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TRON: LEGACY (USA 2010)

von Hasko Baumann

Original Titel. TRON: LEGACY
Laufzeit in Minuten. 127

Regie. JOSEPH KOSINSKI
Drehbuch. EDWARD KITSIS . ADAM HORWITZ . BRIAN KLUGMAN . LEE STERNTHAL
Musik. DAFT PUNK
Kamera. CLAUDIO MIRANDA
Schnitt. JAMES HAYGOOD
Darsteller. JEFF BRIDGES . GARRETT HEDLUND . OLIVIA WILDE . MICHAEL SHEEN u.a.

Review Datum. 2010-12-17
Kinostart Deutschland. 2011-01-27

Als ich 1982 im zarten Alter von elf Jahren Steven Lisbergers TRON im Kino sah, war es um mich geschehen. Es war mir völlig unverständlich, wie denn die ganze Welt in E.T. rennen konnte, wo doch gerade der beste Film aller Zeiten im Kino angelaufen war. Nicht nur, daß ich den Soundtrack haben musste und das Hörspiel zum Film, nicht nur, daß ich meine Freunde dazu überredete, sich den Film mit mir anzusehen, nein, sogar die Diskus-Spiele wurden nachempfunden, indem man mit den Deckeln von Niveadosen aufeinander warf und bei jedem Treffer dem Verlierer entgegen blaffte: "Du bist gelöscht!" Nach den Regeln der Filmgeschichte hätte TRON in Vergessenheit geraten müssen, er war damals den Kritikern zu dumm und den Kinogängern zu seltsam, er sollte heute hoffnungslos veraltet aussehen und ohne filmhistorische Relevanz auf den DVD-Ramschtischen verkümmern. Doch TRON, der bis heute einer meiner Lieblingsfilme ist, wurde immer größer, schöner und stärker. Die Idee, einen Menschen ins Innere eines Computers, auf die Raster von Videospielen zu transportieren, ist heute noch faszinierender als in den frühen 80ern, wo die Games ein ausgeprägtes Abstraktionsvermögen vom Spieler verlangten. Wie TRON diese kühne Idee zu visualisieren verstand, mit so verschiedenen kreativen Genies wie Syd Mead und Moebius als Ideengeber, schützt ihn bis heute vor dem Status eines überholten Spezialeffekt-Reliktes und läßt ihn stattdessen als seltenes Juwel des Surrealen überdauern. Die an sich recht einfache Heldengeschichte gewann dank der religiösen Anmutungen - die Programme verehren die User als eine Art Gottheit und streben nach Erlösung von ihrem Joch - und insbesondere des Einfalls, realen Menschen entsprechende Abbilder in der Computerwelt zuzuordnen und die noch sehr abstrahierten zweidimensionalen Bilder damaliger Videospiele mit Leben zu füllen, an außerordentlicher Faszination.

Die von TRON trotz seines Reichtums unmöglich vollständig auszuschöpfenden Möglichkeiten seines Sujets sprachen von Anfang an für eine Fortsetzung - allein die Einspielergebnisse taten es nicht. Da sich der Film über die Jahrzehnte zu einem heißgeliebten Liebling der Fans entwickelte, gab es aber letztlich tatsächlich grünes Licht für eine Weiterführung der Geschichte: TRON: LEGACY, der sich seinem Titel entsprechend um die Hinterlassenschaft des Vorgängers bemüht. Sam (Garrett Hedlund), Sohn des seit Ende der 80er verschollenen Computergenies Kevin Flynn (Jeff Bridges), steht dieses Mal im Zentrum des Geschehens. Seit Flynns Verschwinden befindet sich der Konzern ENCOM wieder auf dem absteigenden Ast und wird trotz der Anstrengungen des weiterhin idealistischen Alan Bradley (schönes Wiedersehen mit Bruce Boxleitner) erneut von profitgierigen Geldhaien regiert. Bei einem Besuch der verwaisten Spielhalle seines Vaters findet Sam, der selbst zum orientierungslosen Hacker wurde, dasselbe Schicksal wie einst sein Dad: Die aus dem alten Film bekannte Laserkanone schießt ihn hinein in die Rechnerwelt, und zwar direkt in das von Kevin Flynns Alter Ego Clu (ebenfalls Jeff Bridges, in einer digital gekonnt, aber auch gruselig verjüngten Version) mit harter Hand regierte Netzwerk. Flynn Senior vegetiert in den Randbezirken von Clus Brot und Spiele-Areal als eine Art vergessener Gott vor sich hin und hat seine Behausung so anheimelnd eingerichtet wie das Zimmer in 2001. Gemeinsam beschließt man, das Unmögliche zu versuchen und an Clu vorbei durch das seit Sams Ankunft nur kurz geöffnete Portal in die reale Welt zurückzukehren.

