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GEDRUCKTES IST TOT

SCHLÄFT EIN LIED IN ALLEN DINGEN. TEXTE ZUM FILM (2009, 1. Auflage)
von Björn Lahrmann

Original Titel. SCHLÄFT EIN LIED IN ALLEN DINGEN. TEXTE ZUM FILM
Seiten. 376

Autor. DOMINIK GRAF (HRSG. V. MICHAEL ALTHEN)

Review Datum. 2010-01-07
Erscheinungsdatum Deutschland. 2009-10-01
Verlag. ALEXANDER VERLAG BERLIN

Erscheinungsformat. PAPERBACK
Sprache. DEUTSCH

Als der vom Kritiker zum Regisseur gereifte François Truffaut Mitte der 70er eine Anthologie seiner Cahiers-Texte veröffentlichte, beschränkte er seine Auswahl auf positive Rezensionen, mit der Begründung, die einstmals verschmähten Filme würden unterdessen eh kein Schwein mehr interessieren. Dominik Graf, als Regisseur unter die Kritiker gegangen, hält das ganz ähnlich, wenn auch aus exakt gegenteiligen Motiven: Seine Liebe gilt gerade den Verschmähten und den Schweinen, den zu früh oder zu spät Gekommenen, denen, die durchs Gitterrost der offiziellen Bestenlisten gerutscht sind: Proto-New-Hollywood-Recken wie Robert Aldrich und George Roy Hill; Nouvelle-Vague-Nachzöglinge wie Jean Eustache und Claude Sautet; DTV-Schmutzfinken wie Wolfgang Büld; oder Nicolas Roeg, der immer und überall zwischen den Stühlen stand und von Graf, hat man den Eindruck, schon deswegen am allermeisten bewundert wird.

Alles eine Frage der Sozialisation: Graf ist, professionell, aber auch als Zuschauer, in den 80ern groß geworden, einer Zeit, da im Kino nun wirklich alles gescheitert war, was irgend konnte, das Studiosystem, der Autorenfilm, sogar die Bahnhofskinos lagen brach. Vormalige ästhetische wie ideologische Stützpfeiler waren samt und sonders weggebrochen, egal, ob es sich dabei um nachträglich geadelte Auteurs à la Ford und Hitchcock, CITIZEN KANE, Godard oder Wenders handelte. Neue (Vor)Bilder mussten her, Bilder, die Leben und Energie und auch Abgefucktheit transportieren konnten jenseits totgenormter Oscar-Theatralität und der egozentrischen Mühseligkeit der Avantgarde. Graf fand sie (und findet sie in seinen Texten aufs Neue) vor allem im Genrefilm, im Noir, im Splatter, im Giallo und Poliziotteschi, bei Carpenter und Cronenberg. Er singt Elogen auf das Raue und Ungeschliffene, den Schund und die Schlamperei, und Romy Schneiders trauriges Lächeln entlockt ihm ähnlich verzückte Seufzer wie das blutige Psychopathengrinsen von David Hess.

SCHLÄFT EIN LIED IN ALLEN DINGEN umreißt eine alternative Filmgeschichte, an deren Rändern man am liebsten sofort mit Finger und Auge entlang fahren möchte. Der von Michael Althen herausgegebene (und mit einem schönen Vorwort versehene) Band kompiliert in erster Linie Grafs versprengte DVD-Kritiken aus der FAZ und zeugt – neben einer aller Verpflichtung enthobenen Lust am Gelegenheitsschreiben – von einer genuinen Begeisterung fürs Medium, das jene Freiheit erst ermöglicht: Der Online-Store als Portal in eine Paralleldimension weit abseits des Mainstream-Kosmos. Letzterer schwingt in den Texten immer mit, als Negativfolie, vor der Graf die besprochenen Filme, aber auch seine eigene Arbeit verstanden wissen will. Die akkurate Ödnis gesamtdeutschen Qualitätskinos, sein verklemmt hysterischer Umgang mit Sex und Gewalt, seine Sperrmüllmentalität, was Genremuster betrifft: all dies wird bei Graf zum produktiven Hindernis, das es zu überwinden, zur fundamentalen Lüge, der es ein Stück Wahrhaftigkeit abzutrotzen gilt.

Das Credo seiner Filme liegt auch den besten seiner Texte zugrunde: Sie sind getrieben von ansteckender Euphorie, nehmen Unsauberheiten in Kauf, wirken teils improvisiert und darum lebendig. Enzyklopädisches Faktenwissen mischt sich in ihnen mit selbstironischem Privatkolorit, Härte mit Melancholie im genau richtigen Verhältnis: Sie sind zärtlich, ohne seifig zu sein, kompromisslos, aber nie infam. Wo es darauf ankommt, Überblick zu gewähren, ist Grafs Bildsprache klar und luzid, neigt aber durchaus zur lyrischen Eruption, wann immer Details oder Einzelszenen in den Zoom geraten; hier fusioniert ein beruflich geschulter Scharfblick aufs Allerschönste mit intuitiver Beschreibungsgabe. Aufgeteilt nach Produktionsländern, entwirft das Buch so eine cinephile Kartografie, Historiografie, Biografie, oder schlicht und einfach: Grafografie. Wenn Schreiben über Film, zumindest in den besten Fällen, so etwas ist wie ein Nachbeben der Affekte, die einen im Kino durchzuckt haben, dann schlägt die Richterskala bei Dominik Graf ziemlich weit aus.


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