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KAPITELWAHL

VALERIE - EINE WOCHE VOLLER WUNDER (Tschechien 1970)

von Björn Lahrmann

Original Titel. VALERIE A TÝDEN DIVU
Laufzeit in Minuten. 73

Regie. JAROMIL JIREŠ
Drehbuch. JAROMIL JIREŠ . ESTER KRUMBACHOVÁ . JIRÍ MUSIL
Musik. LUBOŠ FIŠER . JAN KLUSÁK
Kamera. JAN CURÍK
Schnitt. JOSEF VALUSIAL
Darsteller. JAROSLAVA SCHALLEROVÁ . HELENA ANÝZOVÁ . PETR KOPRIVA . JIRÍ PRÝMEK u.a.

Review Datum. 2010-12-10
Erscheinungsdatum. 2010-08-13
Vertrieb. BILDSTÖRUNG

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. TSCHECHISCH (DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Am Diaphanen, Halbdurchsichtigen hat dieser Film einen echten Narren gefressen. Noch während des Vorspann sieht man Titelfigur Valerie (Jaroslava Schallerová) sich ihr spektakuläres Haar maskengleich ins Gesicht bürsten, mit Strähnen sich den Mund verdecken. Später dann: wehende Vorhänge, hauchdünne Schleier, aufgescheuchte Hühnerfedern. Nebel über herbstlichen Feldern, deren Ähren im Unschärfebereich zerschmelzen. Und überall Spinnweben, als wäre eine Zuckerwattefabrik explodiert. Man kommt diesem Film nicht auf den Grund, nicht ganz, immer ist etwas Zartes, Feines im Weg.

Wie kann man dennoch erzählen, was vor sich geht? Als Märchen, vielleicht. "Es war einmal ein böhmisches Dorf, da lebte die Waise Valerie mit ihrer Großmutter. Tugendhaft war sie und rein und wollte niemandem ein Arges. In ihrem dreizehntem Jahr begab es sich, dass ein Blutstropfen unter Valeries Kleidchen zur Erde fiel, worauf drei Männer in ihr Leben traten: Orlík, ein schüchterner Nachbarsjunge, der Valerie von Herzen gut war; Gracian, ein Missionar, dem beim Anblick junger Mädchen das Christliche verging; zuletzt ein furchtbarer Dämon, den alle Welt nur den Iltis nannte. Um Valeries Schönheit und Jugend entbrannte zwischen diesen Dreien ein heftiger Kampf..."

Viel weiter kommt man nicht, ohne dem Film unrecht zu tun. Die Welt von VALERIE - EINE WOCHE VOLLER WUNDER operiert nach eigenen Gesetzen, die nicht die der Logik und Schlüssigkeit, nicht mal die von Märchen, sind. Dass Wasser hier brennen kann, Tote ohne Vorwarnung unter den Lebenden wandeln und ordinäre Alltagsgegenstände sich zum Zauberding umgeweiht finden, beschreibt dabei nur die Oberfläche des Wunderbaren. Ungleich rätselhafter ist, wie Figuren scheinbar ausweglosen Todesfallen anhand eines bloßen Schnitts entgehen, oder unbemerkt vom Kellerverlies auf die Kirchturmspitze gelangen. Magische Montage! Wie Valerie selbst gleitet die Kamera durch diese in ewigem Fluss begriffene Welt mit kindlicher Seelenruhe, die niemals nach dem Warum fragt.

Als Spätausläufer gern der Tschechischen Neuen Welle zugerechnet, läutet VALERIE der Bewegung zugleich die Totenglocke. Zwar teilt Regisseur Jaromil Jireš das anarchische Bestreben seiner Bundsleute, Stil- und Geschmacksgrenzen zu sprengen, nicht aber die aufklärerische Mission, seinen Stoff um jeden Preis auf possenhafte Regimekritik hin zuzuspitzen. Mit autistischer Verzückung wildert er vielmehr im Motivspeicher der Phantastik, kreuzt mittelalterliche Sagen mit Gothic Schlock, F.W. Murnau mit Jean Rollin und baut sich so aus unzähligen Versatzstücken eine Mauer gegen die Außenwelt. Entstanden ist ein Film, der in sich selbst traumwandelt, ein hermetisches Kunstwerk, das um Vergleiche verlegen macht. (Vielleicht: das romantische Gegenstück zu Mario Bavas LISA UND DER TEUFEL.)

Subversiv sind an VALERIE nicht die wenigen offen satirischen Aspekte (etwa die Karikierung des Missionars als bigottem Lustmolch), sondern die Weigerung, bequem in angestammte Deutungsmuster hineinzupassen. Ein Beispiel, das sich aufdrängt: Die Menstruationsphantasie, die das Geschehen einleitet, dürfte so manchen Freizeitpsychologen Spalier stehen lassen. "Horror des Erwachsenwerdens", man kennt die Klischeediagnosen. Ausgerechnet über den Pubertätskamm lässt der Film sich jedoch nicht scheren: Valerie bleibt bis zum Schluss emphatisch Kind, ihr Blick auf die Welt ein diffus naiver, der unberechenbar zwischen Staunen und Schrecken changiert. Autoritätsfiguren beißen sich an diesem Mädchen buchstäblich die Vampirzähne aus; die Großmutter hat ihr ein blütenweißes Jungfernzimmer eingerichtet, doch Valerie trägt lieber schwarz. Die Signalfarbe der Unschuld hat ausgedient, legt sich vielmehr als Markierung des Todes auf die kalkbleich geschminkten Gesichter der Erwachsenen.

Alles Symbolische ist diesem Film zutiefst fremd. Symbole fordern einen Abstand zu den Dingen, den Valerie nicht besitzt; ihre Erlebnisse sind unmittelbar sinnlich und gerade deswegen so unergründlich. Wie der Titel schon sagt, sind es Wunder, keine Gleichnisse. Nicht zuletzt aus diesem Grund muss eine Konstante des modernen Horrors in dieser Welt fehlen: die neurotische Furcht vor Sexualität. Für Valerie ist jeder Kontakt auf ursprüngliche Weise erotisch; ohne Scheu verteilt sie Küsse, ergeht sich mit ihren Freundinnen in geradezu softpornoesk inszenierten Petting-Reigen in freier Natur. Als hätte der Prager Frühling nie stattgefunden, weht die arglose Freiheit von '68 durch den Film, eine gute Arglosigkeit, untermalt von hymnischen Chorälen des Komponisten Luboš Fišer. Im letzten dieser Stücke heißt es im Refrain: "Gib dein Geheimnis nicht preis." Wie um auch diese Konvention auf den Kopf zu stellen, trägt Jireš' Meisterstück sein Motto somit am Schluß.

DVD.
Von der miserablen Facets-DVD bis zum vorliegenden Luxuspaket war's ein weiter Weg. Überhaupt gehen einem, was Bildstörung betrifft, langsam die Superlative aus. Wie oft kann man einen exquisiten Transfer, ein wunderschönes Booklet voll lesenswerter Essays, einen filmhistorisch kundigen Audiokommentar nebst diversen Interviews mit Zeitzeugen und anderen Enthusiasten, einen alternativen Musik-Track sowie die CD-Beilage des göttlichen Original-Scores - wie oft kann man all dies in den höchsten Tönen preisen, bis es zur Gewohnheit wird? Egal, es sei hiermit in den höchsten Tönen gepriesen.








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