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SECRET SUNSHINE (Korea 2007)

von Björn Lahrmann

Original Titel. MILYANG
Laufzeit in Minuten. 142

Regie. LEE CHANG-DONG
Drehbuch. LEE CHANG-DONG
Musik. CHRISTIAN BASSO
Kamera. CHO YONG-KYU
Schnitt. KIM HYUN
Darsteller. JEON DO-YEON . SONG KANG-HO . JO YEONG-JIN . KIM MI-KYUNG u.a.

Review Datum. 2009-03-12
Kinostart Deutschland. 2009-04-16

Wie das Leben in Milyang denn so sei, fragt Shin-ae (Jeon Do-yeon) den gutmütigen Mechaniker Kim Jung-chan (Song Kang-ho), der ihr soeben das Auto repariert hat. Sie, die Städterin aus Seoul, ist gerade mit ihrem kleinen Sohn Jun hierher gezogen, ins Heimatdorf ihres verstorbenen Mannes, um eine Klavierschule zu eröffnen. Ach, es sei eigentlich wie überall, antwortet Kim verlegen: die Wirtschaft laufe schlecht, die Leute seien nett und führten ein einfaches Leben. Ob er denn auch wisse, hakt Shin-ae nach, was Milyang ursprünglich bedeutet. Kim muss passen. Geheimer Sonnenschein, belehrt sie ihn.

Shin-ae wird schon in der Anfangsphase von SECRET SUNSHINE charakterisiert als eine, die mit ihren Ansprüchen zu weit geht und dadurch aneckt. Sie gibt ungefragt gute Ratschläge, hat einen vermeintlich größeren Durchblick und ist nicht nur am Piano darauf bedacht, stets den richtigen Ton zu treffen. Was in der neuen Heimat prompt nach hinten losgeht: "Wenn Shin-ae mit mir redet, fühle ich mich sofort in eine Ecke gedrängt", sagt Kim, der sich natürlich trotzdem oder gerade deswegen in die neue Nachbarin verknallt. Sie dagegen flirtet lieber mit Juns Lehrer und geht mit potenziellen neuen Freundinnen zur Karaoke.

Das gemächlich dahinfließende, leicht angeschrullte Kleinstadtporträt wandelt sich jedoch schlagartig zum Melodram, als Jun entführt wird. Ein anonymer Anrufer, eine Geldforderung, die Shin-ae nicht erfüllen kann: eigentlich ist auch dies wie überall, nur, dass Jun sehr bald tatsächlich tot aufgefunden wird. Der langwierige, vielgestaltige Trauerprozess, den Shin-ae nun durchläuft: davon erzählt das Gros dieses Films. Im Ort gibt es eine kleine evangelikale Christengemeinde, deren Diakonin ausgerechnet die Apothekerin ist; da geht Shin-ae probeweise einmal hin. Bunte Jesusposter und frömmelnder Synthesizerpop versprechen hier Seelenheil für jedermann. Erst wider-, dann allzu bereitwillig lässt sie sich trösten von den simplizistischen Lehren – "alles geschieht aus einem Grund", "Gott stellt dich auf die Probe", "vergib deinen Feinden" – und zeigt sich überraschend schnell mit ihrem Los versöhnt.

Doch der naive, oberflächliche Glaube an einen Gott, der weniger das Wort ist als die Worthülse, ist Shin-aes Trauer, die sich gerade nicht im Wort, sondern im Schreien und Verkrampfen und Erbrechen artikuliert, auf lange Sicht nicht gewachsen. Auch hier gehen ihre Ansprüche zu weit: Sie bräuchte Gott nicht als nach Belieben zu füllende Leerformel, sondern unbedingt, dogmatisch und bitterlich. Als sie den mittlerweile gefassten Mörder Juns im Gefängnis besuchen will, um ihm Aug in Aug zu vergeben, reagiert die Gemeinde reserviert – gepredigt hatten sie sowas ja, aber tatsächlich danach zu handeln wäre ihnen nicht eingefallen.

Diese Konfrontation – sicher der stärkste Drehbuchmoment in einem Film, der sonst eher von seinen Performances lebt – wird Shin-ae buchstäblich enttäuschen und ihren Glauben nachhaltig brechen. Wieder wandelt SECRET SUNSHINE sein Gesicht, erzählt nun in langen Takes von Shin-aes Wut auf jenen falschen Trost, der ihre Wunden nur noch stärker hat aufreißen lassen. Ein explosives wie kehlenschnürendes Kompendium körperlicher Überschussreaktionen, dabei zugleich ein Wunder an rechtem Maß ist Jeon Do-yeons schauspielerische Leistung, die ihr in Cannes 2007 den Darstellerpreis eingebracht hat. Konsequent stellt sich der Film stärker in ihren Dienst denn umgekehrt: Die agile Steadycam lässt Jeon kaum einmal aus dem Fokus, folgt ergeben ihren rhythmischen Vorgaben und schafft so Freiraum für eine Passionsdarstellung, die jegliches religiöse Heilsmodell negiert und deren vorbehaltlose, ja demutsvolle Wiedergabe den humanistischen Kern des Films bildet. Die formende Hand von Regisseur Lee Chang-dong (PEPPERMINT CANDY, OASIS) zeigt sich eher beiläufig im Hintergrund, wo er, der zwischen 2002 und 2004 südkoreanischer Kulturminister war, löchrige Brachlandschaften und stillgelegte Baukrater einfängt, für deren Freikauf – ähnlich wie im Fall der Entführung – das Lösegeld zu fehlen scheint.

Ebenfalls dezent im Hintergrund bleibt Südkoreas Megastar Song Kang-ho (SYMPATHY FOR MR. VENGEANCE, THE HOST), dessen tölpelhafter Kim Shin-ae zwar auf Schritt und Tritt folgt, sie mit seinen liebevollen (wenngleich nicht ganz selbstlosen) Beistandsversuchen aber kaum je erreicht. Fast wirkt seine unbedarfte Clownerie wie aus einem anderen Film gefallen; ein Freund sagt einmal treffend zu ihm: "Du bist eine Komödie. Drama kannst du nicht." SECRET SUNSHINE hingegen findet für das seine eine wechselvolle, lose verwobene Form, deren scheinbar rein beobachtender Gestus von einer unaufdringlichen, erst im Nachhinein erschließbaren Struktur aus Vorzeichen und Leitmotiven durchzogen wird. Um eine Abschließung seiner Geschichte, die vielleicht gar keinen Abschluss finden kann, schert sich Lee indes klugerweise wenig; das einzige, worauf sein enigmatisches, die erste Einstellung des Films invertierendes Schlussbild vielleicht hindeutet, ist dies: dass Sonnenschein ganz insgeheim auch in vermeintlich tote Winkel fallen kann.











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