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RED HILL (Australien 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. RED HILL
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. PATRICK HUGHES
Drehbuch. PATRICK HUGHES
Musik. DMITIRI GOLOVKO
Kamera. TIM HUDSON
Schnitt. PATRICK HUGHES
Darsteller. RYAN KWANTEN . STEVE BISLEY . TOM E. LEWIS . CLAIRE VAN DER BOOM u.a.

Review Datum. 2010-03-12
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Australien, die Müllkippe des Commonwealth. Hierher wurde über Jahrhunderte verladen, was man daheim ausgemustert, weggesperrt oder sonstwie für nicht mehr gesellschaftsfähig befunden hatte. In den letzten Jahren erreichte den Kontinent eine regelrechte Schwemme schiffbrüchiger Filmgenres: Western (THE PROPOSITION), Backwoods Horror (WOLF CREEK), Kuh-Oper (AUSTRALIA). Kreative Brachen allesamt, im Staub des Outback teils prächtig wieder hochgepäppelt. Auch Patrick Hughes zehrt in seinem grundanständigen Debüt von dieser wundersamen Rekonvaleszenz: RED HILL lässt böse Geister wandeln, die der spätkolonialen Vergangenheit ebenso viel zu verdanken haben wie der Filmgeschichte.

Shane Cooper (Ryan Kwanten), ein junger Polizist mit hochschwangerer Frau, wird zu Beginn ins Titelkaff strafversetzt (auch er also: ein Abgeschobener). In der Station geht's stockkonservativ männerbündisch zu, man beäugt den Neuling aus engen Lidschlitzen und schachert ihm Blödsinnsaufträge zu. Dann eine beunruhigende Fernsehnachricht: Aus einem nahen Gefängnis ist der gewalttätige Aborigine-Häftling Jimmy Conway (Tommy Lewis) geflohen, der den verschworenen Kollegen offenbar kein Unbekannter ist. "Er wird den direkten Weg zu uns nehmen und die Hölle im Gepäck haben", murmelt markig der Sheriff bei der Einsatzbesprechung. Und tatsächlich: Noch bevor die Nacht anbricht, nimmt das Blutbad seinen Lauf.

Die klassische Konstellation des absolut Bösen, das eine kleine Stadt heimsucht, verlässt Hughes zunächst keinen Zentimeter: Mit Gewitter in der Luft und Morricone-Twangs auf der Tonspur wird hier ein Mexican standoff nach dem nächsten zelebriert. Aus dem mitgeschleiften Rattenschwanz an Zitaten, von HALLOWEEN bis DESPERADO, macht Hughes dabei niemals einen Hehl. Obwohl sein stilistisches Bravado oft gefährlich nah an der Selbstparodie kratzt – Jimmy etwa, ein brandvernarbtes Ungetüm mit Pumpgun und Patronengurt um den Wams, scheint direkt einem EC-Horrorcomic entsprungen –, verhindert sein konzentrierter, schlenkerfreier Minimalismus im Plotaufbau die übliche postmoderne Überzuckerung.

Jenseits eines soliden Neo-Western-Slasher-Amalgams ist RED HILL jedoch noch aus anderen Gründen interessant. Relativ bald wird klar, dass Jimmys Amoklauf keine unmotivierte Wahnsinnstat ist, sondern Rache für begangenes Unrecht; sein verunstaltetes Gesicht legt davon Zeugnis ab, es ist, mit Tarantino gesprochen, the face of Aboriginal vengeance.
Das Faszinierende daran ist nun, dass lange Zeit im Unklaren bleibt, wessen Rachephantasie hier eigentlich ausgespielt wird. Die lautlose Unsichtbarkeit, mit der Jimmy im Dorf auftaucht und verschwindet, lässt ihn zuweilen wie eine kollektive Halluzination erscheinen, ein von der rassistischen alten Garde zusammengeträumtes Phantom, das sie von ihrer historischen Schuld erlösen soll. Auffällig immer wieder das Zögern der Häscher, selbst bei freier Schußbahn auf Jimmy anzulegen; ein Barkeeper etwa harrt tatenlos hinterm Tresen, bis Jimmy seelenruhig die Jukebox gefüttert und der Song seine Klimax erreicht hat, um sich dann im Takt umballern zu lassen. Es ist, als würden sich Lämmer freiwillig dem Schlachter überliefern.

Dass Jimmy letztlich doch noch eine konkrete Leidensgeschichte verpasst bekommt, sich kollektive und individuelle Schuld also überlappen, nimmt dem Film zwar einiges von dieser Ambiguität, spricht aber immerhin für Hughes' dramaturgische Geradlinigkeit. Als nicht ungeschickt entpuppt sich zudem seine Wahl der Hauptfigur: Shane ist in all seiner blonden Naivität nicht nur ein perfektes Zuschauer-Surrogat, sondern fungiert in diesem Country for Old Men zugleich als Repräsentant eines ideologischen Wachtwechsels. Seine neue Welt wird mit der alten, die soeben in Flammen aufgeht, nicht das geringste mehr zu tun haben. Inmitten des Gemetzels stattet er seiner Frau einen Besuch ab, die den Kleinkrieg vor der Tür komplett verschlafen hat. "Wie war dein Tag?", fragt sie. "Das übliche", sagt er und streichelt, während er mit einer Hand den Revolver nachlädt, mit der anderen ihren Bauch.








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