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GESPRÄCHE

Björn Eichstädt im Gespräch mit Harry Kümel

Harry Kümel DAUGHTERS OF DARKNESS ist ein Highlight des Horrorkinos der 70er Jahre. Sein Regisseur ist allerdings eher den Eingeweihten hierzulande ein Begriff. Doch in Belgien ist Harry Kümel eine Ikone. Er drehte unter anderem mit Orson Welles und war Professor an verschiedenen Hochschulen in Belgien und Holland.

Viele Geschichten hat Harry Kümel bereits in der Welt des Films, der er seit den 50er Jahren angehört, erlebt. Im Gespräch ist der Filmdozent im Ruhestand offen und ehrlich und hat Anekdoten zu bieten, die manchen vor Neid erblassen lassen würden. Und auch ein neues Projekt ist bereits in Planung.

Das Gespräch.

Herr Kümel, laut der Internet Movie Database haben Sie Ihren ersten Film 1953 gedreht. Mit 13 Jahren. Das Filmemachen war also schon früh ein Thema für Sie?
    Nun ja, Filmemachen ist ein großes Wort. Aber ich habe tatsächlich das Glück gehabt, dass mein Vater bereits früh eine Kamera hatte. Ich habe also kleine Filme als Amateur gedreht. Ich ging in meiner Kindheit auch schon sehr viel ins Kino. Mit einem meiner besten Freunde aus der Zeit gehe ich heute noch immer regelmäßig neue Filme anschauen. Seine Eltern hatten damals auch eine wirklich sehr gute Kamera. Und damit haben wir dann unseren ersten Film gemacht. Der ist lustigerweise auf die DVD von 99 EUROFILMS 2 aufgenommen worden, bei dem ich vor drei Jahren mitgemacht habe.

Daughters Of Darkness Der absolute Anfang also. Dann haben Sie bis in die 60er hinein für das belgische Fernsehen gearbeitet. Was haben Sie dort gemacht?
    Ich habe früh beim Fernsehen begonnen - mit 20. Ich hatte zuvor eine Menge Amateurfilme gemacht, die immer professioneller wurden. Dann bin ich zu Kurzfilmfestivals eingeladen worden und habe die Filme in Kinos zeigen können. Das hat das Fernsehen beeindruckt, denn ich war ja noch sehr jung. Es gab ja zu der Zeit noch keine Filmschule in Belgien, deshalb musste man beim Amateurfilm lernen. Parallel ist das Fernsehen in dieser Zeit immer wichtiger geworden. Ich habe dann eine Sendung über die neuen Kinofilme der Woche gemacht und auch Reportagen über Stars wie Brigitte Bardot, Claudia Cardinale oder Jack Nicholson, der total stoned war. Und natürlich Festivals wie Cannes oder Venedig besucht. So bin ich in direkten Kontakt mit der großen Kinowelt gekommen. Dann kamen Regisseure zu den Porträtierten, etwa Robert Wise, der zu der Zeit der Reportage im Jahr 1961 gerade THE HAUNTING gemacht hatte. Mit ihm habe ich mich später sehr gut angefreundet. Wie dem auch sei, ich habe zu dieser Zeit sehr viel im Filmumfeld gearbeitet und wurde dadurch langsam bekannter. Theaterverfilmungen fürs Fernsehen waren auch eine meiner Aufgaben. Und dann kamen die ersten europäischen Filmgremien nach Flandern.

Daughters Of Darkness Das war dann also die Zeit des ersten Kinofilms MONSIEUR HAWARDEN im Jahr 1968. Ich habe gelesen, dass da Rutger Hauer mitgespielt hat, mit dem Sie 1973 noch RUMPLESTILTSKIN gemacht haben, stimmt das?
    Ja, da war er tatsächlich schon dabei, also bei den Dreharbeiten. Aber wir haben ihn rausgeschnitten, damit der Film nicht zu lang wurde. Ich kenne Rutger ziemlich gut und heute finde ich es schade, dass ich seinen Teil nicht gebraucht habe. Wir haben vor kurzem das Negativ gesucht, das wäre als Extra für eine DVD toll gewesen, aber es ist leider nicht mehr da.

