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KAPITELWAHL

LOVESICK: SICK LOVE (Großbritannien 2004)

von Mirco Hölling

Original Titel. LOVESICK: SICK LOVE
Laufzeit in Minuten. 90

Regie. WOLFGANG BÜLD
Drehbuch. WOLFGANG BÜLD
Musik. TOM DOKOUPIL
Kamera. UWE BOHRER
Schnitt. nicht bekannt
Darsteller. FIONA HERSEY . PAUL CONWAY . WILLIAM ROWSY . JESSICA BARNES u.a.

Review Datum. 2005-03-13
Erscheinungsdatum. 2005-03-17
Vertrieb. EPIX MEDIA AG

Bildformat. 1.85:1 (anamorph)
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1/DD 2.0) . ENGLISCH (DD 5.1/DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Wolfgang Büld hat eine sehr bewegte Lebens- und Filmgeschichte hinter sich. Alles begann mit seinem noch heute legendären Abschlussfilm PUNK IN LONDON, in dem er 1977 die frühe Punkszene in London beobachte. Neben Bandaufnahmen mit später bekannten Acts, wie The Jam oder The Clash oder auch in der Versenkung verschwundenen Bands wie The Jolt oder X-Ray-Spex zeigte er die Szene zu einem Zeipunkt, als es noch keinen Dresscode gab und die ganze Rohheit und Unbestimmtheit der Bewegung zu spüren ist. Punks mit langen Haaren und Schnauzbart (!) sieht man in PUNK IN LONDON zu Hauf. Büld war selber Punk und bekam dadurch Zugang zu Insidern und Bands, was auch seine späteren Musikfilme über die Punkszene und Post-Punkszene möglich machte. So filmte er als einziger das legendäre Münchner Konzert der Clash, wobei er Joe Strummer noch Asyl in seiner Wohnung gewähren musste, da dieser im Hotel randaliert hatte. Es folgte der wunderbare BRENNENDE LANGEWEILE, in der ein junger Mann aus Wuppertal den Adverts folgt, weil er unsterblich in die bildhübsche Gaye Advert - Bassistin und seinerzeit Love-interest der gesamten männlichen Szene - verliebt war. Punk 1978 in der deutschen Provinz. Kaum einer war schneller. Mit BRITISH ROCK und WOMEN IN ROCK (beide 1980) schlossen sich Filme an, die den Übergang zur New Wave dokumentierten.

Deutsche Produzenten wurden durch seine erfolgreichen Musikdokus auf ihn aufmerksam und boten ihm GIB GAS, ICH WILL SPASS an. Die Neue Deutsche Welle begann sich gerade zu kommerzialisieren und man suchte jemanden, der Musik- und Spielhandlung verbinden konnte. GIG GAS ist wohl bis heute in jeder Trash-Top-100-Liste Deutschlands zu finden. Mit dem Formel-1-Film und dem überaus erfolgreichen MANTA MANTA folgten weitere Filme der leichten Kost. Büld war plötzlich abonniert auf Teenie-Komödien, eine Richtung, die er nie einschlagen wollte, aber in der deutschen Filmlandschaft der 1980er Jahre gab es kaum Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Privat eng mit Eckhard Schmitt und Klaus Lemke befreundet, machte er die Leopoldstraße unsicher und legte mit Filmen wie BERLIN NOW (mit den Einstürzenden Neubauten) oder JAPLAN (über die Japantour von Der Plan) den Beweis ab, dass er es noch konnte. Beruflich jedoch wurde er auf die leichte Muse festgelegt. Anfang der 1990er Jahre frönte er seiner Leidenschaft für Country und produzierte die einfühlsame Doku I'LL NEVER GET OUT OF THIS WORLD ALIVE über Hank Williams jr. Nach DER TRIP und der Fernsehserie UND TSCHÜSS hatte Büld endgültig die Nase voll und nahm sich vor, endlich das zu drehen, was er seit den 1970er Jahren immer machen wollte: Explotation Movies. Seine Vorbilder waren jeher Russ Mayer, Jess Franco, Brian de Palma aber auch Joseph von Sternebrg etc. Hier wollte er anknüpfen.

Es folgte PENETRATION ANGST, der viele Irritationen auslöste. Wieso ein B-Movie ohne Goreeffekte das aber auch kein Arthauskino ist? Es gab viel Sex, aber kein Hardchore. Der Film schien nicht Fisch nicht Fleisch. Diejenigen, die noch die alten Streifen von Franco & Co in Erinnerung hatten (und liebten) fanden den leichtesten Zugang zu diesem Film, der voller kruder Momente, wildem Humor, Bondage und Soft-S/M und der sexy Hauptdarstellerin Fiona Horsey war.

