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INCEPTION (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. INCEPTION
Laufzeit in Minuten. 148

Regie. CHRISTOPHER NOLAN
Drehbuch. CHRISTOPHER NOLAN
Musik. HANS ZIMMER
Kamera. WALLY PFISTER
Schnitt. LEE SMITH
Darsteller. LEONARDO DICAPRIO . JOSEPH GORDON-LEVITT . ELLEN PAGE . CILLIAN MURPHY u.a.

Review Datum. 2010-07-23
Kinostart Deutschland. 2010-07-29

Nichts schlimmer, als in jungen Jahren fälschlich zum Visionär ausgerufen zu werden. David Fincher kann ein Lied davon singen, Darren Aronofsky würde gern. Noch so ein Kandidat ist Christopher Nolan. In Verbindung mit dem Attribut mind- werden die Begriffe fuck und blow abseits der Pornobranche inzwischen exklusiv zur Beschreibung seines Werks verwendet. FOLLOWING war Kult im engeren, MEMENTO Kult im diskursmächtigsten Sinne, THE PRESTIGE postmodernes Prestigeprojekt, THE DARK KNIGHT der Ritterschlag des Blockbusterkinos. Heiland, sende uns deinen nächsten Film! INCEPTION heißt er und muss retten, was in diesem Jahr all die anderen, auf Abstoßung gepolten Publikumsmagneten verbockt haben.

Im Gegensatz zum BATMAN-Franchise ist der Neue Nolans eigen Geistes Kind, eine Schaumgeburt für 200 Millionen Dollar. Als bestens investiert erweist sich der opulente Vertrauensvorschuss allemal, state of the art, wohin man blickt. Schon lange sah keine durchpolierte Megaproduktion mehr so un-digital aus, so handgreiflich noch in den versponnensten Illusionsmomenten. Die seit einigen Monaten geschickt viralen Speichelfluss erzeugenden Trailer hatten davon eine Menge versprochen, man erwartete nichts weniger als das Realfilm-Äquivalent zu Satoshi Kons brillantem Hirnfick-Anime PAPRIKA. Tatsächlich ist die Grundidee beider Filme nahezu gleich: Leonardo DiCaprio dringt mit einem Team indieprominenter Spezialisten (u.a. Joseph Gordon-Levitt und Ellen Page) in anderleuts Träume ein und treibt dort allerhand Schabernack. Mal müssen Informationen gestohlen, mal welche eingepflanzt werden, Extraction, Inception, so nennt sich das dann.

Fachvokabular ist eine wichtige Sache für Nolan. Die großzügige Exposition des Films nimmt sich aus wie ein VHS-Kurs Hirnbegehung, DiCaprio doziert, das Publikum schreibt eifrig mit: Was ist ein "Kick", was ist ein "Totem", Who are the Brain Police u.s.w. Manipulationsmöglichkeiten des Hypothalamus werden nebenbei eindrucksvoll demonstriert, Träume in Träume gestopft, Zeit- und Raumkoordinaten verbogen, kurz: das Regelwerk eines Spiels vorgestellt, das INCEPTION in seiner zweiten Hälfte sich dann, in einem einzigen gigantomanischen Setpiece, zu spielen anschickt.
Der nicht geringe Reiz des Films liegt im schrittweisen Begreifen dieser (durchweg clever erdachten) Regeln, der Antizipation ihrer Auswirkungen, dem Schock des unerwarteten Nichteintretens. Zwischendurch wird viel explodiert und ordentlich geballert; die Grundzutaten des gehobenen Spektakelkinos, das "Häh?" und das "Wow!", befinden sich in genau austarierter Melange.

Wenn INCEPTION dennoch milde enttäuscht, liegt es daran, dass er Potenzial für noch Großartigeres birgt. Nolans streng analytischer Verstand beraubt ihn gewisser Freiheiten, die sein Konzept eigentlich mitbringt; die visuellen Entfesslungskräfte der Imagination, das Anything Goes des Unterbewussten hält er als regieführendes Über-Ich seltsam im Zaum. Auf stinknormalen Hotelfluren, Straßen, Ski-Pisten spielt das REM-Theater der infiltrierten Schläfer und gehorcht, sogar beim Zusammenbruch, harten physikalischen Gesetzen: Gravitation und Geometrie. Natürlich sahen Filmträume noch nie aus wie "echte", selten aber so "echt", also: traumunähnlich, wie in INCEPTION.
Der Clou des Films liegt nicht, wie von der PR suggeriert, in überquellenden Bildwelten, sondern in der ausgefuchsten Verschränkung übereinander gestapelter Handlungsebenen. Wie bei einer Partie mehrdimensionalen Schachs hat jeder Spielzug auf der oberen Ebene Konsequenzen für die unteren: Ein cerebraler Spaß, ein kausallogisches Puzzle, dem aber ein Schuss irrationaler Faxenmacherei wahrlich nicht geschadet hätte.

Was hier eigentlich miteinander (meist) korrespondiert und (selten) karamboliert, sind weniger Traum und Realität als verschiedene Filmgenres: Heist movie mit Spionagethriller, Sci-Fi mit Melodram. Ja wirklich: Gefühle gibt es auch, und nicht zu knapp, und gewiss keine schönen. Ein Trauma nämlich treibt DiCaprios Figur in schlafreichen Nächten um, das droht, die Mission zu sabotieren; Marion Cotillard spielt es - das Trauma, das natürlich eine Frau ist - mit kaltbedrohlicher Antihysterie. Die moralphilosophische Makulatur, mit der Nolan seine Filme anzureichern pflegt, unterfüttert gewichtigtuerisch auch INCEPTION: Schuld! Reue! Vergebung! tönt es gemeinsam mit Hans Zimmers tollwütigem Posaunengetröt aus den Boxen. Sich darüber zu mokieren ist mittlerweile ebenso en vogue wie die tragödelnde Düstergloss-Ästhetik selbst, insofern mögen andere ihre Häme darüber vergießen. Wie noch jede Regiearbeit Nolans ist INCEPTION in erster Linie ein spektakulärer Werkstattbericht aus der Traumfabrik, der gerade, weil er gegen die Grenzen des technisch und kreativ Machbaren strebt, vor allem eines zeigt: dass immer noch mehr geht.











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