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SEX AND ZEN: EXTREME ECSTASY (Hong Kong 2011)

von Alexander Karenovics

Original Titel. 3D ROU PU TUAN ZHI JI LE BAO JIAN
Laufzeit in Minuten. 129

Regie. CHRISTOPHER SUN LAP KEY
Drehbuch. STEPHEN SIU . MARK WU
Musik. nicht bekannt
Kamera. STEPHEN SIU . MARK WU
Schnitt. WAI CHIU CHUNG
Darsteller. HITO HAYAMA . LENI LAN . VONNIE LUI . SAORI HARA . YUKIKO SUO u.a.

Review Datum. 2011-10-29
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Die gute Nachricht: SEX AND ZEN: EXTREME ECSTASY hätte so auch in den 90ern gedreht werden können. Die schlechte: Anthony Wong spielt nicht mit! In der Tat hätte jene Ikone des Hong Kong-Kinos dieser aus allen Nähten platzenden Sodom & Gomorrha-Granate gerade noch gefehlt. Wong spielt mittlerweile ALLES, es gab aber auch eine Zeit, in der er als Sex-Dämon mit Glam-Rock-Frisur und teuflischer Lache die schmuddeligsten Ecken von Category III-Wunderland unsicher gemacht hat. Sex-Dämonen gibt es auch im vorliegenden Film, der glücklicherweise keine fragmentarische Zitatensammlung geworden ist, sondern tatsächlich eine erfreulich stringente Zeitreise zurück in jene Ära darstellt, wo kühne Geschmacklosigkeiten unter der Gürtellinie noch auf 35 mm gedreht wurden, und wer schönen Menschen beim Poppen zusehen wollte, ein Kino-Ticket gelöst hat.

Die Geschichte von dem Gelehrten Wei Yangsheng, der bei Leibesertüchtigungen im Schlafgemach seine Ladung schneller verschießt als eine Pfirsichblüte zu Boden gleiten vermag, und daraufhin nach Wegen sucht, seine Potenz zu steigern, ist zunächst einmal prächtig anzuschauen. Opulente Kostüme, atmosphärisch ausgeleuchtete Sets und cineastische Kameraarbeit implizieren, daß hier jemand Größeres im Sinne hatte, als ein paar sleazige Dollar mit dem Titelzusatz "erster Porno in 3-D" zu machen. Selbstverständlich ist SEX AND ZEN: EXTREME ECSTASY kein Porno, aber genausowenig ein begradigtes Schlüpfer-Epos für die Massen. Und das ist auch gut so. Spätestens wenn Yangsheng sich einen Pferdepimmel transplantieren lässt (Hunde waren gerade aus) und im verruchten Palace of Bliss sich durch alle Etagen vögelt, nur um letztendlich zur Erkenntnis zu gelangen, daß wahre Liebe keinen langen Penis benötigt, sind wir in den 90er Jahren angekommen.

1991, im ersten SEX AND ZEN, machte sich Lawrence Ng dank nimmermüder Penis-Prothese zum ersten Mal die Damenwelt untertan, der zweite präsentierte 1996 den Keuschheitsgürtel mit rotierenden Klingen, Tai-Chi zur Stärkung der Hoden, Shu Qi (noch lange bevor sie aus Jason Stathams Kofferraum krabbelte) als transsexuellem Unterweltgott, und der dritte Teil (unter der Regie von Wong Jing) bescherte uns Nipple-Torture und Fuck-Fu. EXTREME ECSTASY hat ein bisschen von allem: Was zum Lachen, was zum Fremdschämen, was zum Staunen, jede Menge affektierte Kamasutra-Akrobatik (sowohl für Romantiker, als auch die S&M-Fraktion), und den ein oder anderen Tiefschlag dahin, wo's wirklich weh tut. Wird nämlich erst einmal das fiese Inquisitions-Werkzeug aufgefahren und aus der schlüpfrigen Fantasy-Romanze eine CHINESE TORTURE CHAMBER STORY, dürfte so manchem, der angesichts unfreiwilliger Komik und üppiger Schauwerte gerade ein "So schlimm isses ja gar nicht" auf den Lippen hatte, reichlich mulmig zumute werden; EXTREME ECSTASY gibt sich nur wenig zimperlicher als seine Vorbilder aus der goldenen Ära des Hong Kong-Kinos und bleibt damit seinem Genre-Versprechen treu: Exploitation gibt es nur als Komplett-Menü, da kann man keinen Gang auslassen oder nur die leckere Kruste abknabbern und die undefinierbare Füllung liegen lassen - wer Angst hat, oder nur das isst, was Mami gekocht hat, bleibt besser ganz draußen.

