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SPIEGLEIN SPIEGLEIN - DIE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE VON SCHNEEWITTCHEN (USA 2012)

von Benjamin Hahn

Original Titel. MIRROR MIRROR
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. TARSEM SINGH
Drehbuch. MELLISA WALLACK . JASON KELLER
Musik. ALAN MENKEN
Kamera. BRENDAN GALVIN
Schnitt. ROBERT DUFFY . NICK MOORE
Darsteller. LILY COLLINS . JULIA ROBERTS . ARMIE HAMMER . NATHAN LANE u.a.

Review Datum. 2012-04-03
Kinostart Deutschland. 2012-04-05

Tarsem Singh. Die Qualität der Filme des indischen Regisseurs bemisst sich an der Anzahl der Namen, mit denen er sich kreditieren lässt. Bei seinem durchwachsenen, aber insgesamt guten Kinodebüt THE CELL lief er noch unter Tarsem Singh. Bei seinem zweiten Film, dem unterschätzten Kleinod THE FALL, kürzte er sich runter auf ein schlichtes Tarsem, bevor er dann schließlich die 300-eske, torture-porn-lastige Mythologie-Grütze KRIEG DER GÖTTER unter dem Namen Tarsem Singh Dhandwar drehte. Bei SPIEGLEIN SPIEGLEIN - DIE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE VON SCHNEEWITTCHEN indes verhält es sich etwas anders, wartet der Film doch mit zwei Abspännen und zwei Namen auf: Tarsem Singh Dhandwar und Tarsem. Bedeutet das nun, dass hier kontinuierlich Grütze auf Meisterwerk trifft? Nicht wirklich, doch dazu später.

Eine Prise TIME BANDITS, die tollen Kostüme von Eiko Ishioka, gigantische Sets, künstliche, aber in die verkitschte Umgebung passende CGI-Landschaften, viel Selbstironie und eine gut gelaunte Julia Roberts, der eine fast schon klassisch anmutende Schneewittchen gegenübersteht - fertig sind die perfekten ersten Minuten des Films, die so überhaupt gar nicht nach dem künstlerischen Ausverkauf aussehen, den man befürchtet hatte. Was man hier zu sehen bekommt ist ein witziges und charmantes Märchen für Erwachsene, das zwar einer bekannten Geschichte folgt, aber dieser eine ganz eigene Note verleiht und den Tarsem-Touch hat. Sogar zwei zentrale Elemente seiner Filme haben sich in die Märchenwelt gerettet: In Lederpanzerungen gehüllte Krieger und - in gewisser Weise - auch die Folterthematik, auch wenn sich an letzterer dieses Mal angesichts der Familienfreundlichkeit des Films nicht so ergötzen kann wie in KRIEG DER GÖTTER.

Dann aber kommen die Zwerge durch den Wald geturnt und lassen in einem die Befürchtung keimen, der Vorführer hätte aus Versehen eine Doku über den Cirque du Soleil eingelegt. Doch nein, wir sind immer noch in Tarsems Schneewittchen-Streifen und ja, der meint das alles ernst. So ernst, dass man Hildchen Knef in ihrem Grab "Von nun an gings bergab" summen hören kann - und das wäre nur angemessen, denn was nun folgt ist eine peinliche Aneinanderreihung alberner Gags und Märchenversatzstücken, bei der man sich eher in einem Film von Friedberg/Seltzer oder den Wayans wähnen würde, wären da nicht die pompösen Kostüme und aufwendigen Kulissen. Zugegeben, ganz so schlimm wie die Komödientotalausfälle EPIC MOVIE oder WHITE CHICKS ist das Humorniveau hier nicht, denn immerhin gibt es im Film etwa drei, vier Witze, die wirklich gut sind, aber in der Summe kann das den Film nicht retten: Wenn er nicht gerade die offensichtlichen Gags aufsammelt, dann blödelt er sich durch Genre-Konventionen, nur um diese dann am Ende doch zu bestätigen. Fehlt eigentlich nur noch eine völlig willkürlich gesetzte Rap-Nummer, doch immerhin vor der wird man verschont, wenn auch die Bollywood-Einlage im Abspann nicht viel besser ist.

Und obwohl eine qualitativ anspruchsvolle Parodie für die ganze Familie vollkommen anders aussieht als das, was Tarsem hier abliefert, sollte man diesen Film unbedingt sehen, markiert er doch den Wendepunkt in der Karriere des indischen Regisseurs. Nicht nur, weil im Januar die Kostümbildnerin Eiko Ishioka, die für seine vier Filme gearbeitet hat, verstorben ist, sondern auch, weil sich Tarsem mit dieser oberflächlichen Komödie aus der "so stellen sich einfallslose Erwachsene Kinderunterhaltung vor"-Rumpelkammer sämtliche Meriten verspielt hat, die ihm seine bisherige Arbeit eingebracht hat. SPIEGLEIN SPIEGLEIN - DIE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE VON SCHNEEWITTCHEN mäandert lange Zeit in mediokren Gefilden vor sich her, erlaubt sich ganz selten den Ausbruch in sowas wie Klasse, kann sich dort aber nicht lange halten und suhlt sich stattdessen in einer derart anspruchslosen Unterhaltung, dass sich selbst Vierjährige und Mario-Barth-Fans schämen dürften. Dies ist einer der seltenen Fälle, bei denen man während des Abspanns schier sprachlos vor Entsetzen im Kinosessel hängen bleibt, weil man gerade der eindrucksvollen Selbstdemontage eines potentiell großen Regisseurs beigewohnt hat: Hätte er diesen Film als Tarsem Singh Asmussen Wayans KannnurschöneBilder Dhandwar gedreht, es wäre nur ehrlich gewesen.











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