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WAS PASSIERT, WENN'S PASSIERT IST (USA 2012)

von Peter Vignold

Original Titel. WHAT TO EXPECT WHEN YOU'RE EXPECTING
Laufzeit in Minuten. 110

Regie. KIRK JONES
Drehbuch. SHAUNA CROSS . HEATHER HACH
Musik. MARK MOTHERSBAUGH
Kamera. XAVIER PÉREZ GROBET
Schnitt. MICHAEL BERENBAUM
Darsteller. CAMERON DIAZ . JENNIFER LOPEZ . ELISABETH BANKS . CHACE CRAWFORD u.a.

Review Datum. 2012-08-13
Kinostart Deutschland. 2012-08-16

Jeder, der das Pech hatte, in einer Vorstellung von PROJECT X zu landen, kennt mindestens drei gute Gründe, keine Kinder mehr in diese Welt zu setzen. WAS PASSIERT WENN'S PASSIERT IST sieht das völlig anders. Hier ist Reproduktion alles, worum es sich im Leben dreht, und wer dabei nicht mitspielen will, kann sich bitte verpissen. Richtig verwundern tut das nicht, wenn man in Rechnung stellt, dass es sich bei der gleichnamigen Vorlage um einen vor 25 Jahren veröffentlichten und seitdem fast 15 Millionen Mal verkauften Schwangerschaftsratgeber handelt. Alarmierend ist es trotzdem, und das gleich aus mehreren Gründen.

Auf die Mutlosigkeit zeitgenössischer Filmproduzenten, die sich lieber auf Brettspiele oder einen mit erfolgreicher Schwangerschaft befassten Topseller der konservativen Reagan-Ära stürzen, statt ihr Geld mit frischen Stoffen unnötig zu riskieren, soll dabei gar nicht eingegangen werden. Immerhin, das muss man WAS PASSIERT WENN'S PASSIERT IST lassen, liegt dem Film eine ähnlich mutige Idee zugrunde, die aus Spike Jonzes ADAPTATION (2002) eine charmant-clevere Metareflektion über die Tücken der Literaturverfilmung gemacht hat: die pure Erkenntnis, dass man unverfilmbare Stoffe manchmal besser nicht verfilmen, sondern sein eigenes Ding daraus machen sollte. Auch Kirk Jones und Shauna Cross haben sich den zu adaptierenden Stoff zu eigen gemacht und aus dem Ratgeber einen episodisch erzählten Ensemblefilm gestrickt, in dem fünf Paare in Atlanta, Georgia, viermal gewollt und einmal versehentlich dem vermeintlichen Elternglück mit unterschiedlichem Enthusiasmus entgegensehen. Leider ist Shauna Cross kein Charlie Kaufman, so dass ihr Drehbuch trotz vergleichbarer Grundvoraussetzungen bei einem in Form und Inhalt deutlich konservativeren Ergebnis landet.

So bemüht man sich um Variantenreichtum: ist es bei den konkurrierenden Imbissverkäufern Rosie (Anna Kendrick) und Marco (Chace Crawford) der stürmische One-Night-Stand mit ungewollten Folgen, der jedoch zu einer Fehlgeburt führt, kann Holly (Jennifer Lopez) ums Verrecken nicht Schwanger werden, so dass als letzter Ausweg nur noch der Lebendimport aus dem fernen Äthiopien in Frage kommt. Anderswo gerät Gary (Ben Falcone) in einen ungewollten Schwanzvergleich mit seinem überdominanten Vater Ramsey, dessen deutlich jüngere Frau Skyler (Brooklyn Decker) mit nicht nur ein Ungeborenes - so wie Garys Frau Wendy (Elizabeth Banks) - sondern gleich Zwillinge unter dem Bauch trägt. Und irgendwo dazwischen gibt es noch Jules (Cameron Diaz), die trotz Babybauch ihre Karriere als Moderatorin einer Reality TV Show zu verfolgen versucht. Natürlich sind alle irgendwie miteinander verwandt, verschwägert, oder rennen sich mal durchs Bild, wie man das von einem Ensemblefilm mit Starbesetzung erwartet. Dass bei einer durchschnittlichen Screentime von 22 Minuten pro Paar von einem Romcom-Klischee zum nächsten gehetzt wird, trägt jedoch nicht dazu bei, etwas einer Beziehung ähnliches zu irgendeiner der grundunsympathischen Figuren aufzubauen.

