AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
UNENDLICHE TIEFEN

Essay.
2011 - Das Jahr, in dem die Hirne stillstanden
von Thorsten Hanisch

2011 - Das Jahr, in dem die Hirne stillstanden

Viel hat sich getan im Datenträgerland: Die Blu-ray ist mittlerweile nicht nur etabliert, die Player sind für 'n Appel und 'n Ei zu haben, die dazugehörigen Scheiben wandern für Kleinstbeträge über die Ladentheke. Man kann im Prinzip eigentlich schon wieder vom Ende einer Ära, die nie so richtig angefangen hat, sprechen.

Da muss natürlich Neues her. Aber dass die Zukunft 3D heißt, will man beim stetig größer werdenden Desinteresse des Kinopublikums in der Post-AVATAR-Ära wohl auch nicht mehr so recht glauben. Mal ehrlich: So richtig Sinn macht 3D doch nur bei Sportübertragungen und Pornofilmen. Spätestens nach dem dritten Mal AVATAR schauen, wird sich wohl auch der letzte Enthusiast eingestanden haben, dass extreme Tiefenschärfe nicht so wirklich abendfüllend ist. Es bleibt abzuwarten, was die Zukunft bringt: Setzt sich 3D tatsächlich noch durch (irgendwann sind die Preise für jede neue Technik so niedrig, dass man sich's dann halt doch kauft)? Werden nur noch - wie es teilweise bereits geschieht - die großen, umsatzträchtigen Titel produziert und Fans "niederer" Kost dürfen sich mit lieblosen DVD/Blu-ray-On-Demand-Auswertungen begnügen oder - größte Wahrscheinlichkeit - die Filmauswertungen finden künftig in erster Linie im Netz statt, der Schrank wird leer, die Festplatte voll, die Sammler sammeln wieder Briefmarken?

Man wird sehen.

Definitiv NICHT besser wird's mit der Filmrezeption. Da beim Gucken der grob geschätzten 123 Stunden vorproduzierten Bonusstunden pro Film die eigene Rezeptionsfähigkeit zwangsläufig unter einem Berg voller "Das war der beste Film, den ich je gedreht habe!"-Statements begraben wird, muss sich die weltweite Wissenschaftselite wohl bald der Erstellung künstlicher Rezeptionssensoren widmen - der Bedarf wird riesig sein.

Schon heute machen sich erste Schäden unangenehm bemerkbar:

Nur allzu gerne fallen nach dem Kinobesuch und/oder auf diversen Internetforen Ausdrücke wie plot hole, unlogisch oder unrealistisch.

Dazu sei folgendes gesagt:

Es ist KEIN plot hole wenn Du während des Films in einer 20minütigen Klo-Sitzung das zuvor gemampfte Popcorn wieder loswirst und danach keine Ahnung hast, worum es gerade geht.

Es ist NICHT unlogisch das die Heldin nach erfolgter Flucht aus den Händen des psychopathischen Vergewaltigers noch mal kehrtmacht um Freund/Freundin/Familie zu retten, nur weil DU dich schnellstmöglich aus dem Staub machst, wenn beim abendlichen Spaziergang durch den Stadtpark die große Eiche links neben der Parkbank verdächtig raschelt.

Es ist auch NICHT unrealistisch, dass John Rambo im Alleingang eine halbe Armee platt macht, nur weil Du noch nicht mal mit dem kleinen Bruder deiner Freundin fertig wirst.

Filme müssen innerhalb ihrer eigenen Welt, nach deren Regeln funktionieren, NICHT nach DEINEN.

Ganz, ganz, ganz, ganz, ganz schlimm ist auch die inflationäre Benutzung des Wortes Trash:

Egal ob 400 Millionen Dollar teurer Blockbuster, egal ob vorbildlich produzierter Genrefilm, egal ob... ja, eigentlich ganz egal was, heutzutage scheint einfach mal alles per se Trash zu sein. Und diese Unart scheint sich mittlerweile auch im Verkauf breit zu machen: So mussten meine entzündeten Augen neulich eine Kiste mit 70er-Italo-Reißern, aktuellen Hollywoodfilmen und John Wayne-Western sichten, die mit Trash ausgeschildert war. Am liebsten hätte ich den Verantwortlichen auf völlig unlogische Art ein unrealistisch großes plot hole verpaßt.

Zu guter Letzt:

Ihr lieben Leute da draußen, hört doch bitte auf, irgendwelche Genrefilmchen aus vergangenen Jahrzehnten oder aktuelle Totalausfälle mittels willkürlich eingesetzter Uni-Termini zum ultimativen Intellektuellenorgasmus hochzuonanieren. Das haut in den seltensten Fällen wirklich hin und beeindruckt höchstens Steelbook-Sammler.
Ein ehrliches Eingeständnis, wieso man EXTERMINATOR ("Geile Flammenwerfer-Szenen!") oder BAD TEACHER ("Bin seit meinem 14. Lebensjahr in Cameron Diaz verknallt!") gut findet, wirkt vielleicht naiv, aber lange nicht so doof.

Ich hab da einen Tipp: Einfach mal wieder MIT dem Film beschäftigen. Nicht von oben drauf schauen ("Das Sexualitätsdispositiv der Pastoralmacht der epistemen Subjektkonstituierung in WO DER WILDBACH DURCH DAS HÖSCHEN RAUSCHT ist unfassbar!"), nicht von unten raufschauen ("TRANSFORMERS 3 hat mich voll gut unterhalten!"), sondern versuchen, dem Film auf Augenhöhe zu begegnen, einzutauchen, zu LEBEN, zu FÜHLEN und zu BEGREIFEN ("Ihr könnt meckern, so viel Ihr wollt, aber so kann das nur Steven Seagal.")!




Facebook facebook | Twitter twitter :: Datenschutz :: version 1.10 »»» © 2004-2017 a.s.