PENETRATION ANGST stellte fast einen Befreiungsschlag dar. Als wolle Büld es allen zeigen. Sein letzter Film LOVESICK: SICK LOVE nun schlägt da deutlich ernstere Töne an. Mehr als Kammerspiel angelegt (fast alles spielt in einem tutigen alten Hotel in England) wird hier eine Rache- und Intrigengeschichte erzählt, in der erst die Hauptdarstellerin Julia (wieder Fiona Horsey), dann der Hauptdarsteller Michael (Paul Conway; PENETRATION ANGST) die angeschmierten sind. Es geht um sexuelle Unterdrückung, erzwungen Liebe, Verrat und perverse Spiele von sexuell unausgereiften Menschen. Zuerst verführt Julia Michael um Geld für die Drogensucht ihres Freundes Istvan (William Rowsey) zu bekommen, Michael wiederum narkotisiert Julia um sie dann mit einer DV-Kamera gegen ihren Willen (und ohne ihr Wissen) zu "verführen". Alle verlieren langsam die Kontrolle und es gipfelt in einem Showdown mit viel Ketten auf nacktem Fleisch.

Büld zeigt in LOVESICK: SICK LOVE eine Welt, die schmutziger nicht sein könnte. Alle Charaktere haben ganz schwer einen an der Marmel und sind entweder voller unterdrückter sexueller Aggression oder Heimtücke und Intrigantentum. Jeden Augenblick erwartet man, das ziegenbärtige Gesicht Jess Francos um die Ecke luschern. Der Tonfall ist jedoch zurückgenommener als in PENETRATION ANGST. Krude Einfälle sind zwar vorhanden, aber die ernsthafte Thrillerhandlung steht im Vordergrund, getragen durch das gute Ensemble, allen voran Fiona Horsey und Paul Conway. LOVESICK ist ein schwüler Psychothriller mit Exploitationverwandschaft.

Die Production Values sind dem Budget angemessen. LOVESICK ist eine kleine Produktion. Hier wird Independentkino gemacht. Die Settings, vor allem das Hotel in Margate, sind zwar recht üppig und passend, große CGI-Spielereien etc. darf man jedoch nicht erwarten. LOVESICK ist Schmuddelkino ohne Schmuddellook. Da lacht das Herz des Exploitation-Fans, wer Gorefeste sucht sollte sich jedoch lieber an leblosen US-Splatter oder Ittenbach & Co halten.

LOVESICK wird - wie sein Vorgänger - geliebt und gehasst werden. Büld weiß das und macht trotzdem weiter. Er dreht gerade seinen neusten Film in Hamburg und Dänemark (Arbeitstitel FINAL CUT, eine Story irgendwo zwischen DRESSED TO KILL und SISTERS) Wie gut, dass es sie in unsrem Land noch gibt: die Independents, die die große Lücke des Herrn Buttgereit schließen wollen und Filme vorlegen, die sich nicht auf den Massen- oder Fangeschmack stürzen und ihre ganz eigene Story erzählen wollen.

DVD.
Die DVD kommt in einer einwandfreien Qualität daher, allerdings wäre auch alles andere -angesichts der nigelnagelneuen Vorlage - eine Enttäuschung gewesen. Das Bild ist scharf und frei von Störungen oder Verschmutzungen jeglicher Art. Ein ganz großes Lob geht an die Ersteller der Synchro, welche wirklich sehr gut gelungen ist, bei Filmen dieser Preisklasse nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Die Tonspuren an sich unterscheiden sich qualitativ nicht sonderlich, nur bei den musikintensiven Stellen ist im 5.1 Format etwas mehr Druck auszumachen. Allerdings ist LOVESICK: SICK LOVE auch kein Film, bei dem der Ton groß ins Gewicht fällt, da der Schwerpunkt eher auf Dialog als auf Getöse liegt. In der Extra - Abteilung findet man Trailer & Teaser zum Film, diverse Trailer zu Filmen des Anbieters, eine Foto - Galerie und ein ca.20minütiges, recht informatives und auch ziemlich ulkiges Making Of, welches uns eine gutgelaunte, augenscheinlich äußerst motivierte Crew und den Regisseur vorstellt, der sich als äußerst symphatischer Geselle entpuppt, von dem man sich noch viele weitere so tolle Filme wünscht.








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