Man muß sich relativ schnell damit abfinden, daß die Autoren von TRON: LEGACY nach 28 Jahren nur mit einer aufgeblasenen Variation des Vorgängerplots aufwarten können. Was zunächst noch durch liebevolle Reminiszensen an das Orginal erfreut (die Spielhalle samt 80er-Jukebox, die riesige ENCOM-Tür, die Couch, auf der Flynn einst seine Mitstreiter motivierte, die Dumont-Lagerhalle), wird mehr und mehr zum pflichtschuldigen Abhaken memorabler Momente aus dem alten Film: der Diskus-Fight, die viel zu früh verbratenen Light Cycles, der Lichtsegler usw. Und all das auch noch in exakt derselben Reihenfolge wie im Original - wer TRON kennt, wird zu keinem Zeitpunkt überrascht. Und das alles in nur vermeintlich "besserer" Darstellung mit "besseren" Effekten, tatsächlich aber fast völlig frei von "Wow"-Effekten oder dem Gefühl, etwas Bahnbrechendes oder wenigstens Beeindruckendes zu sehen. Wie in allen aktuellen Hollywoodfilmen wird extrem viel gesprungen und gehauen und dabei ab und zu die Slow Motion-Taste gedrückt, damit man die Salti besser erkennen kann. Die dank ihrer Nachvollziehbarkeit so beliebte Light Cycle-Sequenz des Originals etwa wird durch die mehrdimensionale Überwältigungsdramaturgie von LEGACY zur unübersichtlichen Antiklimax. Das alles hat kein Timing, keinen Witz und schleppt sich wie ein angeschossener Koloss zu Daft Punks beschämend gestrigem Hans Zimmer-Getöse über die Leinwand, dank immer hohlerer Dialoge Stillstand inbegriffen. Die Idee der Parallelwelt, der Sichtbarmachung des Inneren einer virtuellen Denkmaschine, wird aufgegeben zugunsten einer austauschbaren, finsteren Fantasylandschaft, in der sich Nebel um schwarze Berge ranken und man über graue Meere fliegt. Hier könnte auch Gandalf mit seinen Freunden vorbeischauen. TRON: LEGACY mißbraucht sein Erbe für eine ebenso schlichte wie langweilige Gut-gegen-Böse-Posse, die sich weder für Technologien noch für gesellschaftliche Konstrukte interessiert. Die digitale Revolution hat nur in der Zurschaustellung von Effektsequenzen stattgefunden, inhaltlich fällt dem Film nichts zu den radikalen Veränderungen unserer Kommunikation und unseres sozialen Miteinander ein. In dieser Rechnerwelt ist nichts befremdlich oder surreal, nein, zum Abendbrot liegt ein halbes Schwein auf dem Teller, und Programme juchzen und jubeln in Actionszenen an der Seite ihrer User und sagen "Wow."

Jeff Bridges, der recht engagiert gegen den Unsinn anspielt, wird immerhin mit seinem jüngeren Selbst konfrontiert und darf reden wie in den 80ern, was wenigstens für etwas Charme sorgt. Hedlund ist okay, aber etwas zu cocky als sein Sohn; das Drehbuch gönnt ihm allerdings auch nicht einen Moment der Orientierungslosigkeit, obwohl er sich im Inneren eines Computers wiederfindet - eine Situation, die einen durchschnittlich intelligenten Menschen schon in Verwirrung stürzen dürfte. Olivia Wilde bedient das neue Klischee der kampferfahrenen, aber naiven Amazone, die den Helden mit großen Augen anschaut; sie darf sich auch auf einer Couch räkeln und macht das eine süß und das andere sexy. Michael Sheen nervt als exaltierte New Wave-Schwuchtel, keine Ahnung, wer warum solche Programme schreiben soll. Unterm Strich machen sich die Schauspieler sogar besser als die wenig innovativen Set Designs (auch der 3D-Effekt hält sich in überschaubaren Grenzen) und die erstaunlich behäbige Regie Joseph Kosinskis. Wenn doch wenigstens ein Meister des Visuellen diesen Film gemacht hätte! Aber da verhält es sich wie mit der Musik: Während Kubricks Hauskomponist/in Wendy Carlos für TRON eine höchst ungewöhnliche Mischung aus Elektro und Sinfonie schuf, schreddeln sich Daft Punk einfach was aus INCEPTION und THE DARK KNIGHT zusammen und wackeln mit ihren Helmen.

Zugute halten darf man dem Film ein in allen Belangen exzellentes Sound Design, was nicht nur für die Effektszenen gilt (selten habe ich so perfekt abgemischte räumliche Veränderungen in Inzidenzmusik gehört wie in der Spielhallenszene) und seinen großen Respekt vor dem Original. Nur leider haben die Menschen hinter LEGACY nicht verstanden, was das Original ausmachte. Sehr traurig, das alles.











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