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SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN (USA 2012)

von Benjamin Hahn

Original Titel. SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN
Laufzeit in Minuten. 127

Regie. RUPERT SANDERS
Drehbuch. EVAN DAUGHERTY . JOHN LEE HANCOCK . HOSSEIN AMINI
Musik. JAMES NEWTON HOWARD
Kamera. GREIG FRASER
Schnitt. CONRAD BUFF IV . NEIL SMITH
Darsteller. KRISTEN STEWART . CHRIS HEMSWORTH . CHARLIZE THERON . BOB HOSKINS u.a.

Review Datum. 2012-05-28
Kinostart Deutschland. 2012-05-31

Ernüchternd. Das ist wohl das Stichwort, das einem als erstes einfällt, denkt man nach der Sichtung von SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN zurück an Tarsem Singhs SPIEGLEIN SPIEGLEIN, schafft es doch ausgerechnet ein Kinodebütant ganz nonchalant das indische Wunderkind zu überflügeln. Gut, vielleicht nicht im visuellen Sinne, aber zumindest im dramaturgischen. Obwohl: So ganz stimmt das eigentlich nicht. Zwar mögen Ausstattung und Kostüme bei Singh immer noch pompöser sein, aber der Film von Rupert Sanders verfügt trotzdem über einen staunenswerten Einfallsreichtum in Sachen Kostüm-, Set- und Kreaturendesign - man muss nur darauf achten.

Denn während sich Singh stundenlang an der Kreativität seiner Ausstattung delektiert, weil er ansonsten kaum etwas zu bieten hat, ordnet Sanders, der Werbefilmer, den Stil der Handlung und der Stimmung unter. Klar, zuweilen spürt man die Wurzeln des Regisseurs in der Werbung. Dann zum Beispiel, wenn Snow White nach ihrer Flucht aus den Kerkern ihrer Stiefmutter am Strand auf ein Pferd stößt und Sanders diese Szene inszeniert wie den Werbeclip eines Edelduftwässerchens. Doch zum einen bricht sich diese Überästhetisierung nur selten Bahn, zum anderen haben diese Momente ihren ganz eigenen Reiz, der dem Film keine allzu deutliche, aber immerhin noch spürbar eigene Note verleiht.

Ansonsten jedoch gibt sich der Film in Sachen Auskosten der eigenen Schauwerte eher bescheiden. Das führt zwar mitunter zu reichlich kurzen Ritten durch die Fantasie des Kreativteams, wirkt aber weitaus bodenständiger: Wenn Snow White nach Jahren der Gefangenschaft in den finsteren Wald stolpert und dort auf böse Wesen trifft, dann wuselt es im Stakkato-Schnitt und das ganz so, als ob die Kamera im Hirn der jungen Frau stecken würde, die von all den erschreckenden Eindrücken um sie herum vollkommen überfordert ist.

In solchen Momenten psychologisiert der Film und - bei aller Magie, die in dieser filmischen Welt existiert - rationalisiert sogar: Sind die Gefahren des Waldes real oder bloß Halluzinationen? Gibt es den Zauberspiegel tatsächlich oder ist er bloß dem Wahn einer alternden Frau entsprungen? Der Film wird diese Fragen nicht beantworten, aber er wirft sie auf und zitiert dann und wann indirekt die deutsche Romantik, diese Epoche der Literatur, die sich an der Re-Mystifizierung der durch die Aufklärung entzauberten Welt versuchte. Manchmal macht er das eher subtil und ganz beiläufig, manchmal recht plump. Aber sogar das, diesen Holzhammer, verzeiht man dem Film, denn eine böse Königin, die aus ganz bestimmten, wenn auch holzschnittartigen Gründen erst böse wurde, ist einem letztlich doch lieber als die erklärungslose Bosheit der Königin in SPIEGLEIN SPIEGLEIN.

Überhaupt löst Sanders vieles einfach deutlich klüger als Singh. Das zeigt sich auch an der Besetzung der sieben Zwerge. Zwar ist hier zunächst Singhs Film der progressivere, weil er tatsächlich Kleinwüchsige als Zwergen engagiert, doch am Ende wirkte der Versuch, diese Zwerge als eine Mischung aus Zirkusakrobaten und Clowns zu inszenieren, bemüht und zuweilen auch recht lächerlich. Sanders nun geht den HERR DER RINGE-Weg und schrumpft große Mimen des Kinos digital auf Größe und Wesens eines Tolkienschen Gimlis. Das Ergebnis schindet Eindruck, nicht zuletzt weil unter anderem Ian McShane, Ray Winstone und Bob Hoskins die Zwerge mit einer überzeugenden Mischung aus Respekt, Ernst und Ironie verkörpern.

Vielleicht ist das überhaupt der Grund, warum dieser Film so gut funktioniert: Weil er sein Thema ernst nimmt und es, trotz gelegentlich aufkommender Romantisierung, nicht verkitscht. Nicht, dass es dazu nicht unendlich viel Potential geben würde, aber Sanders und seinem Team gelingt es immer kurz vor der Disneyisierung den Absprung zu schaffen und zurückzukehren zu einer düsteren, ernsten Grundstimmung, die den Film zwar wohl für Kinder ungeeignet macht, die Geschichte dafür jedoch endlich mal eher erwachsenengerecht erzählt.

Einen guten Film erkennt man daran, dass er die steinerne Miene von Kristen Stewart überlebt. Auf SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN trifft das zu. Regisseur Sanders und sein Team gehen nicht den Weg einer Catherine Hardwicke, die einen klassischen Märchenstoff zu einem lauen Aufguss für die TWILIGHT-Generation verkitschte, sondern sie erzählen die alte Geschichte als eine Mischung aus del Toro und BRAVEHEART und das ist ziemlich unterhaltsam.











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