsreich und setzte im Gegensatz zu vielen anderen Hongkong-Produktionen der letzten Jahre kaum auf CGI-Unterstützung. Die Action-Choreographie erinnerte daher auf angenehme Weise an die glorreichen Zeiten, in denen die ehemalige Kronkolonie noch die Spitze des asiatischen Krawall-Kinos bildete. Auch die Geschichte um Verrat und Loyalität schielte in Richtung der Heroic-Bloodshed-Epen vergangener Tage und gestattete sich gar eine recht kritische Betrachtung der Machtverhältnisse innerhalb der Polizei.

Am Dienstag wurde es dann nach dem mit jeder Menge Vorschusslorbeeren gesegnetem Drama PIG (Hauptrolle: Nicolas Cage) zu später Stunde richtig ungemütlich. Im gut gefüllten Saal holte man mit HUNTER HUNTER einen Film nach Berlin, der im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut ging. Vordergründig erzählt Regisseur Shawn Linden hier von einer Familie, die in der Wildnis in einer abgelegenen Holzhütte lebt und die eines Tages mit einem aggressiven Wolf konfrontiert wird. Wie sich herausstellt ist das Tier aber nicht die einzige Bedrohung, die in den endlosen Wäldern lauert.

Fantasy Filmfest 2021 - Teil 1

Linden setzt bei diesem düsteren Überlebenstrip auf eine betont ruhige Inszenierung, die mit ihren fast schon dokumentarisch anmutenden Bildern sehr lange vor allem den Alltag der Familie beleuchtet. Fallen stellen, auf die Jagd gehen, die Beute zerlegen und verzehren. Linden wählt die Perspektive eines stillen Beobachters, der ein Familienleben abseits der Zivilisation zeigt, dass von großer Freiheit aber auch großer Trostlosigkeit geprägt ist. Insbesondere die Mutter will ihrer jugendlichen Tochter ein besseres Leben bieten. Ein Leben, dass nicht von der Angst bestimmt ist, nichts mehr zu Essen zu finden. Als ihr Mann Joseph nach einer Erkundungstour nicht mehr zurückkehrt, sind Mutter und Tochter vollkommen auf sich allein gestellt.

Ungefähr ab diesem Punkt drängen schließlich die Genre-Elemente stärker in den Vordergrund. Im Filmverlauf gestreute Andeutungen und Hinweise nehmen langsam aber sicher Form an und verstärken ein bohrendes Gefühl latenter Bedrohung. Und auch wenn man spürt, dass sich großes Unheil ankündigt, ist man kaum vorbereitet auf das, was in den letzten Minuten über die Protagonisten hereinbricht. Der Titel HUNTER HUNTER war insofern ausgesprochen passend gewählt. Die Grenzen zwischen Jäger und Gejagten sind hier fließend und längst keine passenden Kategorien für Leben und Tod mehr. Ein verstörender und niederschmetternder Film, der lange nachwirkte und sicherlich niemanden kalt gelassen hat.

All diejenigen, die nach dieser unbarmherzigen Tour de force dringend einen tonalen Wechsel brauchten, wurden am Mittwochabend fündig, wo die in einem Special Screening gezeigte französische Produktion OSS 117: FROM AFRICA WITH LOVE komödiantische Töne anschlug und den titelgebenden Agenten in sein drittes Kinoabenteuer schickte. Nach vier Tagen ist man daher noch längst nicht übersättigt und gespannt auf die weiteren Highlights, die das Festival hoffentlich noch bereit hält.

Fantasy Filmfest 2021 - Teil 1

Der zweite Teil.

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