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PROMETHEUS - DUNKLE ZEICHEN (USA 2012)

von Fabian Olbrich

Original Titel. PROMETHEUS
Laufzeit in Minuten. 124

Regie. RIDLEY SCOTT
Drehbuch. DAVID LINDELOF . JOHN SPAIHTS
Musik. MARC STREITENFELD
Kamera. DARIUSZ WOLSKI
Schnitt. PIETRO SCALIA
Darsteller. NOOMI RAPACE . MICHAEL FASSBENDER . CHARLIZE THERON . GUY PEARCE u.a.

Review Datum. 2012-06-16
Kinostart Deutschland. 2012-08-09

"We call them engineers." Nach zweijährigem Kälteschlaf teilen die Archäologen Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) und Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) den übrigen Crewmitgliedern des Raumschiffes Prometheus und - in der Übertragung den Zuschauern - mit: Die Frage nach dem Ursprung der Menschheit scheint beantwortet, antike bis steinzeitliche Fundstücke auf der ganzen Welt haben den Weg gewiesen, die Antwort liegt am anderen Ende des Universums, auf dem Mond LV-223 und da geht die Reise hin. Geleitet wird die Expedition von der kühlen Meredith Vickers (Charlize Theron), Vertreterin der Weyland Corporation, die den Billionen-Dollar-Trip erst möglich macht. An Bord ist zudem der blondierte Androide David (Michael Fassbender), der sich gern LAWRENCE VON ARABIEN anschaut und antike Sprachen lernt, sonst aber auch das Mädchen für alles ist.

PROMETHEUS - DUNKLE ZEICHEN ist Ridley Scotts lang erwartete und seit Juli 2011 beworbene Anknüpfung an die ALIEN-Reihe, ein Prequel zu seinem Sci-Fi-Klassiker aus dem Jahr 1979. Thematisch geht Scott mit seinem neuen Film jedoch einen anderen Weg als die zufällige Entdeckung des völlig Fremden in Form des Aliens zu inszenieren. Vielmehr wird mit der Suche nach den "Engineers" in PROMETHEUS - DUNKLE ZEICHEN die Neugierde des Menschen als Form wissenschaftlicher Hybris dargestellt. Der eschatologische Moment - in diesem Fall der Augenblick des Erkenntnis um die eigene Herkunft - kommt zugleich einem Blick in den Zerrspiegel gleich, der die Sicht auf die eigene Identität verändert. So dreht es sich nicht um die Auslotung menschlicher Urängste, sondern um die Reflexion der bestimmenden Parameter am Ende des 21. Jahrhunderts: Evolution und Technik. Dem antiken, griechischen Mythos nach formte der Titan Prometheus aus Ton die Menschen, gab ihnen Eigenschaften und war ihr Lehrmeister. Wie dieser haben sich die "Engineers" zu Schöpfern erkoren. Doch die Menschen wollen nun wissen, was der Sinn dieser Schöpfung ist.

Die Auseinandersetzung mit der endlosen Sinn-des-Lebens-Debatte findet im Medium Film nur in Form von Allegorien statt. Terrance Malick lieferte mit seinem epischen TREE OF LIFE nichts Geringeres als den Anfang und das Ende des Universums (aus der Perspektive eines neunjährigen Jungen). Die Suche nach Sinn und Hoffnung fing Malick in Szenen des ewigen Rauschens der Zeit in den Blättern der Bäume ein. In einem Actionfilm wie Scott ihn macht kann dagegen kein Naturding in Szene gesetzt werden, die Motive seines Films sind aufgelöst im Medium der popkulturellen Bildsprache. Die Literatur-, Kunst- und Filmgeschichte wird rauf und runter zitiert, um die Idee des menschlichen Ursprungs und Seins zur Vorstellung zu bringen. Neben dem Mythos vom griechischen Menschenfreund Prometheus wirkt die Aneinanderreihung verschiedenster Motive wie ein Parforceritt durch die Kultur des Abendlandes. Es gibt Anleihen bei Dantes Göttlicher Komödie, John Miltons Paradise Lost, den Zeichnungen und Gemälden William Blakes, Mary Shelleys Frankenstein oder der moderne Prometheus, H.P. Lovecrafts Horrorroman At The Mountains of Madness, Mario Bavas PLANET DER VAMPIRE, Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM, dem Computerspiel Halound und und...

