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MIRRORS (USA/Rumänien 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. MIRRORS
Laufzeit in Minuten. 110

Regie. ALEXANDRE AJA
Drehbuch. ALEXANDRE AJA . GRÉGORY LAVASSEUR
Musik. JAVIER NAVARRETE
Kamera. MAXIME ALEXANDRE
Schnitt. BAXTER
Darsteller. KIEFER SUTHERLAND . PAULA PATTON . AMY SMART . CAMERON BOYCE u.a.

Review Datum. 2008-08-30
Kinostart Deutschland. 2008-10-30

Eines vorweg: die größte Überraschung an MIRRORS ist, dass das Wort fuck aus dem Mund von Jack Bauer irgendwie nicht klingt. Dammit und sonofabitch: jederzeit gerne, das tönt kernig und rechtschaffen – aber nicht fuck. Fuck klingt niedrig und unfein, und der Mann ist schließlich Federal Agent, da ist unbeherrschtes Hallodritum einfach fehl am Platze. Überhaupt schlägt das Bauer-o-Meter in Kiefer Sutherlands erstem Kinofilm seit 2 Jahren eher flach aus: zwei mal dammit!, einmal verzweifelt Haareraufen, ein bei vorgehaltener Knarre geschnauztes now! und nur sporadisch der berühmte Murmelbariton. Ansonsten ist der Kerl wie ausgewechselt: er ist kinderlieb, nah am Wasser gebaut, schreckhaft, zwangloser Folter eher abgeneigt und lässt sich ohne große Widerworte von einer explodierten Nonne vermöbeln.

Aber ich greife vor. Sutherland spielt hier natürlich nicht Jack Bauer, sondern Ben Carson, einen New Yorker Ex-Cop auf Jobsuche. Weil Kiefers screen persona das spätestens seit der 3. Staffel 24 voraussetzt, ist er mit einem lausig ausgearbeiteten Behelfstrauma ausgestattet: Er hat aus Versehen einen Kollegen erschossen, hängt an der Flasche, lebt von Frau (Paula Patton) und Kindern getrennt, das Übliche halt. Um wieder auf die Beine zu kommen, nimmt er einen Job als Nachtwächter in einem ausgebrannten Kaufhaus an, in dem anscheinend noch niemand die Muße hatte, mal notdürftig aufzuräumen. Als wären verkohlte Schaufensterpuppen nun nicht schon schaurig genug, gibt es in dem Laden auch noch überall riesige Spiegel, in denen Ben gar Fürchterliches zu sehen bekommt: geisterhafte Handabdrücke, brennende Menschen, ein falsches Spiegelbild seiner selbst. Als der Spuk für ihn und seine Familie langsam gesundheitsschädlich zu werden droht, begibt sich Ben auf die Suche nach der Ursache des Phänomens.

Der Plot allein lässt es schon befürchten: MIRRORS ist betriebsmüder Dienstleistungshorror, der sich strikt weigert, mehr als das Allernötigste abzuliefern. Will sagen: viele dunkle Korridore und ein Halbdutzend Schocks von der Stange, garniert mit ein paar Gore-Bestialitäten – schließlich hat Alexandre Aja als derzeit oberster Genrefranzose einen Ruf zu verteidigen. Aber obwohl die Kamera noch vor dem Vorspann einmal gründlich durch die Blutwaschanlage fährt und die bezaubernde Amy Smart (in einer winzigen Alibirolle als Bens Schwester) auf eine Weise das Zeitliche segnet, die dem Begriff jaw-dropper eine recht abartige Zweitbedeutung hinzufügt, wurde im Vergleich zu Ajas vorigen Arbeiten mit dem roten, roten Vino eher sparsam gehaushaltet.
Inhaltlich verhält sich der Film zu seinem Titel fast so brachialmimetisch wie SNAKES ON A PLANE: In jeder Szene steht irgendwo ein Spiegel herum, und irgendwas kommt daraus garantiert immer und mit lautem Gekreisch hervorgesprungen. In der ersten Hälfte begnügt Aja sich damit, diese Masche in periodischen Abständen zu steigern, und abgesehen von gelegentlichem Zusammenzucken und dem üblichen Prä-Schock-Stress kommt sowas wie Spannung oder Atmosphäre nicht auf. Somit ist der Film in der Spiegelkabinett-Hierarchie eher auf Kirmesniveau anzusiedeln und weniger bei, sagen wir mal, Welles' THE LADY OF SHANGHAI. Was aber grundsätzlich keine Schande ist: auf der Kirmes gibt es schließlich Schmalzkuchen, den isst man ja auch immer wieder gern.

Die große Verarsche erfolgt in der zweiten Hälfte, als der Plot sich in eine Art mock procedural verwandelt, das so tut, als würde es auf einen dicken Twist hinauslaufen, um letztlich aber kackfrech ins Nichts zu münden (was vielleicht immer noch besser ist als das Blödsinnsende von HIGH TENSION, das ich Aja bis heute nicht vergeben kann). Weil MIRRORS ein Asia-Remake ist – das Original ist Sung-ho Kims INTO THE MIRROR –, gibt es natürlich irgendwo ein ach-so-dunkles, ach-so-beliebiges Familiengeheimnis zu enthüllen, in das natürlich ein kleines Mädchen mit schwarzem Haar involviert ist. Das ominöse Böse hinter den Spiegeln bleibt trotzdem bis zum Schluss ein einziger Hui-Buh-Vorwand, diffus, sinnlos und, was am ärgerlichsten ist, ohne jegliche interne Logik: Erst operiert es nur im Kaufhaus, dann hinter jedem beliebigen Spiegel, schließlich hinter sämtlichen reflektierenden Oberflächen; es kann wahlweise Vergangenes abbilden, Halluzinationen auslösen, Spiegelbilder verzerren oder in Beschlag nehmen, von allein splittern und sich von allein wieder kitten, Menschen durch die Oberfläche ziehen, selber an die Außenwelt dringen – oder eben das jeweilige Gegenteil, ganz nachdem, was zur Schockgeneration gerade benötigt wird. Derlei konzeptuelle Faulheit vergällt einem bis zum reichlich lächerlichen Over-the-Top-Finale auch noch den arglosesten Spaß.

Um bei der Dienstleistungsmetapher zu bleiben, ist MIRRORS in gewisser Weise das filmische Äquivalent zu einer Wurstfachverkäuferin: Er dreht einen routiniert und ein wenig gelangweilt durch den Fleischwolf, fragt pflichtschuldig "Darf es sonst noch was sein?", ohne darauf eine Antwort zu erwarten, und speist einen zum Schluß mit einem trübseligen Scheibchen Kinderwurst ab. Dann doch lieber Schmalzkuchen.











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