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KAPITELWAHL

DAS 10. OPFER (Italien/Frankreich 1965)

von Björn Lahrmann

Original Titel. LA DECIMA VITTIMA
Laufzeit in Minuten. 88

Regie. ELIO PETRI
Drehbuch. TONINO GUERRA . GIORGIO SALVAIONI . ENNIO FLAIANO . ELIO PETRI
Musik. PIERO PICCIONI
Kamera. GIANNI DI VENANZO
Schnitt. RUGGERIO MASTROIANNI
Darsteller. MARCELLO MASTROIANNI . URSULA ANDRESS . ELSA MARTINELLI . SALVO RANDONE u.a.

Review Datum. 2013-01-08
Erscheinungsdatum. 2012-03-30
Vertrieb. BILDSTÖRUNG

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 2.0) . ITALIENISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Kaum etwas nimmt sich so ernst wie Satire. Satiren erfordern die feste Überzeugung, dass ihr Ziel mindestens lächerlich, besser noch moralisch verwerflich, im ärgsten Fall gefährlich ist. Eine Sonderform ist die satirische Dystopie, die etwas verhöhnt, was so noch gar nicht existiert, dem Satiriker aber eminent logisch aus gegenwärtigen Zuständen ableitbar erscheint: ein "Wehet den Anfängen" mit bösem Witz, der die bittere prophetische Arznei bekömmlich machen soll. Nicht immer ist, wer solcherlei predigt, ein selbstgerechtes Orakel oder findiger Ideologe. Nicht immer. Aber.

Dies vorweg als Erklärung, warum ich mit dem Mini-Genre des Menschenjagdfilms nie so ganz warm geworden bin. Jedes Mal muss man sich dieselben verhaltensbiologischen Binsenweisheiten anhören (homo homini lupus est), jedes Mal ist irgendwer oder irgendwas alleinig Schuld an der fiktiven Misere, die irren Reichen (GRAF ZAROFF - GENIE DES BÖSEN), die irren Medien (DAS MILLIONENSPIEL) etc. Die besten Gattungsvertreter konzentrieren sich entweder ganz auf die entfesselten Bewegungen der Jäger- und Gejagtenkörper (THE NAKED PREY, RUN OF THE ARROW) oder nehmen an der Depravation, die sie vordergründig anprangern, lustvoll und unbekümmert teil (BATTLE ROYALE, GAMER).

Dass DAS 10. OPFER zu diesen Besten nicht gehört, erschließt sich kaum auf den ersten Blick: Der nämlich fällt auf Ursula Andress, die ihren verzweifelt um sich ballernden Häscher durch New Yorker Straßenschluchten in ein spaciges Striplokal lockt und dort mit in den Nippeltaschen ihres BHs eingelassenen Maschinenpistolen umlegt. Bombeneinstig, ohne Frage. Zum neunten Mal, erfahren wir von einem hysterischen Fernsehmoderator, ist das der Andress schon geglückt; in der zehnten und letzten Runde der weltweit behördlich organisierten Todeslotterie, bei deren Gewinn gottgleicher Ruhm und Reichtum winken, darf sie wieder Jägerin spielen, als Opfer wird ihr der wasserstoffblondierte Marcello Mastroianni zugelost.

Kaum in Rom, häufen sich die lauwarmen Verkehrte-Welt-Scherzchen: Ein Polizist verteilt mitten im mörderischen Treiben Falschparkerknöllchen, ein Restaurantwirt verbittet sich das Killen am Mittagstisch, ein New-Age-Priester tupft sich fürs Hoheamt Glyzerintränen an. Alles Lüge, alles korrupt! Auf ihrer exemplarisch die Stationen mäßig einfallsreicher Konsumismusparodie abklappernden Hatz merken Andress und Mastroianni schnell, dass sie eigentlich wie geschaffen füreinander sind; dumm nur, dass beide bereits lukrative Werbedeals auf die gegenseitige Ermordung im Kolosseum abgeschlossen haben (wo ja - get it? - schonmal eine dekadente Hochkultur in Brot und Spielen niederging). Modern love can be a strain.

Ärgerlicher noch als der formelhafte Humor des Films ist allerdings seine humorlose Form. Erzkommunist Elio Petri investiert beträchtliche Energie in verspielt-futuristische Sets und Paradiesvogelkostüme, lässt einem daran aber ungefähr so viel Spaß wie ein Pastor am Messwein. Teilnahmslos schleicht die Kamera durch schrille Kulissen, auf der Tonspur gähnt das Vakuum der Nachsynchronisation: Ennui und emotionale Leere, endlich auch im B-Movie! Jedem Jersey Shore-mäßigen Outfit der Andress ist naserümpfend wertkonservative Stilkritik eingenäht, und wenn sich Mastroianni dafür verspotten lassen muss, dass sein wertvollster Besitz eine Sammlung Comic-Klassiker ist, dann nur, weil für Petri das Konzept "Comic-Klassiker" ein allzu drolliges Oxymoron darstellt.

DAS 10. OPFER ist gewissermaßen kopfstehende termite art: Statt den gediegenen Mainstream mit dem Furor des Pulp zu unterwandern, geriert sich Petri als Pop-Art-Pasolini, der dem Publikum für den Genußversuch an seiner Kunst in und mit seiner Kunst die Leviten liest. Sein Kalkül geht voll und ganz auf: Selten wirkte ein derart bunter Film so grau.

DVD.
Qualitativ ohne Fehl und Tadel, wie gewohnt. Bonus: Die spielfilmlange Mastroianni-Bio MARCELLO: A SWEET LIFE, die zwar mit dem 10. OPFER selbst nichts zu tun hat, aber eine nette Geste ist angesichts des ausnahmsweisen Mangels an dedizierten Extras (mal abgesehen vom schmissig-loungigen Soundtrack, der der Limited Edition beiliegt). Ein umfangreicher Essay des immer lesenswerten Oliver Nöding rundet das Paket ab.








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