Die großen Konflikte der hochtechnisierten, postmodernen Gesellschaft handeln Scott und sein Drehbuchautor David Lindelof so mittels eines referentiellen Erzählverfahrens ab. Die schnelle Aufeinanderfolge der üblichen Konfliktszenarien, lässt einen schwindlig werden. Das klingt fast nach Tarantino. So wird auch PROMETHEUS - DUNKLE ZEICHEN zu einem Filmraum mit unendlich vielen Türchen und Falltürchen: Hinter jeder Geste, jedem Bild steckt bereits etwas Bekanntes. Der so verdichtete Plot geht dabei wie ein Hefeteig auseinander, denn wir bekommen immer noch einen reinen Actionfilm und keinen Dekonstruktionsversuch des Genres zu sehen. Zum einen ist das spannend, da Angedeutetes fast nie zu Ende erzählt wird. Zum anderen wird der Film an manchen Stellen durch die Dichte der einzelnen Versatzstücke vorhersehbar. Die Konventionen des Actionkinos verlangen schließlich die unmittelbare Wirkung auf den Zuschauer, den Wow-Effekt durch das obligatorische Krach-Bumm-Spektakel. Der Spagat zwischen großem Unterhaltungsanspruch und quasi-philosophischer Gedankenspielerei gelingt so nicht immer.
Für das Auge ist PROMETHEUS - DUNKLE ZEICHEN aber eine wahre Freude. Das Design stammt unter anderem von Arthur Max, langjähriger Companion von Scott und David Fincher und damit bestens mit der Optik des ALIEN-Universums vertraut. Die 3D-Bilder sind satt und kühl und verschaffen der unheimlichen (Innen-)Architektur der kolossalen Bauwerke der "Engineers" eine düstere, bedrohliche Atmosphäre. Der stets pulsierende, brodelnde und treibende Score von Marc Streitenfeld löst ein ständiges Unruhegefühl aus. Der permanente Musikeinsatz scheint allerdings dort fragwürdig, wo er auf jeden noch so dahin genuschelten Dialog gedrückt wird.

Noomi Rapace als gottesgläubige Archäologin mit Hau-Drauf-Momenten ist nach ihrer taffen Lisbeth Salander Performance genau die richtige für die Rolle der Elizabeth Shaw. Vergleiche zu Sigourney Weavers Ripley-Figur sind sicherlich erlaubt, aber nicht notwendig - Rapace hat eine unnachahmliche Szene, die in die Filmgeschichte eingehen wird. Michael Fassbender als Androide David - das Ergebnis des menschlich-technischen Fortschritts - wirkt herrlich geschlechtslos. Er verleiht ihm durch strenge Bewegungen und akurates Auftreten etwas Roboterhaftes. Die Maschine als Menschenreplikat erinnert an Sean Youngs Rachael in BLADE RUNNER - die perfekte Konstruktion, die doch nach einer Seele sucht. Dagegen wirkt die unterkühlte Meredith Vickers, wie sie von Charlize Theron in Szene gesetzt ist, vom Ehrgeiz zerfressen und agiert dadurch rein mechanisch.
Doch immer, wenn es knallen soll, muss die Handlung gerafft werden, da verwundert der Rückgriff trotz des Potentials der Charaktere auf stereotype Handlungsweisen nicht mehr. Sobald das Sterben erst einmal losgeht, wird der übliche Gang eingelegt und während die Logik der Handlung zurücktreten muss, wird visuell durch Schnittfrequenz und Erzähltempo bis an die Grenzen gereizt. Bleibt die Aussicht auf ein Sequel, man munkelt über den Titel PARADISE und James Cameron auf dem Regiestuhl, da ist die Spannung auf das nächste Feuerwerk jetzt schon groß.











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