Das alles wäre nicht weiter enttäuschend, wäre WAS PASSIERT WENN'S PASSIERT IST das Produkt eines austauschbaren Schreibtischtäters. Mit bereits erwähnter Shauna Cross holte man sich jedoch eine Autorin ins Boot, die einen gewissen Ruf zu verlieren hat. So schrieb die ehemalige Rollerderby-Spielerin mit "Derby Girl" einen autobiographischen Roman über ihre Zeit mit dem Sport, der mehr mit Feminismus in Verbindung gebracht wird, wie kein zweiter, und adaptierte diesen für Drew Barrymores ROLLER GIRL - MANCHMAL IST DIE SCHIEFE BAHN DER RICHTIGE WEG zu einem grundsoliden Drehbuch. Hier scheint sie wie ausgewechselt, wie eine postfemisistische Parodie von Diablo Cody, für die es keinen Ausweg aus der Matrix der Reproduktion gibt, es sei denn, man ist die lustige, dicke Freundin. Und in diese Richtung geht der größte Vorwurf, den man diesem Film machen muss. So tarnt sich WAS PASSIERT WENN'S PASSIERT IST über eine Laufzeit von schmerzhaften 110 Minuten als purer Eskapismus, der von dem Leid der Welt nichts wissen will, spannt dahinter jedoch eine Ideologie auf, die staatstragender nicht sein könnte: Kids or GTFO. Dass ein solches Weltbild nicht ohne entsprechende Sexismen auskommt, liegt auf der Hand, und so scheint es nur konsequent, wie die Dinge hier beim Namen genannt werden. Denn Kinder kriegen, so lässt uns America's Next Übermutti Wendy an zentraler Stelle des Films wissen, ist auch im Jahr 2012 noch - oder vielleicht auch wieder - das einzige, wozu eine Frau in der Lage sein sollte. Interessanterweise rotzt WAS PASSIERT WENN'S PASSIERT IST damit nicht nur sämtlichen Zuschauerinnen unverhohlen ins Gesicht, sondern nicht zuletzt auch seinen eigenen Figuren Holly und Rosie.

Den Herren der Schöpfung ergeht es nicht besser. Während Dennis Quaid seinen Alphavater Ramsey als dermaßen übertrumpfendes Arschloch gibt, dass man ihm das Sorgerecht entziehen möchte und den restlichen Herren kaum eine eigene Meinung zugestanden wird, zeigt erst die von Vic Mac (Chris Rock) angeführte "Dudes Group" das wirkliche Ausmaß der Krise. "It'slike FIGHT CLUB, onlywithDads", so erfahren wir durch eine der werdenden Mütter. Als wären sie nach Tyler Durdens Abgang zurück in ihre Ikea-Welt geflüchtet, so tragen die Männer von heute statt Schrammen und blauen Flecken ihre Kinder im Tragegeschirr vor der Brust, haben sich selbst gegen das Vatersein getauscht und bereuen nichts. Dass man trotzdem die promiskuitive Sportskanone Davis (Joe Manganiello) wie eine jungen Gott anhimmelt, wenn dieser stolz die Fotos seiner exotischen Aufrisse auf dem Smartphone herumzeigt, ist selbstverständlich. Dass auch er für seinen ausschweifenden Lebensstil mit ungewollter Vaterschaft bestraft wird, ebenso.

Auch wenn WAS PASSIERT WENN'S PASSIERT IST sich nicht scheut, auch die Schattenseiten des Schwanger seins mit einem teilweise schon zu penetranten Schmunzeln darzulegen, dann nicht ohne mehr als deutlich zu machen, dass beim Ersten Schrei alle Entbehrungen der letzten neun Monate vergessen sind. Wenn dann noch JLo in ihrer an die unangenehmen Selbstinszenierungen von Madonna und Brangelina gemahnenden Schlussszene das äthiopische Adoptivkind in Empfang nimmt, suhlt sich WAS PASSIERT WENN'S PASSIERT IST in Bildern, die direkt aus dem "Goldenen Blatt" stammen können und hangelt sich auf die unangenehmste Metaebene der Welt. Dass auch Rosie und Marco, die sich nach ihrer Fehlgeburt zunächst trennen, zum kinderlosen Glück zusammenfinden dürfen, scheint da weniger versöhnlich als wie ein Hohn. Dennoch möchte man ihnen noch am ehesten die Daumen drücken, während man allen anderen die Rotzblagen aus PROJECT X an den Hals wünscht.











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