Etwa um die gleiche Zeit haben Sie sich selbst auch als Schauspieler betätigt. Sie standen 1970 für Claude Chabrol vor der Kamera in DER RISS.
    Ich habe damals in manchen Filmen mitgespielt, aber das waren kleine Gefälligkeiten unter Regisseuren. Da hat man eben mal eine kleine Rolle übernommen. Aber das war nicht weiter wichtig.

Und dann kam DAUGHTERS OF DARKNESS, der Film mit dem Sie bis heute von Filmfans aus aller Welt in Verbindung gebracht werden. Wie kam es dazu?
    Mein erster Spielfilm war ein Erfolg, vor allem in England und hat auch Preise bei diversen Filmfestivals Daughters Of Darkness gewonnen und sehr positive Kritiken bekommen. Ein paar Freunde von mir hatten zur selben Zeit kleine erotische Filme gemacht, die sehr erfolgreich waren. Das war natürlich unabhängig von Förderung gewesen. Sie haben mich dann gefragt, ob ich für sie einen Film in meinem Stil machen könnte, aber mit kommerzieller Handlung. Ich hatte damals zufällig die Geschichte von Elisabeth Bathory gelesen. Den Film als Kostümfilm in der damaligen Ära spielen zu lassen, wäre zu teuer gewesen. Aber die Idee, dass Gräfin Bathory noch heute durch die Welt wandelt, fand ich spannend. Jean Ferry, mein Drehbuchautor für den folgenden Film MALPERTUIS hat dann die Dialoge geschrieben. Er fand die Geschichte toll und hat sofort mitgemacht. Der Film konnte aber nur finanziert werden durch eine Co-Produktion verschiedener Länder. Meine einzige Bedingung war, dass wir den Genrefilm durch einen intellektuellen Star ausgleichen müssten. Dann haben wir Delphine Seyrig genommen, die bei Alain Resnais in LETZTES JAHR IN MARIENBAD bekannt geworden war.

Und sie hat dann gleich bei DAUGHTERS OF DARKNESS mitgemacht? Sie hatte ja immerhin mit Truffaut, Resnais, Losey und anderen Starregisseuren des damaligen Gegenwartskinos gedreht.
    Ich dachte, die würde das niemals annehmen. Aber sie fand die Idee toll und wollte unbedingt mitmachen. Wir waren ansonsten noch verpflichtet von jedem produzierenden Land Schauspieler zu nehmen. Mit den Amerikanern und Kanadiern war ich nicht so zufrieden. Toll war aber besonders Andrea Rau, die in Deutschland vorher Erotikfilme gemacht hat. Sie war sehr schön, begabt und sehr angenehm. Leider hat sie später ihre Karriere abgebrochen, ich glaube wegen ihrem Mann. Nun gut, wir hatten auf jeden Fall wenig Zeit und das Geld war auch knapp, aber wir haben den Film fertig bekommen mit dem, was wir hatten.

Wie wurde der Film dann vom Publikum aufgenommen? War er ein Misserfolg oder funktionierte er von Anfang an?
    Er war von Anfang an ein Riesenerfolg. Wir hatten 250.000 Zuschauer in der ersten Woche in Frankreich. Auch die Kritiker mochten ihn, in New York zum Beispiel. Für eine europäische Produktion war er ein Hit. Bis heute ist der Film ja ein Kultfilm, vor allem in Amerika und England.

Eine kleine Zwischenfrage: Vieles bei DAUGHTERS OF DARKNESS erinnert mich an Juan Luis Bunuel, den Sohn von Luis Bunuel. Der hat in den 70ern mit LEONOR auch einen Film über einen weiblichen Vampir gedreht, mit Liv Ullmann, immerhin ja auch eine eher intellektuelle Darstellerin. Gab es Überschneidungen mit Bunuel junior?
    Ich habe den Vater mal kennen gelernt, aber von Juan Luis Bunuel kenne ich außer dem Namen leider gar nichts. Das Werk ist mir unbekannt.

