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KAPITELWAHL

PUNCTURE - DAVID GEGEN GOLIATH (USA 2011)

von Hasko Baumann

Original Titel. PUNCTURE
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. ADAM KASSEN . MARK KASSEN
Drehbuch. CHRIS LOPATA
Musik. RYAN ROSS SMITH
Kamera. HELGE GERULL
Schnitt. CHIP SMITH
Darsteller. CHRIS EVANS . MARK KASSEN . MARSHALL BELL . BRETT CULLEN u.a.

Review Datum. 2012-08-19
Erscheinungsdatum. 2011-11-17
Vertrieb. DTP ENTERTAINMENT

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1) . ENGLISCH (DD 5.1)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Gerichtsfilme, das können die Amis. Und es ist auch kein Wunder, daß nur die Amis das so können, bietet doch kein anderes Rechtssystem derart absurde Strafanträge und keine andere Gerichtsbarkeit so viel Showbusiness. Wie gern sehen wir immer wieder den verzweifelten Kampf von Anwälten gegen das eigene System und die formidablen Winkelzüge, die das amerikanische Recht ihnen zur großen Performance vor den Geschworenen zu bieten weiß. Wie verbitterte Juristen noch einmal zu Idealisten werden, wie eitle, geldbesoffene Rechtsverdreher doch einmal für das Gute kämpfen wollen. Wie sie aufsteigen und schlußendlich zerbrechen, wie sie ihren eigenen Illusionen verfallen und am Ende vor ihrem geplatzten Traum stehen. Wie Paul Newman in THE VERDICT. Wie John Travolta in ZIVILPROZESS. Wie Richard Gere in ZWIELICHT. Es sind reiche, wunderbare Figuren in einem ebenso wunderbaren Spannungsfeld, und man kann sich an ihnen nicht sattsehen.

Auch Mike Weiss und Paul Danziger sind Anwälte. Sie betreiben eine kleine Kanzlei, sie haben einen schraubigen Werbespot und sie vertreten Unfallopfer, die aus ihrem Unglück wenigstens noch den großen Reibach klagen wollen, mit übertriebenen Geschichten und falschen Halskrausen sitzen sie vor den Türen des Büros. Weiss und Danziger sind ambulance chasers. Doch eines Tages, da tritt eine Krankenschwester in ihr Leben, sie hat sich an der Nadel einer Spritze infiziert und ist dem Tode geweiht. Sie will kein Geld, sie will, daß die Krankenhäuser sichere Nadeln benutzen, und ein ihr bekannter Ingenieur hat sie entwickelt. Nur will sie keiner kaufen, denn die Krankenhäuser wollen sparen. Für Danziger ist dies kein Fall, er muß seine Familie ernähren und dazu reichen die Unfallopfer völlig aus, doch Weiss sieht das Unrecht und die Chance, einmal für das ganz große Gute zu kämpfen, für die Gerechtigkeit. Die Relevanz. Das Retten von Leben.

Doch Mike Weiss ist nicht nur Anwalt, er ist auch Junkie und Säufer, er ist fast pausenlos drauf; er bevölkert sein Haus mit Dealern und Nutten, die ein- und ausgehen und ihn immer mit dem versorgen, was er braucht, schnellen Sex und jede Menge Stoff. Danziger verzweifelt an seinem Kollegen und an dessen fixer Idee; der Fall ist zu groß für die kleine Kanzlei, die Pharma-Lobby zu mächtig und deren Anwälte zu vernetzt. Eine klassische David gegen Goliath-Story, doch dies ist eine wahre Geschichte, und so wie PUNCTURE sie erzählt, fühlt sie sich auch wahr an. Es gibt keine großen heldenhaften Momente oder flammende Plädoyers, es ist ein Kampf gegen immer härtere Widerstände, und nach jedem kleinen Erfolg kommt der Rückschlag, einen Schritt vor, zwei zurück. Es schmerzt, diese Figuren immer wieder scheitern zu sehen, die Anwälte wie ihre Mandanten, die der Druck zu zermalmen droht. Vor allem Weiss, der unzuverlässig, aufbrausend, unkoordiniert ist, der die Geduld seines Partners überstrapaziert.

Chris Evans ist sensationell als Mike Weiss, er löst endlich das Versprechen ein, das er als Johnny Storm und in PUSH gab und lässt seinen fürchterlichen Auftritt im ebenso fürchterlichen CAPTAIN AMERICA - THE FIRST AVENGER vergessen. Es ist ein komplett uneitler Tribut an einen faszinierenden Unrettbaren; die Klamotte schreit mit ihren wilden Farben voller Schmerz, und Evans' Augen sind glasig, sein Gesicht koksgedunsen. Die Verzweiflung, die ihn auffrißt, als eine hilfsbereite Senatorin sich wegen seiner Sucht von ihm abwendet; die Arroganz, mit der er sich im Haus des schwerreichen gegnerischen Anwalts bewegt ("Where is that woman that opened the door for us? I am waiting for a juice") - das muß man gesehen haben. In Nebenrollen glänzen die B-Stars Marshall Bell als erschöpfter Ingenieur im wohl stärksten Auftritt seiner Karriere und ein starräugiger Michael Biehn unter Dampf. Co-Regisseur Mark Kassen gibt als Danziger seinem Partner Evans Raum, ohne unterzugehen, und Brett Cullen verfällt niemals der Versuchung, den Lobby-Anwalt zu dämonisieren.

PUNCTURE ist das Langfilmdebüt der Gebrüder Kassen, und es ist schon erstaunlich, wie sicher sie - von wenigen Stilblüten abgesehen - diese Geschichte erzählen. Ein Film, der als Justizthriller genauso mustergültig strahlt wie als Psychogramm eines kaputten Menschen. Ein kleiner Film, vielleicht; aber wer soll das entscheiden - PUNCTURE ist neben MARGIN CALL das aufregendste uramerikanische Drama der letzten Jahre, und auch MARGIN CALL war ein Debüt. Das alles macht Hoffnung.

DVD.
Die Synchro ist akzeptabel, aber empfehlen würde ich sie dennoch nicht. Technisch ist die DVD einwandfrei. Als Extras waren auch Making Of und Interviews angekündigt, die habe ich nicht finden können.








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