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KAPITELWAHL

MALPERTUIS (Frankreich/Belgien/Deutschland 1972)

von Björn Eichstädt

Original Titel. MALPERTUIS
Laufzeit in Minuten. 119

Regie. HARRY KÜMEL
Drehbuch. JEAN FERRY
Musik. GEORGES DELERUE
Kamera. GERRY FISHER
Schnitt. RICHARD MARDEN
Darsteller. ORSON WELLES . MATHIEU CARRIÈRE . SUSAN HAMPSHIRE . MICHEL BOUQUET u.a.

Review Datum. 2006-06-07
Erscheinungsdatum. 2005-08-30
Vertrieb. KONINKLIJK FILM ARCHIEF

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. NIEDERLÄNDISCH (DD 2.0)
Untertitel. NIEDERLÄNDISCH . FRANZÖSISCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Die Entdeckung vergessener Regiegenies ist für Filmfans eine große Freude, die heute jedoch zu einem seltenen Ereignis geworden ist. Denn die meisten Filmarchive sind durchstöbert, die obskursten Filme ausgegraben und dank der DVD einer breiten Masse zugänglich gemacht. Umso schöner allerdings, wenn dann doch einmal ein Regisseur aus den Tiefen der Vergangenheit auftaucht und den Rezipienten in helle Begeisterung versetzt. Der Belgier Harry Kümel ist so eine Ikone, die gerade mal durch einen Film, den Vampirklassiker DAUGHTERS OF DARKNESS, bei dem ein oder anderen Cineasten die Glocken klingeln lässt. Erstaunlich eigentlich, denn sein Film MALPERTUIS aus dem Jahr 1972 hat das Zeug zum uneingeschränkten Klassiker. Wohl einer der Gründe, warum das Königlich Belgische Filmarchiv gleich zwei DVDs einer umfassenden Aufarbeitung dieses Meisterstücks gewidmet hat.

Ein Haus, das das dunkle Geheimnis einer Familie birgt: Das kennen wir aus Klassikern wie HOUSE OF USHER. MALPERTUIS ist der Familiensitz des Tyrannen Cassarius, dargestellt von Orson Welles. Ein Ort an den auch Jan nicht unbedingt gerne denkt. Und so ist ein wenig Gewaltanwendung notwendig, um den Neffen des Despoten zurück in die düstere Ahnengalerie zu verfrachten. Als schließlich alle Angehörigen um ihn versammelt sind, beschließt Cassarius zu sterben, allerdings nicht, ohne sein riesiges Vermögen an die Nachkommen zu vermachen. Unter einer Bedingung: Alle müssen den Rest ihres Lebens in MALPERTUIS verbringen, nur wer am Ende überlebt, kann das Erbe antreten. Doch hier beginnt die Geschichte erst, denn das morbide Anwesen trägt mehr als ein düsteres Geheimnis in sich; und wer sich nicht wirklich mit griechischer Mythologie auskennt, benötigt lange, um die Puzzlesteine zu einem schlüssigen Bild zusammenzusetzen. Am Ende bleibt trotzdem eine Frage offen: War alles nur ein Traum?

Harry Kümel entführt den Zuschauer in eine vollkomme eigene, in sich geschlossene, surrealistische Welt. Selten hat man eine derart hermetisch abgeriegelte Traumwelt erlebt - vielleicht in Lynchs MULHOLLAND DRIVE, Bavas LISA UND DER TEUFEL oder Juan Luis Bunuels LA FEMME AUX BOTTES ROUGES. Letztere stammen aus der gleichen Zeit Anfang der 70er Jahre, doch Kümels Kunst geht noch ein ganzes Stück weiter: Der Belgier verwandelt den Roman des flämischen Fantasten Jean Ray in ein rauschendes Farbfest, in Bilder, die beispielsweise an die Werke des Fotografenduos Pierre et Giles erinnern, ohne dabei die Schlüssigkeit der zeitweise schwer nachvollziehbaren Geschichte aus den Augen zu verlieren. Denn mit jedem Schritt, den die Protagonisten in ihrer kafkaesken Traumwelt tun, erschließt sich ein weiteres Stück des MALPERTUIS-Universums. Ein Film, der irgendwann zwischen Einschlafen und Erwachen seine 24 Bilder pro Sekunde abspult, der symbolistische und mythologische Monstren erschafft und schließlich vor allem für eines steht: Die Möglichkeiten des Kinos, die heutzutage leider nur noch selten ausgeschöpft werden.

DVD.
Die DVD des Koninklijk Belgisch Filmarchief ist das, was dem Cineasten Tränen des Glücks in die Augen treibt. Keinerlei unnötige Extras wie Bildergalerien verschandeln diese Doppel-DVD, stattdessen kommen die Silberlinge mit spannenden Dokumentation über die Dreharbeiten zu MALPERTUIS, den Einsatz von Orson Welles oder die Architektur und Gebäude, die im Film eingesetzt wurden, daher. Zudem gibt es Audiokommentare von Harry Kümel auf Englisch, Französisch und Niederländisch, die - wie bereits sein Kommentar auf der Blue-Underground-DVD von DAUGHTERS OF DARKNESS - zeigen, dass hier einer am Werke war, der Film noch als Kunst verstanden hat. Eine weitere Dokumentation widmet sich Jean Ray, dem Autoren des Originalstoffs.

Wem das alles noch nicht genug ist, der kann auch noch die internationale Schnittversion des Briten Richard Marden bewundern, die sich signifikant von Kümels flämischer Version unterscheidet und 1972 in Cannes lief. Daneben gibt es noch zwei Kurzfilme von Harry Kümel aus den 60er Jahren, wobei der Streifen DE GRAFBEWAKER - nach Franz Kafka - leider nur in der niederländischen Sprachversion ohne Untertitel vorliegt, doch dieses kleine Manko kann man gut verschmerzen.

Bei einer derart umfassenden Aufarbeitung versteht es sich beinahe von selbst, dass auch Bild und Ton für das Alter des Films hervorragend sind. Bei MALPERTUIS stimmt eben einfach alles. Eine Doppel-DVD, die jeder ernsthafte Filmfan in seiner Sammlung haben sollte.











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