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WIR SIND DIE NACHT (Deutschland 2010)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. WIR SIND DIE NACHT
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. DENNIS GANSEL
Drehbuch. JAN BERGER . DENNIS GANSEL
Musik. HEIKO MAILE
Kamera. TORSTEN BREUER
Schnitt. UELI CHRISTEN
Darsteller. KAROLINE HERFURTH . NINA HOSS . JENNIFER ULRICH . ANNA FISCHER u.a.

Review Datum. 2010-11-02
Kinostart Deutschland. 2010-10-28

Für das, was an WIR SIND DIE NACHT gut ist, muss man sich wahrscheinlich bei Stephenie Meyer bedanken. In den Neunzigern hatte Regisseur Dennis Gansel (NAPOLA, MÄDCHEN, MÄDCHEN) einen Traum: Er wollte einen Vampirfilm drehen. Aus dem Traum wurde das Drehbuch "The Dawn", das aber lange Zeit niemanden mit Geld interessierte. Nach dem Erfolg von TWILIGHT - BISS ZUM MORGENGRAUEN und Konsorten sah das plötzlich anders aus. Leider - oder eben zum Glück - stellte man fest, dass "The Dawn" inhaltlich zu nah an Meyers Werk war. So schmiss man alles Twilightige raus, und aus "The Dawn" wurde WIR SIND DIE NACHT (umgeschrieben von Jan Berger). Ein sicherlich sehr modischer Film, dem man aber immerhin nicht vorwerfen kann, den aktuellen Kuschelvampir-Trend zu befeuern.

Die junge Lena (Karoline Herfurth) lebt in Verhältnissen, wie wir sie von Sido und Super-Nanny kennen. Ihr Geld verdient sie mit Diebstahl. Als sie der eleganten und mütterlichen Vampirin Louise (Nina Hoss) die Börse klaut, verliebt diese sich in das Lausemädchen, beißt zu und führt Lena in die Vampirgesellschaft ein, die in erster Linie aus ihr selbst und ihren beiden anderen Geschöpfen besteht: der aufgekratzten Nora (Anna Fischer) und der muffeligen Charlotte (Jennifer Ulrich). Zuerst wirkt alles wie ein einziger großer Spaß ohne Reue. Shoppen und Essen gehen, schnelle Autos fahren, Zuhälter töten, Spießer verschrecken. Girls just want to have fun, und Fun ist ein Blutbad. Bald treiben die drei älteren Blutsaugerinnen es für Lena aber zu bunt, und sie möchte aus der Sache raus. Das ist jedoch gar nicht so einfach bei Louises Anhänglichkeit, zumal inzwischen auch noch die Polizei den Damen auf der Fährte ist.

Männliche Vampire gibt es nicht in der Welt von WIR SIND DIE NACHT. Sie haben sich über die Jahrhunderte als zu dumm zum Überleben herausgestellt. Als feministisches Statement ist das freilich so plump und anbiedernd, dass sich das nur ein Mann ausgedacht haben kann. Nicht, dass man männliche Figuren hier vermissen würde. Im Gegenteil: Man wünscht sich, die Handlung hätte auch auf Seiten der Sterblichen auf sie verzichtet. Die einzige nennenswerte männliche Rolle ist der junge Kommissar Tom Serner, der wie die Soap-Vorstellung eines Sozialarbeiters geschrieben ist und von Max Riemelt auch so gespielt wird. Selbstverständlich verliebt er sich in Lena und umgekehrt. Das Techtelmechtel spielt sich dankenswerterweise nur am Rande ab. Mutiger und konsequenter wäre es gewesen, ganz auf die obligatorische Hetero-Liebesgeschichte zu verzichten und stattdessen die Geschichten von Louise, Charlotte und Nora zu vertiefen. Die scheinbar besonnen agierende aber romantisch motivierte Louise umreißt zwar in ein paar Sätzen ihre Biografie und die damit verbundenen Wunden, aber richtig zu spüren ist ihr Schmerz nie. Nora, die auf einer Loveparade gebissen wurde und rein rechnerisch "krasse 37" wäre, ist noch immer ein quirliges Rave-Mädel und im Film kaum mehr als die, die für die flotten Sprüche zuständig ist (Trefferquote fifty-fifty). Charlotte ist gleichzeitig die, die zunächst am wenigsten auffällt, und die, die schließlich am sympathischsten ist. Beides liegt daran, dass sie von allen am wenigsten quatscht. Sie ist die einzige, deren Geschichte ansatzweise ergreifend erzählt wird. Zum Vampir wurde sie als Starlet in der Stummfilmzeit, als sie gerade mit Mann und Kleinkind eine Familie gegründet hatte, der sie nun freilich entsagen musste. Leider bringt der Film einen Charlotte erst spät nahe, sie hätte einen Platz dichter am Handlungsmittelpunkt verdient. Immerhin verdankt der Film ihr seinen einzigen wirklich zu Herzen gehenden (Miesepeter könnten sagen: kitschigen) und unerwarteten Moment.
Das ist neben der oberflächlichen Figurenzeichnung das zweite größere Problem von WIR SIND DIE NACHT: der Film bewegt sich zwar flott, aber fast ausschließlich in vorhersehbaren Bahnen. Mädchen wird von Vampiren verführt - Mädchen und Vampire haben eine coole Zeit - Vampire stellen sich als doch nicht so cool heraus - Mädchen und Vampire werden Feinde - die Bösen gehen in Flammen auf - Ende. Wer da nicht jede Wendung vorhersieht, hat vermutlich noch nie einen Vampirfilm gesehen. Oder überhaupt einen Film.