Ich dachte, dass der Bunuel-Sohn eventuell von Ihnen beeinflusst wurde.
    Ja, das habe ich von einigen Regisseuren gehört, die durch DAUGHTERS OF DARKNESS wohl beeinflusst wurden. Wobei ich das fast nicht glauben kann. Er ist schließlich kein CITIZEN KANE von Orson Welles. Arrival Of Joachim Stiller

A propos CITIZEN KANE und Orson Welles. Welche Filmemacher gefielen Ihnen denn besonders gut zu der Zeit?
    Nun, Robert Bresson ist mit Sicherheit der größte europäische Filmemacher gewesen. Sicherlich auch Luis Bunuel, vielleicht Claude Chabrol und auch Alain Resnais. Aber ich mochte doch eher die klassischen Filmemacher, nicht so sehr die Nouvelle Vague. Und dann sollte ich die Italiener nicht vergessen. An erster Stelle steht da für mich Visconti. Fellini sicherlich auch. Mit Antonioni konnte ich dann schon weniger anfangen, der war mir zu langweilig. Und von den Engländern gefiel mir auf jeden Fall Joseph Losey, der heute eigentlich fast vergessen ist. Die großen Amerikaner sollte ich nicht vergessen: Hitchcock und John Ford. Aber meine Einflüsse gehen sehr weit zurück. Bis hin zu Friedrich Wilhelm Murnau.

Arrival Of Joachim Stiller Das heißt, dass das Horrorgenre - etwa die Hammer-Filme - eigentlich nicht so Ihr Ding ist?
    Oh nein, ich interessiere mich sehr für den Genrefilm. Das dürfen Sie nicht falsch verstehen. Man muss unterscheiden zwischen dem, was man mit Spaß sieht und dem, was man für wichtig hält. Das kann manchmal zusammengehen, aber es ist nicht dasselbe. Robert Bresson und Mario Bava gefallen mir beide, aber sie bedienen ganz unterschiedliche Ebenen. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass es sich um sehr interessante Filme handelt. Das ist so, wie die Beatles mit Beethoven zu vergleichen. Das sind andere Welten. Ich mag gerne Musicals, B-Movies oder auch den fantastischen Film: FORBIDDEN PLANET habe ich zum Beispiel in meiner Kindheit gesehen. Das war ein toller Film und ist ein toller Film geblieben. Aber die Ebenen muss man schon einhalten.

Ein Kampf, den die fantastischen Filme, B-Movies oder auch Horrorfilme zu kämpfen hatten, war ja der gegen die Zensur. Auch DAUGHTERS OF DARKNESS musste darunter leiden. Wie stehen Sie zu diesem Thema?
    Das war in jener Zeit einfach so. Man konnte damals bestimmte Dinge nicht zeigen, die heute lächerlich sind. Die amerikanische, stark geschnittene Version war sehr erstaunlich, die habe ich erst vor ein paar Jahren gesehen. Da hat man den Filmen wirklich nichts Gutes angetan. Heute kann man das per DVD rekonstruieren. Ich habe nur Angst, dass fundamentalistische Idioten wieder an die Macht kommen, dann könnten wir solche Verhältnisse natürlich kommen.

Nach DAUGHTERS OF DARKNESS drehten Sie MALPERTUIS mit Orson Welles in der Hauptrolle. Wie sind Sie an ihn herangekommen?
    Wir haben gefragt, er hat gesagt wie viel er will und wir haben nicht gehandelt.

So einfach ging das also. Warum haben Sie Welles damals gewollt?
    Wir hatten ein paar Möglichkeiten. Eine war John Houston, eine andere Peter Ustinov. Und wir haben schließlich Orson Welles gefragt. Er brauchte damals Geld und musste nicht lange überredet werden. Er hat dem Produzenten einen Preis genannt und bekam jeden Abend einen Umschlag mit Geld nach dem Dreh. Das können Sie auch auf der belgischen DVD im Bonusmaterial sehen.

