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GEDRUCKTES IST TOT

IM ANGESICHT DES VERBRECHENS. FERNSEHARBEIT AM BEISPIEL EINER SERIE. (2010, 1. Auflage)
von Björn Lahrmann

Original Titel. IM ANGESICHT DES VERBRECHENS. FERNSEHARBEIT AM BEISPIEL EINER SERIE.
Seiten. 392

Autor. DOMINIK GRAF . JOHANNES F. SIEVERT

Review Datum. 2011-01-28
Erscheinungsdatum Deutschland. 2010-11-01
Verlag. ALEXANDER VERLAG

Erscheinungsformat. PAPERBACK
Sprache. DEUTSCH

Die großen Interviewbände des Kinos - Truffauts HITCHCOCK, Bogdanovichs WELLES, Crowes WILDER - sind, gewollt oder nicht, Legendenbildungsmaßnahmen. Sie erzählen von prometheischen Schöpfern in kreativen Blasen oder, wenn so etwas wie ein Produktionsapparat hinter ihnen diffus aufscheint, mindestens sattelfesten Autokraten. Das vorliegende Buch schafft es nicht gänzlich, dieser Tendenz auszuweichen, versucht aber immerhin sein bestes. Das fängt damit an, dass es im Grunde keinen klar benennbaren Autor bzw. Sprecher gibt; Dominik Graf steht zwar dick vorn drauf, schließlich geht es um "seine" Serie IM ANGESICHT DES VERBRECHENS, allerdings ist er längst nicht der einzige, der zu Wort kommt.

Filmemachen wird hier ausnahmsweise nicht als genialische Zauberei gefasst, sondern - der bescheidene Untertitel kündigt es an - als vielgliedriger Arbeitsprozess. Die Interviews, geführt von Grafs ehemaligem Schüler Johannes F. Sievert, stecken die wichtigsten Etappen desselben demokratisch ab: Drehbuch, Kamera, Schauspiel, Schnitt, Musik, Bühnenbild, Produktion. Der Regisseur nicht oben drüber, sondern mittenmang, als Arbeiter unter Mitarbeitern. Freilich hat Graf trotzdem den größten Redeanteil, 200 von 300 großformatigen Seiten, aber was soll man machen: Der Mann ist nun einmal der neben Christian Petzold interviewbarste Mensch im derzeitigen deutschen Kinobetrieb. Dass man viele seiner Positionen bereits von anderswo kennt (siehe hier), sich so manche Thesen mit der Zeit auch sermonisch vervielfältigen, tut dem Genuss seiner blumig-enthusiastischen Artikulationskunst keinen Abbruch.

Von einem Auftritt Akira Kurosawas an der Münchner Filmhochschule berichtet Graf, der große Sensei habe auf Fragen, die Basaleres betrafen als den metaphysischen Gehalt seiner Werke, latent sauertöpfisch reagiert. Die Anekdote beschreibt das exakte Gegenteil der Herangehensweise, die dieses Buch verfolgt: Sievert drängt seine Interviewpartner immerzu darauf, ihre Arbeit in einem technischen, ökonomischen und historischen Zusammenhang zu denken. Was bedeutet es, hier und heute im deutschen System Genrefilme zu drehen? Welche Realisierungsmöglichkeiten bieten sich, was ist richtig daran, was falsch, was nicht zu ändern? Welche Schritte liegen zwischen Idee und Premiere, und wie geht man sie, ohne sich die Haxen zu brechen?

Natürlich bekommt man von Graf nebenbei die obligatorisch vollmundigen Scheltreden zu hören: auf gedankenlose Digitalisierung, filmhochschulische Verbildungspraktiken, dramaturgische Publikumsgängelei, zwangsneurotische Keimfreiheit des Audiovisuellen. Im Vordergrund aber steht, was sonst im Hintergrund bleibt: Handwerk und Logistik des Metiers. Besonders aufschlussreich sind die plastischen, mit leichtem Malocherstolz unterfütterten Beschreibungen aus dem Dreh-Alltag, die Routinen und Probleme, die sich über Jahre und Jahrzehnte zu gleichen scheinen und somit durchaus - zweites wichtiges Titelwort - als beispielhaft gelten können. Insofern funktioniert dieses schöne, dicke Buch nicht bloß als Kaffeetischzierde für Fans der Serie, sondern zugleich als hochaktueller Werkstattbericht hiesiger Bilderproduktion.


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