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AUSTRALIA (Australien/USA 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. AUSTRALIA
Laufzeit in Minuten. 166

Regie. BAZ LUHRMANN
Drehbuch. STUART BEATTIE . BAZ LUHRMANN . RONALD HARWOOD . RICHARD FLANAGAN
Musik. DAVID HIRSCHFELDER
Kamera. MANDY WALKER
Schnitt. DODY DORN . MICHAEL MCCUSKER
Darsteller. NICOLE KIDMAN . HUGH JACKMAN . BRANDON WALTERS . DAVID WENHAM u.a.

Review Datum. 2008-12-16
Kinostart Deutschland. 2008-12-25

Eine Totale, so weit die Leinwand reicht: rotbraune Ebenen, darüber ein violett glühender Sonnenuntergang in Photoshop-Pastell. Die Musik setzt ein: heroisch, schwelgend, klebrig-süß. Plötzlich von links eine Bewegung. Oooch, guck mal – Kängurus! Nein, was sind die nieeeedlich – und bang! wird das erste über den Haufen geschossen, stürzt zu Boden und verendet im Staub des Outbacks. Willkommen in Australien! Willkommen, besser gesagt, in AUSTRALIA, Baz Luhrmanns pickepackevoller Western-Melo-Kriegs-Action-Nationalsaga für die ganze Familie.

Zu Anfang tickt der Film nach Luhrmanns ureigenen Stilgesetzen, präsentiert sich also als poppiges Potpourri aus überzeichneten Down-Under-Klischees und saftigen Schmachtfetzenzutaten: Kneipenkeilereien, Ausritte, Känguru-Fütterungen und lauschige Nächte unterm Sternenzelt. Das Tempo wechselt fliegend zwischen elegischer Ultrazeitlupe und hysterischem Schweinsgalopp, Mittelmaß ist Luhrmanns Sache in keinerlei Hinsicht: Jeder Kameraschwenk umfasst mindestens fünfzig Quadratkilometer, jeder Musikeinsatz dröhnt unsubtil wie ein Ausrufezeichen, jede Figur ist nach typologischem Muster geschnitzt. Als da wären: Lady Sarah Ashley (im Wortsinne blass: Nicole Kidman), Inbegriff der zugeknöpften englischen Aristokratin, die im Schnelldurchgang ihre éducation sauvage durchläuft, als sie nach dem gewaltsamen Ableben ihres Mannes dessen Rinderfarm übernehmen muss; der Drover (im Wortsinne kantig: Hugh Jackman), ein charmanter Haudegen, der ihr dabei zur Hand und später auch ganz woanders hin geht; sodann der sinistre Vorarbeiter Fletcher (David Wenham), heimlicher Verbündeter des mächtigen Viehbarons King Carney (Bryan Brown), der sich mit Ausnahme des Ashley-Besitzes bereits das gesamte Outback unter den Nagel gerissen hat; und last but not least Nullah (Brandon West), ein aufgewecktes Aborigine-Bürschlein, für das Sarah bald nachhaltig mütterliche Gefühle entwickeln wird.

Das quietschvergnügliche erste Drittel des Films gipfelt in einem halsbrecherischen Vieh-Trek quer durchs Niemandsland, und kaum zu glauben: Bis hierher ist AUSTRALIA tatsächlich genau das, was es sein will: ein movie's movie, ein Spagat zwischen emphatisch rauschender Kinounterhaltung alter Schule und postmodernem Zitatenrührkessel, der von VOM WINDE VERWEHT bis LAWRENCE VON ARABIEN alle nur erdenklichen Epen aus Hollywoods Glanzzeit zu einem deftigen Abenteuerschinken zusammenbraut. Selbstredend ist bei Luhrmann immer auch eine Prise Musical mit dabei, im aktuellen Fall DER ZAUBERER VON OZ, weil: Oz, das klingt fast ein bisschen wie Oz-tralien. Gut, beim zwanzigsten Mal geht einem die Mundharmonikafassung von Somewhere Over the Rainbow zwar echt auf den Keks, aber so weit sind wir ja noch nicht.

Denn leider, leider gilt es nach diesem gelungenen Auftakt noch anderthalb weitere Stunden durchzubringen, in denen dem Film so ziemlich das Schlimmste passiert, was ihm passieren kann: Ihn packt der Wille zum Ernst. Von einem Moment zum anderen streift er all sein cartooniges Metabewusstsein ab und versucht das Unmögliche: ein Nationaldenkmal auf dem Fundament eines Luftschlosses zu errichten. Die Plastilinromanze von Sarah und Drover, die bis dahin aus verspielten Attraktionsmontagen von Jackmans brathähnchenfarbener Maurerbrust und Kidmans wasserblauem Augenaufschlag bestand, wird drög in den Beziehungsalltag hinein verlängert; der tückische Schmierlappen Fletcher wird zum Symbol der weißen Tyrannei hochstilisiert; und Nullah kommt ins Katholikencamp und muss dort als tragisch-putziger Repräsentant der "Gestohlenen Generation" herhalten – jener Mischlingskinder also, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der australischen Regierung ihren Familien entrissen wurden, um ihnen ihre kulturellen Wurzeln auszutreiben.

Wie um dafür Abbitte zu leisten, suhlt sich der Film in einer penetranten Mystifikation der australischen Ureinwohner, die mit etwas Übelwillen nur zu leicht in die Ecke des positiven Rassismus geschoben werden könnte. Als naturwüchsig und magisch werden die Aborigines hier gezeichnet, mit tiefen Augen, guten Herzen und, wenn es Frauen sind, großen Brüsten. Es sind dies Verklärungsprozesse, die analog auch in jenen abscheulich populären Afrika-Hausfrauenphantasien von Stephanie Zweig bis André Heller anzutreffen sind und die mit ihrem fahrlässigen Exotismus gerade jene Andersheit kreieren, die sie mit Toleranz und Spucke zu bekämpfen vorgeben. Schade ist's vor allem um David Gulpilil, bekannt aus Nicolas Roegs großartigem WALKABOUT, der hier als Nullahs geheimnisumwitterter Großvater mit weißem Kalk bestäubt auf einem Bein am Lagerfeuer stehen und Zaubergesänge vor sich hinmurmeln muss. Später, wenn in der fad computeranimierten Kriegs-Coda die Zerstörung von Darwin – sozusagen das australische Pearl Harbor – mit lautem Carmina-Burana-Geheul über die Leinwand tobt, steht er wie ein unantastbarer Geist über der Stadt und schaut herab, unbeeindruckt, beinahe gelangweilt von dem Spektakel, das um ihn herum abgebrannt wird. Zu diesem Zeitpunkt hat er den Zuschauer leider, leider auf seiner Seite.











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