Malpertuis Wie war denn die Erfahrung mit Orson Welles beim Dreh?
    Das war ein sehr unangenehmer Mann. Vor allem war seine Vorstellung vom Kino 20 Jahre alt. Er war außerdem ständig betrunken. Er war eindeutig ein Alkoholiker. Ich hatte in diesem Film große Schauspieler, die sehr aufgeregt waren, weil sie mit Orson Welles drehen konnten. Nach einer Viertelstunde wollten sie alle nie wieder mit ihm drehen. Weil er auch dauernd getrunken hat, konnte er nicht das Tempo oder den Tonfall halten. Er wollte sich selber nachsynchronisieren. Das war keine professionelle Art. Man hatte keine Lust das noch mal mit ihm zu machen. Es war sehr enttäuschend. Da kam der Mann, der CITIZEN KANE und THE MAGNIFICENT AMBERSONS gemacht hatte. Und dann war der wirklich schrecklich und auch sehr verbittert. Ich habe ja auch Robert Wise sehr gut gekannt, der mit Welles gearbeitet hatte. Und der hätte eigentlich nie was Schlechtes über jemanden gesagt. Aber Welles mochte er auch nicht. Ich persönlich hatte nicht so viele Probleme mit ihm, aber im Team ging es nicht.

Malpertuis Also war er persönlich schon in Ordnung?
    Oh ja, man konnte toll mit ihm Essen gehen. Er kannte tausende toller Geschichten. Er war unheimlich lustig, aber am Set nicht. Es war ein bisschen traurig, aber auch sehr unangenehm in vielen Situationen. Fast tragisch. Ich hatte auch Verständnis für ihn, aber er hat sich vieles in seiner Karriere durch seine Art auch selber verdorben.

Nach MALPERTUIS wurde es ja etwas stiller, Sie haben noch ein paar Filme gedreht, aber dann hörte man nicht mehr so viel von Ihnen?
    Nun ja, THE ARRIVAL OF JOACHIM STILLER, den es in Belgien nun auch auf DVD gibt, war meiner Meinung nach ein fantastischer Film. Eine magisch-realistische Geschichte. Der Schriftsteller der Vorlage, Hubert Lampo, war ein sehr bekannter Mann in Flandern. Er wollte speziell mich, um die Geschichte zu verfilmen. Aber danach machte ich weniger Spielfilme.

Malpertuis Dann waren Sie Professor für Filmwissenschaft.
    Genau, sowohl in Holland an der Filmakademie als auch in Brüssel.

Filme haben Sie aber nicht mehr gemacht?
    Doch doch! Allerdings war das meiste fürs Fernsehen und ich habe auch viele Commercials gedreht. Das habe ich vor allem gemacht. Ich gelte in Belgien als Spezialist für Digitalfilm. Im kommerziellen Bereich hat man natürlich finanziell ganz andere Möglichkeiten.

Aber hat es Sie nicht gereizt noch mal einen großen Spielfilm zu drehen?
    Oh doch. Aber die Freiheiten waren lange nicht vorhanden. Wenn ich ans Set komme, dann weiß ich was ich will. Das Unglück des Europäischen Kinos ist, dass wir keine Produzenten haben, die den Namen wert sind. Das Problem sind die Filmgremien und Fördergesellschaften. Ich werde keinen Film drehen, wenn ich nicht das machen kann, was ich will. Wenn ein Film schief geht, dann ist bei uns der Regisseur schuld, nicht der Produzent oder die Schauspieler. Bis ich alles in der Hand habe, werde ich nichts mehr machen, das habe ich mir geschworen. Jetzt bin ich seit einem Jahr an einem neuen sehr großen Filmprojekt dran. Ich hoffe, dass ich den Film im folgenden Jahr drehen kann. Er wird L'UNION FAIT LA FORCE heißen.

Wenn Sie jetzt wieder ins zeitgenössische Filmgeschehen eingreifen, eine letzte Frage: Welche aktuellen Regisseure gefallen Ihnen besonders gut?
    Ang Lee finde ich sehr gut. Der letzte Film BROKEBACK MOUNTAIN war allerdings nicht so toll. Dann sicherlich David Lynch absolut und ohne jeden Zweifel. Und Sam Mendes finde ich auch interessant, vor allem wegen AMERICAN BEAUTY. Der ist allerdings sehr auf gute Drehbücher angewiesen. Wie eigentlich alle Regisseure. Und in Europa mag ich auf jeden Fall Pedro Almodóvar.




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