Kaum zu glauben, daß die Vorlage schon über 400 Jahre alt ist: Li Yu, ein Schrifsteller der Qing-Dynastie, erdachte die mal amüsanten, mal erotischen Abenteuer des jungen Mönches, der auf seinem Weg zu Buddhas Wahrheit einfach nicht die Finger vom anderen Geschlecht lassen kann. The Carnal Prayer Mat heißt das Werk (in Mainland-China bis zum heutigen Tage übrigens immer noch banned), und seine blasphemische Botschaft: wenn man durch Meditation oder besonders hingebungsvolle Ausübung seines Handwerks zur Erleuchtung gelangen kann, warum dann nicht auch durch Ficken? In Wortwahl und Präsentation sicherlich gediegener als die zotigen Ferkeleien der Verfilmungen, den Pferdeschniedel gab's hier aber auch schon.

Der Teufel steckt im Detail: in Hong Kong hat das Epos sogar AVATAR an den Kinokassen geschlagen, daß Regisseur Christopher Sun aber lange nicht aus demselben Ressourcen-Pool wie Kollege Cameron schöpfen konnte, wird bei näherer Betrachtung deutlich: Außenaufnahmen sind spärlich gesät, CGI-Effekte im besten Falle zweckmäßig, fast das gesamte letzte Drittel spielt in ein und derselben Höhle. Das ist weniger geil, aber noch lange kein Grund, die rote Karte zu zücken. Brüste, Blut und Brokat existieren in inflationärer Größenordnung, intrigante Verwicklungen halten bei Laune, und wenn dann noch die CGI-Dolche in schnittigem 3-D um die Kurve fliegen und zielsicher die Halsschlagader perforieren, könnte man sich in einem Palast-Drama von Zhang Yimou wähnen. Für die Full Frontal Female Nudity hat man eigens japanische Porno-Miezen einfliegen lassen; das funktioniert ganz gut, sieht auch hübsch aus, allerdings stellt sich hier (nicht zum ersten Mal) die Frage, wo all die attraktiven Chinesinnen geblieben sind, die sich trauen blank zu ziehen ... und falls das der Karriere schadet: wo sind all die attraktiven Chinesinnen hin, die nichts mehr zu verlieren haben? Sogar wenn in der Hamlet-Verfilmung THE BANQUET Zhang Ziyi in den Blütenpool steigt, mußte für eine keusche Rückenansicht ein Popo-Double herhalten. Daß von den immerhin unverpixelten Mädels eine auf lange Sicht mehr aus ihrer Rolle rauszuholen vermag als die obligatorischen 15 Minuten Ruhm, darf angezweifelt werden - jedenfalls weit weg vom Kaliber der sexy Stars der goldenen Ära: Amy Yip und Loletta Lee waren in erster Linie Schauspielerinnen mit Charisma und Profil, keine gefallenen Centerfold-Sternchen, die einmal hell strahlen durften, bevor sie wieder in der Atmosphäre verglühten.

Wenn SEX AND ZEN: EXTREME ECSTASY eines geschafft hat, dann uns ein bisschen die Augen dafür zu öffnen, was unserer aseptischen Blockbuster-Kino-Kultur abhanden gekommen ist: mehr Sex, weniger darüber reden, eine Prise Wahnsinn, auch mal den Mut haben, den Leuten ans Bein zu pinkeln, und vor allem keine Missionars-Stellung mehr. Es ist wieder Zeit für mehr SHOWGIRLS und CALIGULA in den Kinosälen. Hallo, Herr Verhoeven, können Sie mich hören?











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