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MARVEL'S THE AVENGERS (USA 2012)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. THE AVENGERS
Laufzeit in Minuten. 142

Regie. JOSS WHEDON
Drehbuch. JOSS WHEDON
Musik. ALAN SILVESTRI
Kamera. SEAMUS MCGARVEY
Schnitt. JEFFREY FORD . LISA LASSEK
Darsteller. ROBERT DOWNEY JR. . CHRIS EVANS . MARK RUFFALO . SCARLETT JOHANSSON u.a.

Review Datum. 2012-04-23
Kinostart Deutschland. 2012-04-26

Nachdem Marvel uns in einer jahrelangen, so genialen wie ermüdenden Marketing-Kampagne mit Querverweisen, Cameos und Post-Credits-Szenen in fast allen unter dem eigenen Filmlabel veröffentlichten Filmen an die Idee eines Shared Universe auf der Leinwand und dessen geplanten vorläufigen Höhepunkt, MARVEL'S THE AVENGERS, gewöhnt hat, ist es leicht, zu vergessen, was für ein irrsinniges Unterfangen dieses Projekt im Grunde ist: Unterschiedlichste Figuren mit unvereinbar scheinenden Mythologien wollen zusammengebracht, Comic-Nerds, Kenner der bisherigen Marvel-Filme und Neulinge gleichermaßen bedient werden, ganz zu schweigen von der kleinen, aber lauten Fangemeinde von Regisseur und Autor Joss Whedon. Eigentlich dürfte dieser Film kaum funktionieren.
Whedon, auf der anderen Seite, scheint allerdings - obwohl auf dem Papier durchaus ein Risiko (MARVEL'S THE AVENGERS ist erst sein zweiter Kinofilm) - die perfekte Wahl als Regisseur und Autor des Films: Der lebenslange Comic-Fan hat nicht nur für Marvel-Comicreihen geschrieben, auch in seinen TV-Projekten sind die Comic-Einflüsse kaum übersehbar - gerade BUFFY ist im Grunde eine Superhelden-Serie. Und tatsächlich drückt Whedon seinem Film mehr als jeder andere zuvor von Marvel eingestellte Regisseur seinen Stempel auf und vollbringt das Kunststück, aus so unterschiedlichen Versatzstücken einen Ensemble-Film zu schaffen, der sich nie nach Mashup oder Superhelden-Overkill anfühlt, sondern fest auf eigenen Beinen steht und mehr ist als die Summe seiner einzelnen Teile.

Dabei ist die Story zunächst beinahe enttäuschend simpel. Loki (Tom Hiddleston), außerirdischer Halbgott (oder so; die Marvel-Filmmythologie ist da nicht so ganz eindeutig) und rachsüchtiger Bruder von Thor (Chris Hemsworth) nimmt die Erde ins Visier: Unterstützt von einer Alien-Rasse (wohl auch mit Comic-Hintergrund, allerdings keine der prominenteren Aliens wie die Skrull oder Kree) will er die Menschheit unterjochen und stiehlt zu diesem Zweck den Tesseract aus der Gewalt von S.H.I.E.L.D., einen magischen Würfel, der ihm schier unbegrenzte Macht verleiht (für Comic-Kenner: inspiriert vom Cosmic Cube). S.H.I.E.L.D.-Direktor Nick Fury ist überzeugt, dass nur eine Allianz der mächtigsten Helden der Erde Loki stoppen kann.