WIR SIND DIE NACHT punktet schließlich mit mehr als sauberem Handwerk und dem kleinen Mut, seinen Vampiren nicht die Zähne zu ziehen. Dass ein deutscher Mainstream-Film heutzutage picobello aussieht, wird nur Menschen verwundern, die seit dem Ende der SCHULMÄDCHEN-REPORT-Reihe sich nicht mehr groß für deutsches Kino interessiert haben. Dass in einem deutschen Vampirfilm aber auch die genrespezifischen Schmier- und Spritzeffekte vom Feinsten sind, verblüfft dann doch, schließlich hat man dafür hierzulande ansonsten wenig Verwendung. Mit der gönnerhaften Feststellung, die Spezialeffekte bräuchten den internationalen Vergleich nicht zu scheuen, ist es noch nicht mal getan. Bisweilen fragt man sich, wo man sowas international zuletzt so gut gesehen hat.
Beim Make-up ist mehr noch als das Monströse eine ganz menschliche Wandlung hervorzuheben. Am Anfang des Films steht Lena der Plattenbau ins Gesicht geschrieben. Eine Zwanzigjährige, die auf die Sechzig zugeht. Ein paar Schluck Blut und eine Typberatung später ist Aschenputtel als Cinderella kaum wiederzuerkennen.
Die verinnerlichte Streber-Phrase, dass das, was man nicht sieht, viel unheimlicher sein kann als das, was man sieht, ist zwar gut geeignet um Pädagogen und Freundinnen zu beschwichtigen. Der aufrichtige Horrorfreund aber weiß, dass das so einfach nicht ist. Es gibt filmische Momente, die erfordern Fingerspitzengefühl und vorsichtige Andeutungen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Und es gibt Momente, die kommuniziert man am besten mit Eimern voller Blut und Eingeweiden und wildem Geschrei. Dennis Gansel weiß das und hat ein paar Eimer mitgebracht. Das ist sehr erfrischend in der deutschen Filmlandschaft. Mitunter hätten es aber noch ein paar Eimer mehr sein dürfen. Etliche Horrorszenen sind wohltuend ungezügelt, aber vor Erreichen echter, hemmungsloser Wildheit, wie sie diesem Film gut getan hätte, wird doch immer auf den letzten Metern halt gemacht.

Man kann WIR SIND DIE NACHT mit dem Gefühl verlassen, sich anständig unterhalten zu haben. Ohne Erkenntnisgewinn zwar, aber auch ohne Gehirnzellenschwund. Man darf nur nicht den Fehler begehen, hinterher noch eine Folge TRUE BLOOD als Absacker zu sich zu nehmen. Allzu schnell wird einem dann bewusst, gerade die doppelte Portion Drama, Horror und Humor in der Hälfte der Zeit bekommen zu haben, von der überlegenen Originalität der Plots und Figuren ganz zu schweigen. Aber vielleicht ist es unfair deutsches Kino und amerikanisches Fernsehen zu vergleichen. Womöglich müssen hier doch Entwicklungslandstandards angesetzt werden. Und da könnte man gönnerhaft sagen: Aus WIR SIND DIE NACHT lässt sich unter Umständen etwas entwickeln.











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