Doch Whedon wäre nicht Whedon, wäre MARVEL'S THE AVENGERS nur ein Film über ein paar Superhelden, die eine Alien-Invasion stoppen. Es ist ein Film über Menschen (und einen außerirdischen Halbgott), die merklich nicht zusammengehören und die nicht Helden sind, weil sie besondere Fähigkeiten haben, sondern die zu Helden werden, indem sie ihre Vergangenheit, ihre Dämonen oder einfach ihr Ego (kurzzeitig) überwinden und sich zusammenrotten (und dann eine Alien-Invasion stoppen). Das ist ein wiederkehrendes Motiv in Whedons Werk, das er zweifelsohne anderswo tiefgründiger verhandelt hat, doch MARVEL'S THE AVENGERS gesteht seinen Figuren interessantere Konflikte und Persönlichkeiten zu, als im Genre gewohnt. Wie gut die Balance zwischen den einzelnen Subplots gelingt ist beeindruckend: Die in Solo-Abenteuern sorgsam aufgebauten Charaktere, neben Thor, Steve Rogers/Captain America (Chris Evans) und Tony Stark/Iron Man (ein erneut großartiger Robert Downey Jr.), stehen tatsächlich gleichberechtigt neben der bisher nur als Nebenfigur aufgetretenen Natasha Romanoff/Black Widow (Scarlett Johansson) und - das erfreut besonders - Bruce Banner, Marvels bisheriger Problemfigur. Mark Ruffalo, der dritte Darsteller, der die Rolle auf der Leinwand verkörpert, macht sie sich von seiner ersten Szene an zu eigen und Whedon versteht die Figur besser als seine Vorgänger: Bruce Banners Entwicklung vom misstrauischen Einsiedler, der in Angst vor dem Monster in ihm lebt (es mutet beinahe wie eine Szene aus einem Horrorfilm an, wenn der Hulk zum ersten Mal ausbricht und Natasha Romanoff durch enge Korridore jagt), zum Helden, der "the other guy" als einen Teil von sich akzeptiert, ist wohl der interessanteste und eindringlichste Subplot des Films.
Dabei lässt Whedon nie das Gesamtbild aus den Augen und bemüht sich, so plausibel wie möglich zu erklären, warum ausgerechnet diese zufällig zusammengewürfelte Gruppe sich am Ende so perfekt zu ergänzen scheint (eine plausible Erklärung innerhalb der Handlung, warum Nick Fury nicht wenigstens mal fragt, was Spider-Man oder Wolverine eigentlich so machen, bleibt er allerdings schuldig). Er entwickelt glaubhafte Beziehungen unter den Charakteren (es ist beispielsweise die wunderbar erzählte Bromance mit Tony Stark, die den Anstoß für Banners Entwicklung gibt) und lässt sie, bevor sie endgültig ihre Differenzen hinter sich lassen, echte Verluste erleiden, um deutlich zu machen, wieviel auf dem Spiel steht.

Trotz all dieser Bemühungen (und 140 Minuten Laufzeit) bleiben einige Charaktere auf der Strecke: Jeremy Renners Hawkeye verblasst, trotz angedeuteter gemeinsamer Vergangenheit mit der deutlich interessanteren Black Widow, hinter den anderen Avengers und S.H.I.E.L.D.-Agentin Martina Hill (Cobie Smulders) hat - anders, als der schon in vergangenen Filmen eingeführte Agent Coulson (Clark Gregg) - weder echte Persönlichkeit noch Konsequenzen für die Handlung. Doch das vielleicht größte Problem sind die Gegenspieler der Avengers: Die Aliens bleiben bis zum Schluss gesichtsloses Kanonenfutter und Tom Hiddlestons Loki ist zwar erneut ein charismatischer Bösewicht, seine Motivation ist jedoch nur mit Kenntnis von THOR nachvollziehbar.

Solche Details, so ärgerlich sie gerade im Vergleich mit den stärker geschriebenen Figuren sind, sind allerdings schnell vergessen angesichts der Schau- und Unterhaltungswerte des Films. Der Humor kommt hier nicht in Form einer ungelenk die Handlung unterbrechenden Sitcom-Episode (THOR), sondern entsteht organisch aus den Charakteren heraus und äußert sich in einer schier endlosen Flut von treffsicheren, aber in angenehmer Beiläufigkeit vorgebrachten One-Linern. In den Action-Szenen behält Whedon die Übersicht und lässt sie, obwohl größer und spektakulärer als je zuvor bei Marvel, doch geerdeter wirken, was besonders beim Vergleich von Scarlett Johanssons Actionszenen hier mit ihrer kurzen, lächerlich überzogenen in IRON MAN 2 auffällt. Auch in weniger actionreichen Sequenzen dürfte der Look des Films Comic-Freunde erfreuen, denn immer wieder wählt Whedon Einstellungen, die durch ungewöhnliche Perspektiven an Comic-Panels erinnern.

Trotz allem ist MARVEL'S THE AVENGERS natürlich nicht gerade revolutionär. Wer den Superhelden-Hype bisher nicht verstanden hat und mit keinem von Marvels Charakteren etwas anfangen konnte, wird hier zweifelsohne nur einen weiteren uninteressanten Superhelden-Blockbuster sehen. Wer allerdings - selbst, wenn sich mittlerweile Ermüdungserscheinungen eingestellt haben - irgendetwas für das Genre übrig hat, sollte den Film auf keinen Fall verpassen. Whedon dürfte hier einen neuen Genre-Maßstab gesetzt haben, der (nicht nur) für Marvel schwer zu erreichen oder gar zu übertreffen sein wird. Der erhoffte Höhepunkt des Shared Universe ist MARVEL'S THE AVENGERS ohne Frage. Eigentlich - ein Bisschen Wunschdenken muss erlaubt sein - auch ein guter Schlusspunkt.










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